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Kais Buchtagebuch – „Isaac Asimov´s Science Fiction Magazin 31“ (USA, 1987/BRD, 1988)

Kais Buchtagebuch – „Isaac Asimov´s Science Fiction Magazin 31“ (USA, 1987/BRD, 1988)

„Isaac Asimov´s Science Fiction Magazin“ ist eine regelmäßig erscheinende Sammlung von Science Fiction und Fantasy Kurzgeschichten (seit 2017 alle zwei Monate) im Taschenbuchformat. Asimov sollte ursprünglich nur seinen Namen dafür hergeben, aber er wollte doch noch etwas mehr beisteuern, und so war er zuständig für die Beantwortung der Leserbriefe und das verfassen von Editorials,was er bis zu seinem Tod 1992 machte.

In Deutschland nun erschienen diese Sammlungen bei Heyne (dessen Science Fiction Abteilung damals vom legendären Wolfgang Jeschke geführt wurde), wobei hierzulande nur die Geschichten aus dem Magazin veröffentlicht wurden, die Leserbriefe und Kritiken blieben uns leider vorenthalten. Die hätten auch interessant sein können.

Pat Cadigan – „Engel“ (USA, 1987)

Die erste Geschichte dreht sich um eine namenlose Protagonistin und ihren (oder seinen, das wird nicht zu 100% klar) Freund, der nur als Engel bezeichnet wird, weil er überirdische Kräfte besitzt (so kann er Leute beeinflussen, das kostet ihn aber viel Energie). Und taucht seine vorherige Begleitung auf und möchte ihn gerne wieder zurückhaben.

Die Geschichte ist von 1987, wirkt aber erstaunlich aktuell mit den sexuell ambivalenten Figuren, auch wenn sie heutzutage nicht mehr ganz so außerhalb der Gesellschaft stehen, wie es hier beschrieben wird. Andererseits gehöre ich da auch nicht dazu, also was weiß ich schon…

James Patrick Kelley – „Die Glaswolke“ (USA, 1987)

Diese Geschichte ist etwas länger. Zunächst geht es um einen Künstler, dessen Vision kurz vor der Vollendung steht. Und je näher es an die Präsentation für die Öffentlichkeit kommt, desto mehr scheint er sich von dem Werk zu entfremden, da es nicht so wirkt, wie er es sich vorgestellt hat. Später steht dann mehr sein Verhältnis zu den Aliens im Vordergrund, die vor einiger Zeit auf der Erde gelandet waren, und sich als wohltätig zeigen wollen (und sich als der besserwisserische nervige Typ Außerirdische outen), es wirkt aber irgendwie mehr wie ein Kult. Was ganz witzig ist, weil die Aliens, wie sich später raus stellt, nur wenig von Spiritualität halten, und sich ganz der Technik hingeben (die ihnen ja auch eine gewisse Art von Unsterblichkeit garantiert).

Somit berührt diese etwas längere Kurzgeschichte verschiedene Themen (vom Verhältnis des Künstlers zu seinem Werk, bis hin zu der Tatsache, dass auch technischer Fortschritt beinahe kultisch verehrt werden kann, vor allem, wenn es um Unsterblichkeit geht).

Bruce Sterling – „Die Blumen von Edo“ (USA, 1987)

Überraschenderweise ist der Schauplatz hier das Tokio des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in dem Elektrizität etwas neues darstellt. Wir begleiten zwei Japaner (einen Komiker und einen ehemaligen Samurai) auf einer Sauftour, schließlich landen die beiden bei einem Bekannten, vor dessen Fenster brandneue Stromleitungen vorbeiführen. Und auf einmal taucht ein Monster daraus auf (eine Art Elektrizitätsdämon?) und der Samurai stellt sich ihm mit einem Holzschwert gegenüber.

Die Geschichte hat einen schrägen Humor, auch der Kampf gegen das Untier wird eher witzig dargestellt (ich meine, er verfolgt das Ding mit nem Holzschwert in der Hand, total besoffen wie er ist). Ganz klar, wird hier der Konflikt zwischen Tradition und Moderne gezeigt, und der Autor hat das passende Setting dafür gefunden. Fand ich gut.

Pat Murphy – „Rachel ist verliebt“ (USA, 1987)

Bei Rachel handelt es sich hier um eine Schimpansendame, allerdings keine gewöhnliche, denn ihr wurde das Bewusstsein eines 17-jährigen Mädchens versucht einzupflanzen. Das hat nicht zu 100 Prozent funktioniert, und sie ist nun ein bisschen von beidem. Dummerweise wissen das die Leute nicht, die sie einfangen und in eine Anstalt für Tierversuche bringen. Dort soll sie sich mit einem Schimpansenmännchen paaren. Andererseits beginnt sie sich auch für den Hausmeister zu erwärmen, weil das der einzige ist, der sie nicht nur als Affen behandelt.

Die Geschichte ist nicht nur eine wenig schmeichelhafte Darstellung von Tierversuchen, sondern schafft es auch, eine ganz niedliche Geschichte über erste Gefühle und Liebe zu werden. Zum Glück, ohne dabei in Schnulz zu verfallen.

James P. Blaylock – „Myron Chester und die Kröten“ (USA, 1987)Das ist eine Geschichte um ein Kaleidoskop. Nein, eigentlich nicht, das Kaleidoskop ist nur der Grund, warum der Protagonist Nacht für Nacht aus dem Fenster schaut. Denn wenn man durch zwei Kaleidoskope schaut, und beide das gleiche Muster zeigen, dann könnte man womöglich in eine andere Dimension gelangen…oder einfach nur durchdrehen. Jedenfalls kann er so zum einen sich seltsam verhaltende Reptilien und Amphibien sehen (also getarnte Aliens), und einen Nachbarn, der von Außerirdischen entführt wurde und nun versucht, wieder welche aufzutreiben, wahrscheinlich um seinen guten Ruf wieder herzustellen.

Seltsame Geschichte, von der ich nicht wirklich weiß, was ich halten soll. Will uns der Autor zeigen, wie Alien-Entführungsopfer in der Öffentlichkeit an Ansehen verlieren? Oder irgendwas mit Chaos und Zufall? Oder einfach nur unterhalten?

Andrew Weiner – „Wellen“ (USA, 1987)

Der Hintergrund hier ist eine post—wirtschaftskrisische Gesellschaft, in der die meisten Leute nur noch von staatlicher Hilfe leben. Das hindert sie aber nicht daran, dekadente Partys zu feiern, oder ihrem selbstverwirklichendem Lebensstil nachzugehen (nicht zuletzt die wohlhabende Künstlerin/Bühnensau, die aus Gehirnwellen Lasershows macht) . Zumindest die Leute, die wir hier kennenlernen und in ihrer Künstlerkommune leben. Doch kaum gibt es wieder Jobs, kehren sie wieder in ihre alten Leben zurück, liegen dafür aber auch nicht mehr dem Staat auf der Tasche. Wenn Geld und soziale Sicherheit locken, steht die Kunst für die meisten eben nicht mehr hoch im Kurs. Etwas langatmig.

Ute Bauer – „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde…“

Die letzte Geschichte ist auch die einzige aus Deutschland. Sie erzählt von einem Astronauten, der auf eine verwüstete Erde zurückkommt. Er ist vermutlich der letzte Überlebende. Die Geschichte ist nur wenige Seiten lang und daher noch ein schöner Happen zum Ende.

Bei solchen Kurzgeschichtensammlungen ist es immer so, dass Geschichten dabei sind, die einem besser oder weniger gut gefallen. Hier ist immerhin keine dabei, die mir überhaupt nicht gefällt. „Die Glaswolke“ und „Wellen“ sind etwas zu lang, wobei erstere Spaß macht, nachdem die Außerirdischen nicht mehr nur als bloße Moralapostel gezeigt werden (eigentlich ist das ja auch nur, was der Protagonist denkt).

Sehr gut gefallen haben mir „Die Blumen von Edo“ und „Rachel ist verliebt“. Das werden auch die Geschichten sein, die mir am längsten im Gedächtnis bleiben werden, die eine wegen des Humors und dem ungewöhnlichen Setting, die andere, weil sie, naja, eben auch was für´s Herz ist.

Und die anderen Geschichten? Nun, die nerven nicht, aber ich glaube kaum, dass ich mich an diese in ein paar Monaten erinnern werde, und das spricht ja nicht für diese.

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Verfasst von - Juni 22, 2018 in Buchtagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Mordgedanken“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Mordgedanken“ (BRD, 1975)

Heute gibt es schon wieder einen Tatort, und schon wieder einen mit Kommissar Brammer, der ja erst kürzlich seinen Einstand feierte. Gut, in der Tatort-Reihenfolge trennen die beiden 7 Episoden, aber hier wird ja etwas durcheinander veröffentlicht.

