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Kais Buchtagebuch – Tonino Benacquista – „Malavita – Eine Mafia-Komödie“ (Frankreich, 2004)

Jetzt geht es um ein Buch, das ich doch schon eine Weile vor mich hergeschoben habe. Aber irgendwann muss man das ja auch mal abarbeiten, also los geht’s.

Malavita, so heißt der Hund der Familie Blake, Amerikaner, die in ein verschlafenes französisches Städtchen ziehen. Und eigentlich heißen die nicht „Blake“ sondern hören auf den viel mediterranen Namen „Manzoni“. Deren Vater war nämlich einst ein nicht unbedeutendes Rädchen im großen Getriebe der Mafia, musste dann aber das Zeugenschutzprogramm nutzen, vor allem, weil er vor Gericht gegen den Oberpaten aussagte. Und seitdem ist man eben mit Kind und Kegel auf der Flucht. Da sich vor allem Familienvater Giovanni meist verdächtig bis mafiös benimmt, sind die Manzonis (oder Blakes) nun mittlerweile in Frankreich angekommen (und haben auch dort schon den ein oder anderen Standortwechsel vornehmen müssen).

Durch eine wirklich ungewöhnliche Verkettung unglücklicher Ereignisse, für die man letzten Endes eigentlich niemanden, nicht einmal die autobiographischen Tendenzen des Familienoberhaupts, verantwortlich machen kann, kommen die Häscher der organisierten Kriminalität eben doch auf die Spur der Familie und in die französische Provinz. Und dann liegt es an Giovanni und seinem in Hassliebe verbunden Partner vom FBI die Bösbuben auszuschalten.

Das ist nun auf das allermindeste heruntergebrochen die Handlung von „Malavita – Eine Mafia-Komödie“. Natürlich erleben auch die anderen Familienmitglieder ihre kleinen Abenteuer. Der Sohn ist dabei, sein eigenes, kleines Mafia-Netzwerk unter seinen Mitschülern zu errichten und entfremdet sich immer weiter von seinem Vater, weil er dessen Verrat nicht verstehen kann. Die Tochter ist halt ganz hübsch und alle Welt liegt ihr zu Füßen. Die Mutter spioniert ein wenig im Privatleben ihrer Nachbarn und geht irgendwann in der Gemeindearbeit auf, nebenbei ernährt sie auch noch ihre FBI-Aufpasser. Unterbrochen wird alles immer wieder von ausgiebigen Erzählungen aus der Welt der Mafia und insbesondere des Werdegangs Giovannis Manzonis, der das ja, wie bereits erwähnt, schriftlich festhalten möchte.

Das ist nur leider alles andere als interessant, unterhaltsam oder richtig durchdacht. Die Tochter ist zum Beispiel so eine furchtbar unsympathische und/oder unlogische Figur. Alles läuft ganz prima bei ihr, aber sie darf nicht auf die Abschlussveranstaltung ihrer Schule, weil Giovanni zu viele Dummheiten angestellt hat, die unliebsame Aufmerksamkeit auf die Familie ziehen könnte. Also beschließt sie sich eben umzubringen. Ja, es gibt sicher so melodramatische Gestalten, aber bis dahin war davon nie die Rede, sondern nur, wie anständig sie doch sei. Das macht so leider keinen richtigen Sinn und richtig Sympathiepunkte gibt das auch nicht.

Beim Sohn ist es weniger schlimm. Seine Beweggründe werden ausgiebig erklärt und man kann auch verstehen, warum er mit seinem Vater fremdelt. Man könnte hier nur ankreiden, dass ihm alles ganz unproblematisch zu gelingen scheint (seiner Schwester zwar auch, aber da sie allgemein eine stinkend langweilige Persönlichkeit inne hat, fällt das nicht weiter ins Gewicht). Es wirkt sogar schlüssig, wie er sich später gegen seine Ziele, wieder der Mafia beizutreten, wendet.

Am schlimmsten ist jedoch, dass nie und nirgends wirklich gesagt wird, warum Giovanni seine Mafia-Freunde verraten hat. Das wirkt umso schwerer, weil er die ganze Zeit über seiner Zeit dort nachtrauert und Seiten lang über eben diese schwadroniert. Sogar im Finale wird mehr Wert darauf gelegt, die Personen, die dort gestoppt werden müssen zu beschreiben (und damit meine ich auch deren Geschichte) und weniger das, was wirklich passiert. Das wird beinahe beiläufig erzählt, es wirkt sehr indirekt. Klar, man muss nicht die Actionschraube anziehen. Aber es wirkte wie das, was einem am Ende erwartet, und wenn man das Buch bis dahin nur leidlich unterhaltsam fand und sich wenigstens auf ein spektakuläreres Finale freute, ist man doch enttäuscht, wenn das gefühlt nebenher abgehandelt wird. Vielleicht hatte ich auch die falschen durch den Film geweckten Erwartungen im Hinterkopf…eigentlich wollte ich noch gar nicht über das Ende schreiben, aber damit wäre das auch abgehakt. Eigentlich wollte ich sagen: Gib mir einen Grund, warum ich den Typen da die Daumen drücken sollte, und dazu gehört eben auch zu wissen, warum er die Aussage tätigte.

Etwas, das auch ein wenig schade ist, ist die Tatsache, dass die Bewohner des französischen Städtchens nicht auch etwas mehr Hintergrund erfahren, das heißt, wenn sie es tun, bleibt es bei einer Erwähnung und es spielt später keine Rolle mehr. Ich hätte es ja gut gefunden, wenn da jemand am Ende noch eine größere Rolle gespielt hätte. Wäre zwar auch klischeehafter gewesen, aber hätte vielleicht etwas mehr Spaß gebracht und zumindest einen Blickwinkel von außen auf diese seltsame amerikanische Familie geliefert, die den provinziellen Frieden stört.