Die Eröffnungsszene zeigt einige Bahnbedienstete, die sich einen Güterzug anschauen, dabei findet einer ein verdächtiges Paket, jedoch nicht, bevor es von einem Schnitt auf den anderen düsterste Nacht geworden ist. Das Paket wird im Pausenraum vom Bahnpersonal geöffnet. Was müssen das noch für Zeiten gewesen sein, als man bei so etwas nicht gleich an Bomben dachte. Der Inhalt ist aber nichts für schwache Nerven, es ist nämlich ein Frauenunterarm (tricktechnisch dadurch gelöst, dass jemand seinen Arm reinlegte und man nur die Hand und Teile des Unterarms sieht, mit ein paar Holzspänen und roter Sauce). Darauf folgt die Titeleinblendung, mit der Anmerkung, dass diese Geschichte ganz echt und ziemlich genau so passiert ist und man nur Namen verändert habe.

Auf dem Revier erfahren wir, dass nun schon zwei Kartons mit Extremitäten gefunden wurden (dieser hier bei Hannover und einer Richtung Bayern). Während ein Kollege gerne mehr von seinem Urlaub erzählen würde, beschäftigt sich Brammer mehr mit den gefundenen Extremitäten. So hat er sich vom örtlichen Obduzenten sagen lassen, dass der Arm halbwegs geübt abgetrennt wurde und es ein französischer Nagellack ist.

Wie gut, dass nun zu einer französischsprachigen Familie geblendet wird. Natürlich kann man am Dialekt erkennen, dass es Belgier sind. Es wird aber auch einiges später darauf hingewiesen, dass wir gerade in Brüssel sind. Töchterchen Daniele erzählt von dem geplanten Gebirgsurlaub mit einer Bekannten. Am Flughafen kauft sie sich jedoch direkt Ansichtskarten und schreibt diese während des Hinflugs. Hoffen wir mal, dass es dort Postkarten mit Bildern des Ziels zu kaufen gab, sonst könnte das etwas seltsam wirken, wenn man statt eines tollen Alpenpanoramas nur die Stadtansicht Brüssels bekommt. Auf dem Flug lernt Daniele einen Kirschlikör schlabbernden Bahnfuzzi kennen, ich meine, sie lernt Bundesbahnoberrat Sperling kennen. Sie erzählt im zwar, weiter nach Genf fliegen zu wollen, aber als er sie ein Bahnticket nach Rhüden kaufen sieht, statt umzusteigen, fährt er ihr natürlich hinterher. Er wird doch nicht…

Nun werden ein paar Figuren mehr vorgestellt. Zum einen wäre da Edmund Freese, der jemanden, offenbar Daniele, vom Bahnhof abholen möchte. Dummerweise ist er aber einen Zug zu früh da und so geht er nochmal los, um Dinge zu erledigen. Dann gibt es da noch den Rechtsanwalt Kenzie, der seine Liebste (und Freeses Nichte) Ricki vom reiten abholt. Scheinbar heißt Rickis Vater Alfred (also Freeses Schwager, nur dass Alfred mit Nachnamen Georgie heißt) die Verbindung nicht so wirklich gut, jedenfalls sollen er und die Familie davon nichts wissen.

Unterdessen wurde scheinbar ein dritter Karton mit einem Frauenfuß gefunden (übrigens ist der erste Karton der einzige, den wir geöffnet bewundern durften, bei den anderen wird nicht mal gezeigt, wie sie gefunden wurden, es wird uns nur erzählt, das ist wohl günstiger gewesen). Die altgedienten Ermittler in Baden-Baden wundern sich, dass Brammer in dieser scheinbar aussichtslosen Sache freiwillig ermittelt, und ich wundere mich über Zuständigkeiten in Deutschland. In verschiedenen Bundesländern tauchen Leichenteile auf Güterzügen auf, wer ist denn nun verantwortlich? In diesem Fall eben die in Hannover, weil sie sich darum reißen.

Kenzie unterhält sich mit Freese, scheinbar ist er nicht nur Anwalt, sondern auch Freund der Familie (und eben Nichten-Stecher, wobei es wohl auch irgendwas zwischen Rickis kürzlich verstorbener Mutter und Kenzie gab, so richtig wird das aber nie gesagt, nur als Gerüchte und Getuschel erzählt). Freeses im Ausland (Brasilien, um genau zu sein) lebende Ehefrau scheint sich endlich scheiden lassen zu wollen. Das kommt diesem aber gar nicht recht, nicht wegen der Gefühle natürlich, es geht ihm um ihr Geld, das in seiner Fleischkonservenfabrik steckt. Jetzt hat Freese aber erst mal einen vollen Terminkalender. Er muss nicht nur zur Beerdigung seiner Schwägerin (wo sein Schwager Alfred sehr angespannt ist), sondern auch zum Bahnhof, um diesmal Daniele wirklich abzuholen, was jetzt auch klappt. Übrigens bekommt man hier eine schöne Dampflok zu sehen, immerhin durften diese noch zwei Jahre lang im Bahnverkehr verkehren. Erst 1977 wurde die letzte Dampflok aus der Personenbeförderung entlassen. Äh…weiter im Krimi. Der seltsam-neugierige Sperling steigt auch mit aus, nachdem er aber ein von Daniele weggeworfenes Stück Papier aus dem Müll fischt, wird er von der Bahnpolizei abgefangen. Das folgende Gespräch wird leider nicht gezeigt, dürfte aber wohl irgendwas von „ich bin ihr Chef“ und „ich gehe hier nur meinen seltsamen Hobbies nach“ beinhaltet haben.

Brammer wird von seinem Chef zusammengefalten, weil er sich als Versicherungsmensch ausgegeben hatte. Danach bespricht er mit seinen Mitarbeitern den Fall, wobei hier aus irgendeinem Grund seltsam gelacht wird. Und die Schlüsse, die Brammer zieht, kommen mir auch nicht ganz wasserdicht vor. Naja, man wollte wohl zeigen, dass in dem Fall auch noch ermittelt wird.

Freese ist mit Daniele zu einer Staumauer gefahren, um ein wenig spazieren zu gehen. Dabei macht er sich mit komischen Andeutungen verdächtig („Niemand weiß, wo du bist“) und erschrickt sie verdächtig am Rande der Staumauer. Nach einer Begegnung mit einer ebenso seltsamen Frau (Freeses Sekretärin, wie wir später erfahren werden) bringt er seine Geliebte ins Hotel.

Später am Abend trifft sich der Konservenfabrikchef mit seiner Sekretärin eben dort, in der Fabrik. Diese hat vor 11 Jahren dafür gesorgt, dass die erste Ehe von Freeses noch Ehefrau geschieden werden konnte (sie brachte den damaligen Ehemann in Misskredit), und wäre nun gerne mal mit Freese zusammen, auch wenn sie weiß, dass es nicht aus Liebe sein wird („Liebe, was ist das? Ein ausgetrunkenes Glas Wasser.“). Deshalb ist sie nur wenig von Danieles Anwesenheit begeistert. Er gibt ihr zu verstehen, dass sie erst mal in den Urlaub fahren solle.

Als Freese nach Hause kommt, findet er seinen Hund tot vor. Sofort holt er sein Gewehr aus dem Schrank und ruft dann den Tierarzt an, damit er schauen könne, woran der Hund gestorben ist. Ich kann mich nicht erinnern, ob das je geklärt wird, aber ich fand, die Reaktion, zuerst den Tierarzt anzurufen seltsam genug, sodass ich das hier erwähnen wollte.

Bei Ermittlers wird weiterhin gerätselt. Und Brammer gibt mit seinem Wissen über historische Kriminalfälle an. Es folgen einige Lückenfüller (Daniele zum Beispiel geht nicht gleich ans Telefon, war aber nur im Bad, etc.). Schließlich kommt aber Sperling aufs Revier. Mittlerweile wurden schon 4 Leichenpakete gefunden, und der Kommissar und der Bahnoberrat versuchen herauszufinden, welche Stelle in Deutschland der Schnittpunkt der vier Güterzüge ist. Nach einiger Zeit kommen sie auf Rhüden (also da, wo sich bislang ein Großteil der Handlung abgespielt hatte). Brammer ist aber überraschend zögerlich, wohingegen Sperling sofort dorthin fahren möchte.

Während Freesen-Schwager Alfred sich seltsam benimmt und das mit Ricki und Kenzie rausbekommt, führen Daniele und Freese selbst ein ernstes Gespräch ihrer beider Zukunft betreffend bei ihm zu Hause, durchs Fenster beobachtet von der höchst seltsamen Sekretärin.

Sperling und Brammer kommen in Rhüden an und finden relativ schnell die in Frage kommende Brücke, von welcher aus die Päckchen auf die Güterwaggons geworfen wurden (es war scheinbar ein sehr kurzer Tag, denn es ist wieder ziemlich schnell Nacht geworden). Und ein Glück, dass sie gekommen sind, denn sie können einen Mann sehen, der eben dies tut. Leider kann er entkommen, und leider wird dem Zuschauer auch nicht gezeigt, wer das war. Immerhin scheint man auf der richtigen Spur zu sein, und so wird die Brücke observiert und die Kneipen in der Gegend von Polizisten in Zivil aufgesucht, um mögliche Informationen zu beschaffen. Freese, dessen Frau schon lange niemand mehr gesehen hat, da sie ja in Brasilien ist (oder nicht?), und der ja eine Fleischkonservenfabrik besitzt, also fürs Zerkleinern zumindest passendes Equipment besitzt, scheint ein passender Verdächtiger zu sein. Bevor aber weiter ermittelt werden kann, möchte Brammer nun wissen, warum Sperling denn überhaupt Daniele nachgereist ist. Logisch, meint er, er wollte eben mal etwas verrücktes machen.

Freese hat nun ein paar Probleme. Nicht nur, dass seine verrückte Sekretärin seine Geliebte aus dem Hotel abgeholt hat und wer weiß was mit ihr anstellt, nein, es kommt auch noch ein Typ seiner Versicherung in den Betrieb, der seltsamerweise wie Kommissar Brammer aussieht, und sich das Gelände anschauen möchte wegen einer möglichen Police-Erhöhung. Außerdem erwähnt Brammer auch noch grundlos eine Lebensversicherung für Freeses Frau. Brammer, ziemlich nervös, gibt dem vermeintlichen Stromberg einen Angestellten an die Hand, der ihn herumführen soll. Nachdem die zwei an einem verschlossenen Raum vorbeigekommen sind, für welchen nur der Chef persönlich den Schlüssel hat, verabschiedet sich Brammer von seinem Reiseleiter und schleicht sich in des Fabrikleiters Büro. Ich vermute, es ist wieder mal ziemlich plötzlich Nacht geworden, denn es befindet sich niemand anderes mehr im Betrieb, so dass dort er in aller Ruhe den Schreibtisch durchsuchen und den Schlüssel finden kann. Nicht nur das, er erwischt Freese auch dabei, wie dieser Kartons den Flammen übergibt, die genauso bedruckt sind, wie diese, um die es ja eigentlich die ganze Zeit schon geht. In dem Raum selbst aber gibt es nichts zu sehen, dennoch darf Freese die Nacht auf dem Revier verbringen. Sein Anwalt Kenzie hat leider sein Telefon ausgesteckt um ungestört mit Ricki schmusen zu können. Nun, bevor er dieses tat, kam doch noch ein Anruf herein. Freeses Frau kündigt sich an, wieder heim zu kommen.

Und so kommt es, dass sich alle Personen bei Freese zu Hause treffen, der Verdächtige selbst, der Kommissar samt Polizeischutz, Ricki und Kenzie, die Sekretärin, Alfred und endlich auch Freeses Frau Tina. Das ist irgendwie dumm gelaufen für den Kommissar, weil er diese eben als zerstückelte Leiche vermutete, und nun nichts mehr in der Hand hat. Gut, aber Daniele ist immer noch verschwunden, ein gewisser Verdacht besteht noch, doch da klingelt schon das Telefon. Und Sperling sagt, er habe Daniele am Flughafen wohl auf gesehen. Immerhin, während des Telefonats kann Brammer beobachten, dass Alfred sich die Schuhe mit genau demselben ungewöhnlichen Knoten bindet, der auch an der Paketschnur der Leichenpäckchen vorzufinden war. Außerdem wird er dauernd so nervös, dass er sich immer wieder von Ricki ein Zäpfchen geben lassen musste (also, ich hoffe nur in die Hand geben und nicht verabreichen…). Freese bohrt also ein wenig nach und fragt, was wohl im Sarg der toten Freese-Schwester vorzufinden sei, sollte dieser exhumiert werden. Das ist zu viel für den guten Alfred und er gesteht einen Giftmord an seiner Frau. Da aber nun in den Leichenteilen kein Gift nachgewiesen werden konnte, kann das schlecht sein. Überrascht fragt Alfred Ricki ob das wahr sei. Und warum? Nun, weil er und Freese dachten, Ricki hätte ihre Mutter vergiftet, schließlich fehlte ja auch etwas Arsen aus dem Väterlichen Apothekervorrat. Ihr Motiv hätte sein sollen, dass die Mutter nie zur Hochzeit zwischen Ricki und Kenzie zugestimmt hätte. Und darum haben Freese und Alfred die Tote zersägt und zu entsorgen versucht (übrigens gestorben an einer natürlichen Ursache, ich glaube an den Folgen eines schweren Magengeschwürs). Es gibt nun keinen Mord, aber die beiden Zersäger wurden zu 8 Monaten und zu einem Jahr verurteilt, wie uns eine Einblendung am Ende verrät. Schließlich ist das alles ja echt passiert und so.

Der zweite Tatort mit Kommissar Brammer ist vor allem zu Beginn etwas konfus. Das hält so lange an, bis man die verschiedenen verwandtschaftlichen Verhältnisse und Techtelmechtel zugeordnet hat. Der Hauptteil des Films beschäftigt sich auch damit, erst am Ende werden wirkliche Ermittlungen gezeigt. Nicht unbedingt ein schlechter Ansatz, zu versuchen, dem Umkreis der toten mehr Hintergrund zu geben. Und dadurch, dass sich so viele seltsam benehmen (und am Ende schließlich niemand der Mörder war), bekommt das beinahe einen ironischen Charakter. Etwas ungeschickt ist aber, das manche Sachen nicht so richtig gezeigt werden. So zum Beispiel, warum Kenzie immer ein schlechtes Verhältnis zu Rickis Mutter gehabt haben soll, zudem wirkt es von seiner Seite aus nicht so, als wäre er an einer Heirat interessiert, weshalb ich das größtenteils ignorierte. Ebenso, dass Arsen in Alfreds Apotheke fehlt. Es werden also unter anderem durch weglassen von Dingen (zum Beispiel auch die Todesursache des Hundes) falsche Fährten kreiert, was ich etwas unfair gegenüber dem Zuschauer finde. Man will ja schließlich selber mitraten. Manche werden aber auch durch seltsames Verhalten geschaffen (die Sekretärin zum Beispiel), was meiner Meinung nach sehr gut funktioniert. Und manches (wie zum Beispiel der Anruf bei Daniele, den sie erst nicht annimmt, weil sie im Badezimmer ist) dienen nur dazu, Zeit totzuschlagen, und nicht dem Spannungsaufbau.

Andererseits ist es ganz gut, dass Brammer nicht zu häufig vorkommt, er ist und bleibt nämlich ein alter Klugscheißer ohne große sympathische Werte. Ich jedenfalls hätte ihn nicht öfter sehen wollen. Da hat sich im Vergleich zum ersten Fall nichts geändert.

Bahnoberrat Sperlings Motivation, dem Mädel hinterher zu reisen kann ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, aber klar, er war der erste falsche Verdächtige. Dargestellt wird er von Ulrich Matschoss, der bei Schimanski 10 Jahre lang als Kriminaloberrat Karl Königsberg beschäftigt war.

Gunnar Möller (Freese) war auch immer wieder beim Tatort beschäftigt, gab zweimal den Hitler und erschlug 1979 seine Frau im Affekt. Nach einiger Zeit war aber dann auch wieder für Film und Fernsehen tätig. Gut, ich kenne die näheren Umstände des Falles nicht, finde es aber doch mal erwähnenswert.

Jutta Speidel ist die junge Ricki. Wie gesagt, so ganz kann ich die Beziehung zum Rechtsanwalt nicht nachvollziehen, da dieser nicht so wirklich an was festem interessiert scheint. Jutta Speidel selber ist ja bis heute relativ bekannt im deutschen Film und Fernsehen, durfte aber auch schon international tätig werden (z.B. im „Illuminati“). Damals lagen ihr die Schulmädchenreport-Jahre aber noch etwas näher.

Kleines, ganz kleines Kuriosum noch am Rande, statt am echten Rhüdener Bahnhof zu drehen wurde scheinbar einer in Goslar gewählt. Heutzutage sehen die aber sicher alle etwas anders aus.

Stefan Murr, der die Vorlage „Mord im September“ schrieb (übrigens ein Pseudonym von Bernhard Horstmann, was selber wie ein Pseudonym klingt), verwendete scheinbar wirklich echte Kriminalfälle als Grundlage. Wie viel davon aber schlussendlich übrig blieb, das kann ich nicht sagen.

Es bleibt mir also nur noch zu sagen, dass „Mordgedanken“ wieder mal eher durchschnittliche Krimikost bietet. Wirklich langweilig wird es durch das Auslegen der vielen falschen Spuren nicht, aber die Handlung ist doch etwas verworren. Das Ende finde ich zwar ganz witzig, aber den Kommissar leider daneben. Meh.