Der Schreibstil, dessen sich Benacquista bedient, ist von kurzen Sätzen geprägt und bringt die Sachen auf den Punkt ohne groß herumzureden. Das macht auch Sinn, eingedenk dessen, dass das Buch von dem eher unbelesenen Mafiosi Manzoni stammen soll. Besonders ins Auge fallen die wortlosen Reaktionen von Gesprächspartnern, die nur durch Satzzeichen dargestellt werden (also: …! oder …?).

Tonino Benacquista hat schon den ein oder anderen Kriminalroman veröffentlicht, von dem auch schon der ein oder andere verfilmt wurde (zum Beispiel „Lippenbekenntnisse“). Auch dieser Roman hier bekam eine Verarbeitung auf Zelluloid spendiert. Nicht mal schlecht besetzt (u.a. Robert De Niro, Michelle Pfeiffer, Tommy Lee Jones, Luc Besson auf dem Regie-Stuhl). Wie erwähnt habe ich den vor ewigen Zeiten gesehen. Ich glaube, der war okay, zumindest nicht so aktiv ermüdend wie das Buch. Das Buch fand ich einfach leider nicht gut und es war wirklich anstrengend, es zu Ende zu lesen…

Ahja, der Vollständigkeit halber, das Buch erhielt eine Fortsetzung, die 5 Jahre später spielt.

 
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Verfasst von - Februar 20, 2019 in Buchtagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Sophie D. Crockett – Nach dem Schnee (UK, 2012)

Der Golfstrom strömt nicht mehr. Die westeuropäischen Industrienationen (zumindest Großbritannien) wurden davon überrascht, und im Zuge von Hungersnöten, Schneechaos und harten Wintern verlor man einen Großteil seiner technisch-zivilisatorischen Errungenschaften. China scheint die Gunst der Stunde genutzt zu haben und zur absoluten Weltmacht aufgestiegen zu sein.
In diesem England muss ein ca. 14-Jähriger Junge miterleben, wie seine Familie, die zurückgezogen in den Wäldern Wales´ lebte, von Soldaten verschleppt wird. Er macht sich nun auf die Suche, um sie wiederzufinden. Willo, so sein Name, steht dabei vor einigen Problemen. Zunächst hat er nur eine sehr vage Vorstellung davon, wo er nach seiner Familie suchen soll. Dann trifft er auf ein schmächtiges, halbverhungertes Mädchen namens Mary. Dieser nimmt er sich eine Zeit lang an. Schließlich verschlägt es die beiden in die Reste einer Großstadt, möglicherweise sogar London. Die arme einheimische Bevölkerung lebt dort in den Randbezirken, ärmlichen Gegenden und Slums, während die wohlhabende Oberschicht, die zum großen Teil aus Asiaten besteht, in einem Viertel mit durchgängiger Stromversorgung wohnt. Dort findet Willo über den Winter eine Anstellung als Privatschneider, verliert aber leider Mary aus den Augen. Dennoch kommt er in Kontakt mit der oberen Gesellschaftsschicht und hofft dort Informationen über den Verbleib seiner Familie zu finden.
Das Ungewöhnliche an dem Buch ist, dass nur aus Ich-Perspektive des Jungen geschrieben wird. So zieht sich ein jugendsprachlicher Stil durch den ganzen Roman. Abgehackte, oder elliptische Sätze bestimmen die Sprache, ebenso eigenwillige Formulierungen. Das störte mich am Anfang etwas, doch nach den ersten 10 Seiten empfand ich das alles ziemlich passend. Vor allem blitzen immer wieder Formulierungen und Beschreibungen durch, die beinahe als poetisch zu bezeichnen sind.
Die Ich-Perspektive erlaubt es aber auch die Veränderung und den Reifungsprozess es Protagonisten hautnah mitzuerleben. So wird wirklich realistisch und gefühlvoll erzählt, wie er sich, wenn auch unwillig, mehr für Mädchen, besonders für ein Spezielles zu interessieren beginnt.
Ein Kritikpunkt wäre , dass der Verfall der Zivilisation doch recht schnell von statten zu gehen schien, ich meine, die Zeitspanne von Beginn der klimatischen Veränderungen bis hin zum offenbaren Zusammenbruch der politischen Institutionen ist ziemlich kurz. Andererseits wird mir ja nur das gesagt, was der Junge weiß, und das ist nicht so viel. Man muß sich einiges schon selbst zusammen reimen. Wer weiß also, was noch alles zu dieser Zukunft geführt hat.
Dann gibt es da noch einen anderen Punkt. Die Chinesen werden als die wirtschaftlich starke und herrschende Klasse beschrieben, so hat zum Beispiel das chinesische Viertel so viel Strom, um auch Schaufenster zu beleuchten, im Gegensatz zum Rest der Stadt, die nur im Sparmodus beleuchtet ist. Die Situation stellt also quasi ein Verkehrung der Mächte zur Kolonialzeit in China dar Ende des 19. Jahrhunderts. Dennoch arbeiten die Chinesen in diesem Viertel zum Teil in niedrigeren Berufsklassen wie Schuhputzern oder ähnlichem. Das mutet nicht so ganz passend an.
Dennoch sind diese Kritikpunkte nicht einmal wirklich das, sondern eher nur Anmerkungen, Dinge, die mir aufgefallen sind. Ich kann definitiv eine Leseempfehlung aussprechen für diejenigen, die sich nicht an einem ungewöhnlichen Schreibstil stören.

 
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Verfasst von - September 22, 2014 in Buchtagebuch

 

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