 
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Verfasst von - März 13, 2018 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Steffen Kopetzky – „Risiko“ (BRD, 2015)

Kais Buchtagebuch – Steffen Kopetzky – „Risiko“ (BRD, 2015)

Früher, das heißt in der guten alten Schulzeit, haben meine Freunde und ich uns gerne an den Wochenenden getroffen und die halbe (seltener auch die ganze) Nacht lang Brettspiele gespielt. Zwei Spiele erfreuten sich besonders großer Beliebtheit. Das eine war „Targui“, in welchem vier Tuareg-Stämme um die Vorherrschaft in der Wüste kämpfen. Das andere war „Risiko“, in welchem vier (oder mehr) Armeen um die Herrschaft über die gesamte Welt kämpfen. Denn die blöden Aufträge haben wir immer links liegen lassen, auch wenn uns das einiges an Spielzeit hätte sparen können. Letzten Endes entwickelten wir eigene Regeln, mit UN-Sicherheitsrat, eigenen Aufträgen und eigentlich neutralen Truppen.

In „Risiko“ geht es allerdings nicht um das Brettspiel, es kommt jedoch in einer frühen und zum Teil abgewandelten Version vor. Es wird die Geschichte von Sebastian Stichnote erzählt, einem jungen Funkobermaat der kaiserlich-deutschen Marine. Dieser befindet sich zu Beginn des ersten Weltkriegs auf dem Schiff „Breslau“. Wer sich etwas auskennt im Kriegsverlauf, wird wissen, dass die „Breslau“ und die „Goeben“ samt Mannschaft in die Dienste des osmanischen Reiches traten. Auf Umwegen gelangt Stichnote, der seine Vorgesetzten immer wieder durch sein Geschick beim titelgebenden Spiel beeindruckte, zur Niedermayer-Expedition, die im Auftrag des deutschen Kaisers und des osmanischen Herrschers bis nach Afghanistan reisen sollen, um dieses auf die Seite der Mittelmächte zu ziehen und um einen heiligen Krieg gegen die Russen und Engländer auszurufen.

Das ist allerdings nur die ganz kurze Zusammenfassung, den unterwegs müssen einige Abenteuer bestritten werden, und natürlich darf auch die Liebe nicht zu kurz kommen. AM besten gefallen hat mir die zweite Hälfte des Buches, da hier eine beinahe klassische Orient-Abenteuergeschichte erzählt wird, nicht umsonst fühlen sich einige Beteiligten der Expedition an Karl May erinnert. Wer so etwas mag, der wird seine Freude an dem Roman haben. Man könnte fast vergessen, dass die Geschichte während des ersten Weltkriegs spielt. Davor muss man jedoch die erste Hälfte des Buches überstehen. Wobei ich hier vor allem die Episode in Istanbul als Negativbeispiel hervorheben möchte. Gefühlt geht hier nichts voran. Natürlich sei dem Protagonisten seine kurze Zeit des Glücks mit seiner Liebsten gegönnt, aber es zieht sich etwas, vor allem, da man dank des Prologs ja weiß, dass Stichnote Richtung Afghanistan/Pakistan kommt. Ich jedenfalls war recht ungeduldig.

Der Schreibstil erfordert eine kurze Eingewöhnungsphase, mit all den historischen Bezeichnungen. Manche mögen ihn als zu sperrig empfinden, ich aber mochte das, außer in der von mir erwähnten Istanbul-Passage. Dort bekommen wir einen Vortrag eines Waffenhändlers, der es sich in sich hat, ohne, dass es wirklich irgendwohin führt. Das diente gefühlt nicht mehr dazu, Atmosphäre aufzubauen, sondern nur, um noch einige Seiten mehr zu schreiben. Andere Leser würden das vermutlich auch über die Teile sagen, in denen Risiko gespielt wird, aber wie ich schon andeutete, habe ich eine Schwäche für das Spiel und konnte da gut mitfiebern. Das Seltsame ist, dass es am Ende dann doch ziemlich schnell geht, als hätte der Autor zum Ende kommen wollen.

Was man sich immer vor Augen halten sollte, ist, dass das ganze ein fiktiver Roman ist. Ja, vor allem anfangs stimmt vieles mit der Geschichte überein, aber spätestens mit dem abenteuerlicheren teil und dann dem Ende wird klar, dass viel umgedichtet oder dazugedichtet wurde. Das ist im Allgemeinen kein Problem für mich (es geht ja schließlich nicht so weit, die Expedition als vollen Erfolg zu werten, oder dem deutschen Kaiserreich den Sieg zuzuschanzen), erst im Epilog werden die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion für mich zu sehr verwischt, wenn aus irgendwelchen Briefen von Camus Vater zitiert wird, die es nie gegeben hat (jedenfalls konnte ich darüber nichts finden), und alles etwas zu Happy End-mäßig erscheint. Immerhin wird in den Danksagungen nochmal extra erwähnt, dass es sich um einen fiktiven Roman handelt, der sich nur an historischen Ereignissen orientiert. Wer sich über diese informieren möchte, dem sei dieser kurze Text ans Herz gelegt, der einen groben Überblick verschafft.

Wie man rauslesen kann, mochte ich vor allem die zweite Hälfte, und auch den Anfang, nur in der Mitte, da hapert es für mich. Wer aber große Abenteuerromane mag, der darf gerne mal einen Blick riskieren. Jetzt würde ich gerne eine Runde Risiko spielen…

Veröffentlicht wurde „Risiko“ beim Klett-Cotta, mit einem Cover von Rothfos & Gabler, Hamburg unter Verwendung eines Fotos von Jan Lederbogen.

 
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Verfasst von - März 5, 2018 in Buchtagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Kneipenbekanntschaft“ (BRD, 1974)

Kais Tatorttagebuch – „Kneipenbekanntschaft“ (BRD, 1974)

Wie kann man einen Kommissar besser einführen als mit einem Udo Lindenberg Konzert (damals noch ohne Brille und ohne Hut)? Gar nicht. Darum beginnt dieser Tatort mit dem letzten Lied des Konzerts („Candy Jane“ wird gesungen) und einem kurzen Gespräch zwischen dem neuen Kommissar mit Namen Brammer und dem guten Udo.

Kurz darauf fährt Brammer zu seiner neuen Arbeitsstelle nach Hannover, wo er ob seines jugendlichen Alters von den Alteingesessenen kritisch beäugt wird. Und während er sich noch in seinem neuen Büro einrichtet, werden dem Zuschauer erst einmal die Akteure des heutigen Falles vorgestellt.
Zunächst wäre da Herr Kolltasch, der in einer Kneipe sitzt und sich gerne mit seiner Geliebten Anna Schmidt an diesem Abend verabreden würde. Leider hat diese gerade ein Kegelclubtreffen und auch scheinbar in letzter Zeit immer weniger Interesse an Kolltasch, sodass dieser den Cognac alleine stürzen muss.
Dann wäre da Herr Höfel, der gerade von seiner Frau in flagranti erwischt wird, wie er sie betrügt. Logisch, dass sie daraufhin die Scheidung will, doch Herr Höfel will nicht auf das Geld, das seine Frau in die Ehe bringt, verzichten und bringt als Drohung den armen Kakadu seiner Frau um.
Und dann wäre da noch ein junges Pärchen, das sich ständig streitet und wieder versöhnt. Die beiden sind gerade dabei, einen Flussfrachter, bei welchem der männliche Teil des Paares namens Ossie als Matrose angeheuert hat, zu verlassen, um eine feuchtfröhliche Nacht in Hannover zu verbringen.

Nachdem das geklärt wäre, können wir ja wieder zur Einstandsparty von Kommissar Brammer übergehen. Diese wird leider rüde unterbrochen (wo ich mir doch so gerne noch mehr altbackene Witze angehört hätte, von Ameisen, die Elefanten würgen und so), eine Leiche wurde gefunden. Anna Schmidt, die etwas ältere Geliebte von Kolltasch, wurde mit einem Strumpf erdrosselt. Das steht natürlich gleich am nächsten Morgen auf Seite 1 der Zeitungen. Kaum bemerkt Kolltasch dies, macht er sich auf die Socken und taucht erst mal unter. Ich finde es übrigens sehr gut, dass Getränkeauslieferer, und das ist Kolltasch, sich scheinbar am auszulieferndem Bier bedienen dürfen…morgens, halb zehn in Deutschland. Ich denke, das werde ich später auch.

Kommissar Brammer sucht aber zunächst den Stiefsohn von Anna Schmidt auf. Scheinbar hatten die beiden ihre Differenzen. Erhebliche, denn der Stiefsohn fand es nicht gut, dass sie sich nach dem Tod ihres Mannes nur noch mit Kneipenbekanntschaften herumtrieb und hat sie auch schon mal in ihr Zimmer gesperrt wie einen Teenie. Allerdings kann der Stiefsohn ein Alibi vorweisen, auch wenn es nur von seiner Frau kommt. Zwar wird er später nochmals kurz verdächtigt, aber das stellt sich dann nur als Racheaktion eines ehemaligen Angestellten heraus.

Immerhin hat Brammer mittlerweile auch schon ermittelt, dass Höfel, Anna Schmidt und das junge Pärchen (Ossie und Eva) in der Tatnacht in derselben Kneipe saßen. Und er weiß von Anna und Kolltasch. Deswegen lässt er zunächst nach ihm fahnden, da er als Einziger ein Vorstrafenregister aufzuweisen hat.
Kolltasch wird auch schnell gefunden. Kein Wunder, wenn man nur noch nervös rennend durch die Gegend ähm…rennt. Da fällt man eben auf. Doch Kolltasch hat auch ein Alibi und wird nach einiger Zeit wieder frei gelassen. Er habe sich nur versteckt, weil er Angst vor der Polizei hat. Und ein Depp ist, denn so was macht einen eben erst recht verdächtig.

Dann wäre da noch Höfel, der wohl von Anna Schmidt Geld wollte, aber auf den wir unerklärlicherweise nicht näher eingehen, da ihm seine Geliebte auch ein Alibi gibt.

Tja, bleiben nur noch Eva und Ossie, die mittlerweile aber in Kiel sind. Kein Problem, rasch dorthin gefahren, Schiff gefunden, ausgefragt. Eva hat scheinbar nach dem Kneipenbesuch noch in einer Telefonzelle mit ihren Kindern telefoniert (die werden sich sicher gefreut haben, von ihrer besoffenen, durchgebrannten Mutter zu hören, mitten in der Nacht) und beobachtete dabei, wie Ossie und Anna in einen Park gegangen sind. Sie dachte sich aber scheinbar nichts dabei. Wie naiv ist die denn?
Im Park jedenfalls sollen Ossie und Anna zunächst einvernehmlich rumgemacht haben, doch dann wollte Anna nicht mehr und Ossie hatte sie dann ein wenig gewürgt. Aber erst nach dem Verkehr hat er sie dann vollständig erdrosselt. Ich weiß ja nicht, ob es das besser macht… Zum Verhängnis wurde Ossie nicht nur, dass er der Letzte auf der Liste der Verdächtigen war, sondern dass er Anna mit Hilfe eines Seemannsknotens erdrosselt hatte. Kurz nach seinem Geständnis bei einer Tatortsbesichtigung rennt Ossie davon und wird von einem Laster überfahren.

Tja, das war er, der Einstand von Kommissar Brammer. Im Tatort wird er als jugendlicher Typ dargestellt, der Gitarre spielt und Udo Lindenberg kennt. Aber Knut Hinz spielt ihn eher hölzern und wenig jugendlich. Da macht er dann später in der Lindenstraße als Stotterer Hajo Scholz doch eine bessere Figur, weil sie ihm scheinbar besser liegt.

Die Kameraführung ist übrigens nicht so statisch, sondern es wird oftmals in die Richtung geschwenkt, in die die Protagonisten schauen. Das sieht ganz gut aus und vermittelt ein gewisses mittendrin Gefühl, wackelt aber doch hin und wieder ziemlich stark. Sehr gut gefallen hat mir die Befragung von Zeugen, in der die Personen direkt mit der Kamera gesprochen haben. Das gibt dem Ganzen eine Art dokumentarischen Stil.

Der Tatort an sich war gar nicht mal so schlecht, auch wenn ich nicht weiß, warum die Alibis, die einem von Frau und Geliebten gegeben werden auf einmal so glaubwürdig sind. Immerhin kennt man den Mörder nicht von Anfang an, alles wird erst im Verlauf aufgedeckt. Falls jemand an nackten Brüsten interessiert ist, die gibt’s hier zu sehen und allem voran natürlich Udo Lindenberg in jung und ohne Hut. Seinen Auftritt verdankt er sicherlich auch dem Umstand, dass er bei der originalen Titelmelodie der Krimireihe am Schlagzeug saß. Mittlerweile wurde diese ja schon zweimal überarbeitet.

Also das schlussendliche Fazit: Ein durchschnittlicher 70er-Jahre Tatort, der durch Brüste und Udo Lindenberg leicht aufgewertet wird. Aber das ist kein Grund sich auf die Suche nach dieser Episode zu machen.

 
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Verfasst von - März 4, 2018 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Tanja Kinkel – „Die Schatten von La Rochelle“ (BRD, 1996)

Kais Buchtagebuch – Tanja Kinkel – „Die Schatten von La Rochelle“ (BRD, 1996)

Es gibt Figuren, die sind über ihre ursprünglichen Werke hinaus gewachsen, sodass man diese nicht kennen muss, um sie zu kennen. Darth Vader wäre so ein Beispiel. Ein ikonisches Outfit, ein markantes Auftreten, gut, es hilft in diesem Fall auch, dass Star Wars-Charaktere auf so ziemlich allem abgebildet sind, womit sich Kohle scheffeln lässt. Sherlock Holmes ist ein Beispiel, das durch seine unzähligen Inkarnationen im allgemeinen Gedächtnis ist. Jeder kann etwas mit diesem Namen etwas anfangen. Ebenso ist es mit dem Widersacher der drei Musketiere (und D´Artagnan plus Gastauftritt in Alatriste).

Nun ist der Kardinal nicht die Hauptfigur in „Die Schatten von La Rochelle“, auch, wenn sich die ganze Handlung schlussendlich um ihn dreht. Nein, bisweilen tritt er gänzlich in den Hintergrund und man verfolgt das Tun seiner Nichte Marie von Aiguillon. Und natürlich wäre eine Geschichte dieser Zeit nichts ohne eine zünftige Verschwörung, nämlich den letzten Versuch eines Mordanschlags auf Richelieu, angestoßen von seinem ehemaligen Schützling Cinq-Mars.

Unterbrochen wird die Erzählung immer wieder durch Rückblicke, die die weiteren Hintergründe und den Werdegang des Kardinals erklären (darum verzichte ich hier auch auf eine detaillierte Erläuterung, was es mit der titelgebenden Hafenstadt auf sich hat. Nur kurz, das saßen die Hugenotten drin, und die waren nicht nur wegen ihres Glaubens, sondern auch ihrer Kontakte zu England dem Kardinal ein Dorn im Auge).

Neben den historisch verbürgten Figuren und Tatsachen webt Tanja Kinkel auch das eine oder andere erfundene Element mit hinein. Das ist im Falle des Attentäters ganz stimmig, die Zofe von Marie wirkt allerdings etwas weniger passend, mit ihrer Romanze mit einem missionierten Ureinwohner des amerikanischen Kontinents. Man könnte fast meinen, hier sollen klischeehafte Hausfrauenträume bedient werden. Glücklicherweise kommt das nur ganz am Rande vor.

Richelieu wird hier völlig entgegen seinem Bild aus Musketieren und Co. dargestellt. Er ist zwar ehrgeizig, und scheut sich nicht, drastische Maßnahmen anzuwenden, um seine Ziele zu erreichen, dennoch ist es nicht die pure Boshaftigkeit und Machthunger, die ihn antreibt. Er möchte eigentlich nur die französische Krone, beziehungsweise den Staat Frankreich erhalten.

Nun schrieb ich zwar, dass die Hintergründe erklärt werden, aber längst nicht alle, und es hilft, wenn man zumindest ein wenig Vorwissen hat, oder zumindest die Musketiere schon mal gelesen hat (etwas, das ohnehin jeder mindesten einmal im Leben gemacht haben sollte). Dann versteht man manche Hinweise und Anspielungen auf Begebenheiten und man lässt sich nicht so leicht von den verschiedenen Titeln und Anredeformen der hohen Damen und Herren aus der Fassung bringen. Das sorgt zwar für authentisches Flair, könnte aber den unvorbereiteten Leser etwas auf dem falschen Fuß erwischen. Etwas gewöhnungsbedürftig könnten auch die Perspektivenwechsel innerhalb einer Seite sein.

Noch ein Wort zur Autorin. Tanja Kinkel ist mittlerweile bekannt für ihre historischen Romane (im Februar kommt der neueste davon raus, irgendwas mit den Brüdern Grimm und Morden, und ja, das ist ein zeitlicher Zufall). Das hier ist jedenfalls schon der zweite, den ich von ihr lese. Ich fand das Buch sehr unterhaltsam, leicht verständlich geschrieben (mal von den verschiedenen Titeln und Anreden abgesehen) und fand es nett, mal einen Blick auf den menschlicheren Richelieu zu werfen. Dennoch möchte ich den miesen Schurken nicht missen.

 

Gelesen habe ich die Ausgabe des Goldmann Verlags, für die Umschlaggestaltung zeichnet das Design Team München verantwortlich, unter zuhilfenahme eines Fotos von Artothek/Christie´s, Claude Joseph Vernet.

 
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Verfasst von - Januar 9, 2018 in Buchtagebuch, Kurzes Tagebuch

 

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Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Dario Argento ist ein Regisseur mit einem ganz eigenen Stil. Meist steht bei ihm die visuelle Darstellung und die Atmosphäre im Vordergrund, und weniger eine schlüssige Handlung. Nun habe ich kürzlich seinen ersten Film (bei dem er auf dem Regiestuhl saß, als Drehbuchautor war er schon eine ganze Zeit lang davor tätig, so hatte er zum Beispiel bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ mitgewirkt) gesehen. Nicht mein erster Argento, aber so war es doch umso interessanter zu sehen, wie einige seiner Trademarks schon von Anfang an vorhanden waren.

Der Film beginnt damit, dass eine junge Frau ohne ihre Einwilligung oder ihr Wissen von einem Fremden fotografiert wird. Wie sich schnell herausstellt, ist der Unbekannte nicht auf der Suche nach Italiens next Topmodel, sondern ist der Serienmörder, der in Rom umgeht, und das Mädel ist sein neuestes (drittes) Opfer.

Nun lernen wir den Helden des Films kennen, Sam Dalmas sein Name, und er erklärt seinem Kumpel (und damit auch dem unbedarften Zuschauer) in aller Ausführlichkeit, wer er ist, und was er in Rom macht (Kurzfassung: Amerikaner mit Schreibblockade, im Italienurlaub ging nun das Geld aus und er übernahm eine Auftragsarbeit, scheinbar eine Vogelabhandlung). Nun ist er eigentlich nur gekommen, um seinen Scheck abzuholen.

Auf dem Heimweg kommt er an einer Kunstgalerie vorbei und erblickt dort durch das Schaufenster eine Rangelei zwischen einer schwarzgekleideten Person, einer jungen Frau und einem Messer. Sam versucht einzugreifen, bleibt aber im Zwischenraum von äußerer und innerer Tür stecken (weil sich keine von beiden mehr öffnen lässt). Dennoch reicht das aus, um den Messerschwinger zu vertreiben und einen Passanten die Polizei rufen zu lassen, die Herrin der Galerie hat sich allerdings dennoch eine (nicht-tödliche) Stichwunde zugezogen.

Inspektor Morosini begutachtet mit Sam den Tatort und nimmt diesen dann mit aufs Revier. Augenscheinlich ist er sich noch nicht sicher, was er von dem Amerikaner halten soll, und so zieht er erst mal dessen Pass ein. So wird das natürlich nichts mit der geplanten Heimreise (und ich frage mich, warum er sich nicht an die Botschaft wendet. Ganz egal, was die Argumente des Inspektor sind, das ist doch das einzig vernünftige in der Situation).

Immerhin muss Sam nicht auf dem Polizeirevier nächtigen, er darf nach Hause gehen. Bevor er jedoch in die Arme seiner holden Julia sinken kann, wird in den nebligen Gassen Roms erfolglos ein Anschlag auf ihn ausgeführt.

Am nächsten Morgen wird er vom Inspektor zu einer Gegenüberstellung eingeladen. Da er den Täter gesehen hat, soll er sich mal eine Hand voll Perverse anschauen, um zu sehen, ob da nicht der Täter dabei sein könnte. Interessanterweise gehört der Transvestit nicht in diese Gruppe (wohl aber Exhibitionisten, Sodomiten, Päderasten und Sadomaso-Fans. Die späten 60er/frühen 70er eben). Die Gegenüberstellung war aber offenbar nur ein kleiner Zeitvertreib, denn kurzerhand und ohne, dass sich Sam näher mit den potentiell Verdächtigen beschäftigt, gehen wir in die Hightech-Abteilung der Polizei. Dort berechnet ein Computer anhand der Daten über die verschiedenen Morde eine Täterbeschreibung. Ich weiß natürlich, dass das große Computerzeitalter damals noch in den Kinderschuhen steckte, aber die Täterbeschreibung (durchschnittlich groß, irgendwie braunes Haar, usw.) und die Ausgabe eines Bildes durch ein Nadeldruckverfahren ist schon ziemlich herzig. Sam jedenfalls betont immer wieder, dass ihm an dem beobachteten Mordversuch in der Galerie irgendetwas seltsam vorkam, aber er kann einfach nicht sagen was.

Das ganze Prozedere war jetzt also ziemlich fruchtlos, und Sam beschließt, eigene Ermittlungen aufzunehmen. Julia findet das zwar seltsam (da sind wir schon zwei), aber der Inspektor unterstützt Sam, alldieweil er ja hofft, dass dieser ihm irgendwann noch eine nähere Täterbeschreibung liefern könne.

Und so beschäftigt sich Sam mit den ersten drei Opfern etwas näher. Die Erste (die, glaube ich, die Tote aus dem Vorspann ist), arbeitete bei einem leicht aufdringlichem und offensichtlich auf Sam stehenden Antiquitätenhändler. Kurz vor ihrem Tod verkaufte sie ein sehr seltsames Gemälde (naive Kunst, die einen Mord an einer Frau auf dem Feld zeigt, also etwas, was jeder gerne über den Kamin hängen würde). Sam bekommt freundlicherweise eine Kopie davon.

Und noch etwas weiteres bekommt er, nämlich seinen Pass wieder. Inspektor Morosini ist der Meinung, Sam als Täter ausschließen zu können. Da dieser aber nicht gleich abreisen, sondern noch ein wenig weiter ermitteln möchte, bekommt er Polizeischutz. Zudem ruft der Killer Morosini an, um etwas anzugeben.

Sams weitere Nachforschungen führen ihn zum eingeknasteten Zuhälter des zweiten Opfers, welcher durch einen stotternden und lispelnden Sprachfehler glänzt und ausgesprochen hübsch ist. Zunächst kann der allerdings keine wirklichen Hinweise liefern.

Abends gibt es wieder einen Anschlag auf Sams Leib und Leben, nun, zunächst auf das Leben des armen Polizeibeamten, der zu Sams Schutz abgestellt war. Dieser wird einfach überfahren. Nun könnte man mit Sam und Julia natürlich das gleiche machen, aber stattdessen setzt der Killer seine Verfolgung zu Fuß fort. Der Anschlag missglückt, doch der Killer entkommt (der übrigens nicht der Galeriemörder ist, da wir ihn in vollem unmaskierten Antlitz bewundern können).

Sam möchte immer noch nicht in heimische Gefilde fliegen, und bekommt noch einmal verstärkten Polizeischutz.

Da sich Sam gut mit dem Zuhälter gestellt hatte, verschafft ihm dieser Kontakt zu einem Mann, der herausfinden kann, wer der Auftragsmörder war (dieser Kerl nimmt seine ’niemanden-verpfeifen‘-Politik sehr ernst). Während Sam also zu Hause mit Julia kuschelt und auf Ergebnisse wartet, bekommt er einen Anruf des Serienkillers, der ihm nahe legt, Fünfe gerade sein zu lassen und heim zu düsen.

Dadurch nicht eingeschüchtert besucht Sam die Adresse, die ihm der Kontaktmann mittlerweile hat zukommen lassen, und findet dort nicht nur eine ärmliche Behausung/Bruchbude vor, sondern auch die Leiche des glücklosen Auftragsmörders. Klar, die Polizei muss wieder mal her und aufräumen kommen. Außerdem hat der Inspektor noch anderes interessantes zu zeigen. Durch die Analyse der beiden Anrufe (Sam hat nämlich den Killeranruf aufgenommen) konnte festgestellt werden, dass es sich nicht um den gleichen Sprecher handelt. Außerdem ist auf Sams Aufnahme noch ein seltsames Geräusch im Hintergrund zu hören, das aber nicht näher bestimmt werden kann.

Jetzt hat der Amerikaner doch genug und beschließt, den Heimflug anzutreten. Julia könnte das nur recht sein, doch im letzten Moment kommt Sam doch noch eine tolle Idee und möchte den Maler des Gemäldes besuchen. Tolle Idee, jedenfalls für uns Zuschauer, weil uns doch so eine herrlich durchgeknallte Darbietung von Mario Adorf als Maler und Katzenliebhaber der besonderen Art äh..dargeboten wird.

Blöde Idee aus Julias Sicht, da diese, während Sam in der italienischen Provinz herumturnt, einen Besuch des Serienkillers bekommt. Julia stellt sich zunächst nicht ganz doof an, verbarrikadiert die Tür, sucht nach einem Fluchtweg, und bewaffnet sich. Schlussendlich verliert sie doch die Hoffnung, lebend aus der Sache herauszukommen, sinkt auf den Boden und wäre sicherlich das nächste Opfer geworden, wäre nicht Sam mit polizeitärem Anhang rechtzeitig erschienen und hätte den Bösewicht verjagt.

Nun stünde der Heimkehr eigentlich nichts mehr im Weg, würde da nicht Sams Kumpel (der vom Anfang, der mittlerweile auch die Aufnahme mit dem seltsamen Geräusch belauschen durfte) auftauchen und kund tun, dass er wüsste, was das Geräusch ist, nämlich der (im italienischen) titelgebende Vogel mit den Kristallfedern. Das einzige Exemplar, das man in Rom finden könne, befindet sich im Zoo.

Dort angekommen, fügen sich die restlichen Puzzleteile zusammen, und Ereignisse finden statt, die den Serienkiller enthüllen. Aber, haha, ich verrate nichts weiteres.

Das war also die erste Regiearbeit Dario Argentos. Vieles, was seine späteren Filme und Giallos (Krimis mit einem grafischeren Gewalt- und Nacktheitsanteil, fast ausschließlich aus Italien) ausmacht, ist hier schon zu finden.

Optisch fängt das mit dem schwarzgekleideten und schwarzbehandschuhten Täter an, den man anhand seines Aussehens nicht identifizieren kann. Kein Wunder, schließlich steckte Argento selbst mehr als einmal in dieser Kluft, und nicht der Schauspieler in Täterrolle. Hat natürlich nicht nur damit zu tun, dass der Regisseur das Publikum auf eine falsche Fährte locken wollte, sondern auch damit, dass er seine Vorstellungen direkt umsetzen konnte.

Die Morde glänzen aber nicht nur durch die Darstellung des Täters, und seine Fixierung auf Schneidewerkzeuge, sondern auch durch eine besonders intensive Farbgebung. Das Blut ist unnatürlich rot gefärbt. Das mag man den technischen Unzulänglichkeiten zu schreiben, aber es würde auch in das Bild Argentos als das eines sehr visuell arbeitenden Regisseurs passen.

Ein weiteres Merkmal des argentschen (argentoischen?) Schaffens sind die ungewöhnlichen Kameraperspektiven und das prominente in Szene setzen interessanter Architektur (hier vor allem ein dreieckiges Treppenhaus). Da dies Argentos erste Regiearbeit war, konnte er von Glück sagen, mit Vittorio Storaro einen Kameramann zu haben, der ebenfalls am Beginn seiner Karriere stand (es sollten noch Filme folgen wie „Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“ oder „Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen“, dem Exorzisten-Prequel), und der daher ebenso experimentierfreudig war. So konnte der Regisseur seine Vorstellungen leichter umsetzen und wusste bei späteren Projekten,was möglich war und wie man Bilder entsprechend komponierte. Zu Storaros Ideen zählten zum Beispiel die starken Spielereien mit Licht und Dunkelheit, unter anderem zu sehen, wenn Sam im Finale den Täter verfolgt und beinahe der ganze Bildschirm schwarz ist. Das trägt nicht unwesentlich zur Atmosphäre bei. Daneben wird noch auf Nahaufnahmen gesetzt, auf Handkameras (glücklicherweise ohne nerviges Gewackel) und auf Ich-Perspektiven. Dadurch, das Storaro aber immer dem Regisseur das letzte Wort überließ, verstanden sich die beiden sehr gut (und das, obwohl Argento eine Kamera aus dem Fenster warf und diese dann auch, erwartbar, zu Bruch ging). Dennoch blieb „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ die einzige Zusammenarbeit der beiden Italiener.

Eine weitere Eigenheit von Dario Argento ist es, immer wieder blitzlichtartig Erinnerungsfetzen einzublenden. Hier geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Ist das, was man glaubt, gesehen zu haben, das, was wirklich passiert ist, oder spielt die menschliche Eigenschaft, sich Dinge zu erklären, eine viel größere Rolle, als man denkt, nach dem Sinn „es kann nicht sein was nicht sein darf“.

In „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (und auch in anderen Argento-Filmen) findet sich eine Unmenge skurriler und kurioser Nebenfiguren, deren Eigenheiten maßlos übertrieben werden (siehe den Stotterer). Argento sieht sich allerdings nicht als einer, der diese Leute bloß stellt, sondern als einen, der sich für die Außenseiter der Gesellschaft interessiert und sie darum zeigt.

Zu den visuellen Gesichtspunkten gesellt sich ein Morricone-Soundtrack, der durch eine gegensätzliche Kombination aus improvisiert wirkenden Elementen und Kinderliedern viel zur unwirklichen Atmosphäre beiträgt, da es oft so wirkt, als würde nicht das dargestellte beschrieben werden. Dabei ist es interessant zu wissen, dass Morricone für den Score tatsächlich nur ein Grundgerüst für das Orchester zusammengestellt hat, während des Spielens allerdings viel dirigierte und arrangierte. Wer sich nun wundert, warum ein Anfänger einen Morricone gewinnen konnte, der sich in der Zeit schon mit der Musik für die Dollar-Trilogie einen Namen gemacht hatte, dem sei gesagt, das hier das Vitamin B wie Beziehung geholfen hat. Morricone war ein bekannter der Familie.

Kurzum, das Zusammenspiel der audio-visuellen Darstellung der Geschichte trägt viel zur unwirklichen, traumhaften Atmosphäre bei. Dazu kommt, dass die Mordszenen wie aus dem Nichts gezeigt werden. Auch der manchmal sprunghafte Szenenwechsel trägt dazu bei. Dieser kommt allerdings dadurch zu Stande, dass Argento Setpiece für Setpiece inszeniert und sich weniger um ein sinnvolles ineinandergreifen kümmert. Besonders auffällig ist das bei der Gegenüberstellungsszene, die ins Nichts führt, und man danach lieber ins Labor geht. Das kann man als künstlerische Absicht sehen, oder als das Unvermögen eines unerfahrenen Regisseurs. Dabei sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass sich Dario Argento vor der Regiearbeit als Filmkritiker und Drehbuchautor mit dem Thema Film auseinandergesetzt hatte, und er somit schon

ein wenig gewusst haben dürfte, was er tat.

Das Rom, das einem hier gezeigt wird, ist keines, das man von Postkarten her kennt. Ja, nicht einmal wird das Kolosseum gezeigt, stattdessen erwarten einen menschenleere Nebenstraßen und Bauplätze. Das gibt dem Film ein ungewöhnliches Aussehen. Und dann kommt hinzu, dass „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun beinahe 50 Jahre alt ist (junge, wen man sich das mal vorstellt…), und uns heute diese Zeit an sich schon sehr fremd vorkommt. Die modernen Techniken zur Fahndung wirken schon sehr drollig heutzutage.

Die Geschichte stammt übrigens nicht von Wallace-Sohn Bryan, wie es im Vorspann behauptet wird (damals wollte man nur auf den Zug der erfolgreichen Wallace-Verfilmungen dieser Zeit aufspringen), sondern von Fredric Brown, einem amerikanischen Science-Fiction- und Krimiautor (als „Die schwarze Statue“). Da Dario Argento aber nicht die Rechte erhielt, veränderte er ein Paar Dinge (so ist der Schauplatz nun Rom und nicht mehr Chicago), aber wenn man sich die Zusammenfassung durchliest, erkennt man den deutlich Film wieder.

Tony Musante gibt hier den Helden, auch wenn er optisch nicht so wirkt, sondern beinahe schon unsympathisch (das kann aber auch an mir liegen). Es passt allerdings hervorragend zu dem Film. Am Set ist er wohl des öfteren mit dem Regisseur aneinander gerate, weil er sich diesem nicht unterordnen wollte. Musante selbst hat es nie zum größten Ruhm gebracht, war aber doch gut (und oft fürs Fernsehen) beschäftigt (z. B. „Oz – Hölle hinter Gittern“).

Enrico Maria Salerno stellt einen Inspektor dar, der, Giallo untypisch, nicht völlig unfähig ist, sondern gleichberechtigt zur Hauptfigur gezeigt wird. Auf der italienischen Bühne ist er bekannt, vor allem aber als dortige Synchronstimme von Clint Eastwood.

Nun wird einen Absatz lang gespoilert.

Eva Renzi war eigentlich schon für einen anderen Film geplant. Da ihr damaliger Ehemann diesen aber nicht so toll fand, und sie auf ihn hörte, brauchte sie schnell eine andere Rolle, um Geld zu verdienen, und da kam ihr „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ gerade recht. Schlussendlich bereute sie aber, bei dem Film mitgewirkt zu haben, denn sie sah ihn als ihren Karierrekiller an (auch wenn sie ihn sich erst 20 Jahre nach Fertigstellung anschaute), das sie als Frau einen Mörder verkörperte. Zumal einen, für den sie keine Motivation sah.

Außerdem gefiel ihr die Zusammenarbeit mit Tony Musante überhaupt nicht, der ihr viel zu egozentrisch war. Zudem empfand sie die Frauen in dem Film nur als Opfer und/oder Werkzeuge der Männer (im Gegensatz zu Argento, der gerne auf seine starken Frauenrollen verwies). Und zu guter Letzt hätte sich sich wohl gerne mehr Führung durch den Regisseur gewünscht.

Trotz allem liefert sie hier eine gute Show ab und man merkt ihr den Unmut nicht an. Schade, dass sie es nie so empfand, als das sie als Schauspielerin respektiert wurde, und schade auch, dass ihr der ganz große Durchbruch verwehrt blieb.

Zu erwähnen wäre hier noch Mario Adorf, der als sehr exzentrischer Maler etwas Humor in den Film bringt (scheinbar war er in Italien bis dahin für Komödien bekannt), und Werner Peters („Das Herz von St. Pauli“, „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, „Das Mädchen Rosemarie“) in einer seiner letzten Rollen.

„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ ist ein Film, der eine unwirkliche Atmosphäre verbreitet, und dem das so gut gelingt, weil alles passt und darauf zugeschnitten ist. Darum wundert es mich nicht, dass er beim damaligen Testpublikum zunächst nicht gut ankam. Man muss sich etwas darauf einstellen. Ich kann ihn aber nur empfehlen, vor allem, wenn man ihn in der Fassung sehen kann, in der die vier Minuten zusätzlich mit dabei sind, die aus dem Original ursprünglich rausgeschnitten wurden. Im deutschen entstehen so einige verwirrende Szenen.

Übrigens gibt es den titelgebenden Vogel nicht wirklich. Der Vogel, der gezeigt wird, ist irgendein Kranich.

 
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Verfasst von - September 25, 2017 in Filmtagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Jussi Adler-Olsen – „Erwartung – Der Marco Effekt“ (Dänemark, 2012)

Kais Buchtagebuch – Jussi Adler-Olsen – „Erwartung – Der Marco Effekt“ (Dänemark, 2012)

Eben erst habe ich einen (ziemlich alten) Eintrag veröffentlicht, in dem es um eine Krimiserie ging, in der alte Fälle im Mittelpunkt stehen. Jetzt geht es um eine Buchreihe mit dem selben kriminalistischen Schwerpunkt. Dabei sollte ich vielleicht voran stellen, dass „Erwartung“ der fünfte Teil der Reihe um Ermittler Carl Mørck und sein Team ist, aber der erste, den ich davon lese (und die Filme hab ich auch nicht gesehen). Ich besitze also null Vorwissen.

Der Auslöser für die Ereignisse in Dänemark im Jahre 2011 liegt überraschenderweise im Kongo. Eigentlich liegt er noch viel früher, bei einer Bankenkrise, und einigen dänischen Bankiers und Politikern, die den kurzen Dienstweg nehmen wollten, um eben mal Milliardenbeträge zur Bankenrettung loszueisen. Und ja, das wird alles auf den ersten 40 Seiten erklärt, so dass der Leser voll im Bilde ist.

Im folgenden wird darum auch nicht viel Zeit verschwendet mit den Ermittlungen der Hauptfiguren der Reihe (Kommissar Carl Mørck, sein Assistent Assad und Rose, die auch eine Art Assistentin und Hilfspolizistin ist). Diese haben mit dem titelgebenden Fall erst nach ungefähr einem Drittel des Buches zu tun und beschäftigen sich bis dahin mit einem nicht weiter erwähnenswerten Flüchtigem und mit sich selbst. Mørck hat Probleme in der Beziehung, Probleme mit seinem Vorgesetzten und Probleme mit einem neuen Kollegen. Über Assad erfährt man nicht weiter mehr, als dass er sich gerade von einer schweren Verletzung erholt und erst langsam wieder wie sein altes Ich wird (und für alles und jeden ein seltsames Kamelgleichnis hat), und Rose möchte gerne echte Ermittlungsarbeit leisten.

Weitaus interessanter ist der Teil des Romans, der sich mit Marco beschäftigt. Marco ist ein 15 jähriger Junge, der einem Clan angehört, der seine Finger in allen möglichen kleinen und großen Verbrechen stecken hat (Bettelmafia, Taschendiebstahl, Einbruch, und wie sich zeigt auch Mord). Dabei war die Gruppierung anfangs scheinbar nur eine Ansammlung von Hippies und Aussteigern, die sich dann aber immer mehr zu einem wandelnden Klischee osteuropäischer Verbrecherbanden entwickelte (böse Zungen hätten sie früher wie eine in Verruf geratene Bezeichnung für eine Paprikagrillsauce genannt).

Marco jedenfalls ist unzufrieden mit der Situation, und als es für seine körperliche Unversehrtheit gefährlich wird, nimmt er lieber die Beine in die Hand. Auf der Flucht vor den Häschern des Clans stolpert er über die Leichen im Keller der Bande, und so kann er nun auf jeden Fall nicht mehr zurück. Stattdessen hat er immer mehr und immer gefährlichere Leute am Hals, die ihn lieber früher als später unter der Erde sähen. Und zur Polizei traut er sich auf Grund seines illegalen Status und seiner verbrecherischen Vorgeschichte auch nicht.

So beginnt eine spannende Jagd auf den Jungen, immer wieder unterbrochen durch die weniger spannenden Ereignisse um die Ermittler.

Ja, es tut mir leid, aber das ist eben die Schwachstelle „Erwartung“, dass dem Leser, der nicht die ersten Bände gelesen hat, zu wenig Informationen über Mørck und Co. gegeben wird. Ich weiß nicht genau, warum Mørck immer schlecht gelaunt ist, und ich kenne ihn nicht gut genug, um mich wirklich um seine Beziehungsprobleme zu scheren, vor allem dann nicht wenn man eigentlich lieber Marcos Geschichte weiterverfolgen möchte. Immerhin gibt es aber doch ein Paar Hintergründe zu ihm und seiner Vorgeschichte, bei Assad und Rose sieht das anders aus. Gut, so wie es scheint, wüsste man als Kenner der Reihe auch nicht so genau, was in Assads Vergangenheit passierte (ein irakisches Gefängnis wird angedeutet), und Roses großes Geheimnis scheint erst in einem der folgenden Bände aufgeklärt zu werden (jedenfalls suggerierte das ein Werbespruch so). Aber ich bin mir noch nicht einmal über die genaue Position, die sie einnimmt, sicher. Eine richtige Polizistin ist sie ja nicht. War sie nur mal Sekretärin und wollte dann mehr?

Der Teil um Marco ist sicher auch nicht gänzlich perfekt. So entkommt mir der Junge zu oft zu knapp. Da muss man manchmal seine Zweifel recht stark unterdrücken, um nicht den Spaß daran zu verlieren. Spannend und unterhaltend bleibt es so allerdings. Marco selbst ist ein Junge, der nur ein normales Leben führen möchte. Dazu kommt noch, dass er ziemlich clever ist. Meines Erachtens nach auch ein wenig zu clever, vor allem wenn man seinen familiengeschichtlichen Hintergrund betrachtet. Er ist einfach in allem etwas zu geschickt/begabt. Dennoch ist es eine Freude, wenn den dunklen, vorausplanenden Hintermännern ihre Konspiration immer mehr entgleitet, nur wegen eines Jungen.

Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen veröffentlichte seinen ersten Roman 1997 („Das Alphabet-Haus“), so richtig bekannt wurde er allerdings erst mit den Reihe um das Sonderdezernat Q. Diese Reihe soll, wenn sie dann vollendet ist, 10 Bände umfassen, mit „Erwartung“ ist also die Hälfte schon geschafft. Stand 2017 sind schon zwei weitere Bände herausgekommen, die Chancen stehen also gut, dass Adler-Olsen die 10 voll macht.

Ein bisschen Trivia habe ich auch. Als Sohn eines Psychiaters kam Adler-Olsen in jüngeren Jahren mit einem Patienten in Kontakt, den er für sehr sympathisch hielt. Wie ihm sein Vater aber dann erzählte, hat eben dieser Patient seine Frau umgebracht. Diese Vereinigung von Gut und Böse in einer Person beeindruckte den späteren Autor so, dass er den Kommissar nach ihm benannte.

„Erwartung – Der Marco-Effekt“ ist alles in allem ein spannender Thriller, der Fans der Reihe sicher mehr anspricht, als Einsteiger, denn dafür wird zu viel Zeit mit dem eigentlich weniger interessanten Plot um Mørck verbracht (vor allem hat man am Ende das Gefühl, dass diese Figuren sich kaum weiterentwickelt haben), mit dem Kenner der Reihe sicher mehr anzufangen wissen.

 
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Verfasst von - Juli 18, 2017 in Buchtagebuch

 

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