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Kais Filmtagebuch – „Open Your Eyes“ (Spanien, 1997)

Es gab ein mal einen Film mit Tom Cruise der da „Vanilla Sky“ genannt wurde. Das war die Zeit in Cruises Karriere, in der er noch nicht der verrückte Stunt/Schauspieler war, aber er war auch noch nicht der verrückte Sofaspringer von Opra.. Und „Open Your Eyes“ ist der spanische Originalfilm dazu. Wer das Remake kennt, wird nur wenig überrascht sein (wer allerdings weder den einen noch den anderen kennt, sollte jetzt aufhören zu lesen, ich nehme keine Rücksicht auf Verluste).

César ist ein reicher, selbstverliebter Schnösel, der mit Nuria eine Affäre hat, aber eigentlich genug von ihr. Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als es Sofìa kennenlernt. Mit dieser würde er nun gerne zusammen kommen und zusammenkommen (die Tatsache ignorierend, dass sie mit seinem besten und einzigen Freund eine Beziehung unterhält), und diese scheint auch nicht ganz abgeneigt zu sein. Allerdings möchte es sich César nicht nehmen lassen, noch eine letzte Nacht mit Nuria zu verbringen. Dumm gelaufen, denn Nuria hat andere Pläne. Und so endet die vermeintliche Fahrt ins Liebesnest mit einem (ehrlich gesagt etwas unspektakulärem) Unfall. Nuria ist hin, und Césars Gesicht furchtbar verunstaltet.

Jetzt muss der ehemalige Schönling damit klar kommen, dass ihm die (Frauen-)Welt nicht mehr so ohne weiteres zu Füßen liegt. Auch Sofìa scheint sich von ihm ab und ihrem beinahe Ex wieder zugewandt zu haben. César ist mehr als verzweifelt und bricht betrunken auf der Straße zusammen.

Es gibt aber doch einen Silberstreifen am Horizont. Das Konsortium von Schönheitschirurgen, das César zusammentrommeln ließ, hat nun doch eine Methode gefunden, um das Antlitz wieder rekonstruieren zu können. Vorbei sind die Tage des Narbengewebes, bzw. der unüberzeugenden Maske, die César trug. Auch Sofìa kommt nun zu ihm in die Arme, und so könnte alles friedlich, freudlich und eierküchlich sein, wenn nicht eines Morgens statt Sofìa die totgeglaubte Nuria neben ihm im Bett läge. Und nicht nur das, auch auf Fotos hat diese ihren Platz eingenommen. Als nun auch noch Césars Umwelt Nuria als Sofia identifiziert dreht der gute Mann hohl, und die sicher geglaubte Realität wird immer unwirklicher…

Wie gesagt, wer „Vanilla Sky“ gesehen hat, wird von der Handlung nicht überrascht sein. Die wurde ziemlich genau so übernommen. „Open Your Eyes“ ist aber nicht so ein glatt-gelecktes Hochglanzprodukt und versprüht dadurch etwas mehr Charme.

Das liegt nicht nur an der Besetzung, auch wenn Eduardo Noriega kein so ein People-Magazin-Gesicht hat wie Cruise, zumindest vor dem Unfall. Seine Figur ist allerdings kein Sympathieträger, sondern ein richtiger Arsch. Allgemein sind die meisten Figuren hier keine Sympathiebolzen. Eigentlich niemand…

Penélope Cruz wirkt hier zudem etwas interessierter als ihr Gegenstück im Remake, Penélope Cruz. Mag sein, dass das daran liegt, dass ich den einen Film synchronisiert gesehen habe, und diesen hier nicht…oder aber die Sichtung des Cruise-Vehikels schon etwas länger her ist. Vielleicht sind es ja aber auch nur die vier Jahre Unterschied.

Madrid gibt eine hübsche Örtlichkeit ab, die man noch nicht so oft gesehen hat, auch wenn auf allzu viele Umgebungsshots verzichtet wird. Ich persönlich habe Barcelona schon öfter auf Film gebannt betrachtet.

Alejandro Amenábar kennen die meisten wohl als Regisseur von „The Others“. Hier ist er nicht nur der Regieführende, sondern auch der, dem die Geschichte eingefallen ist (im Traum, wenn man ihm glauben schenken darf, was gar nicht mal so unwahrscheinlich klingt). Andererseits finden sich einige Parallelen zu „Vertigo“.

Wem also der Sinn nach einem Film steht, der munter die Realität in Frage stellt, manchmal etwas verwirrend sein kann, und ein paar Ecken und Kanten hat, dem sei der hier ans Herz gelegt.

 
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Verfasst von - Januar 31, 2019 in Filmtagebuch, Kurzes Tagebuch

 

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Kais Serientagebuch – „Capitan Alatriste – Mit Dolch und Degen“ (Spanien/Deutschland/Frankreich, 2015)

Kais Serientagebuch – „Capitan Alatriste – Mit Dolch und Degen“ (Spanien/Deutschland/Frankreich, 2015)

Serien sind groß in Mode. Klar, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch irgendwann auf den Zug aufspringen. „Capitan Alatriste – Mit Dolch und Degen“ wurde mit Hilfe von unter anderem Arte produziert. Capitan Alatriste ist eine Romanfigur des Autoren Arturo Pérez-Reverte.

Der Schauplatz ist Madrid, das Jahr 1623. Europa befindet sich im 30 Jährigen Krieg, Katholiken stehen sich den Protestanten gegenüber (offiziell, natürlich gibt es auch Bündnisse zwischen den Konfessionen, je nach dem, wo es mehr zu gewinnen gibt). Gleichzeitig führt Spanien einen Krieg gegen die Niederländer, die gerne unabhängig werden würden (der sogenannte 80 Jährige Krieg, endet übrigens wie der erst genannte 1648).
In dieser Zeit kommt der junge Íñigo Balboa in der Stadt an. Er ist auf der Suche nach Diego Alatriste, einem Soldatengefährten seines verstorbenen Vaters. Er möchte bei diesem gerne ebenfalls zum Soldaten…naja „ausgebildet“ werden. Zu diesem Zweck zieht er auch zu ihm. Alatriste teilt sich das Bett mit Caridad über ihrer Taverne (wenn er nicht gerade die Nacht bei seiner großen Liebe, der Schauspielerin Maria de Castro, verbringt). Da der Capitan einem Granden, also einem ranghohen Adligen, nahe steht, und darüber hinaus als Söldner verschiedene Aufträge annimmt, erlebt Íñigo einige Abenteuer. Alatriste trifft bei diesen Gelegenheiten immer wieder auf den Italiener Malatesta, der mindestens ebenso geschickt mit der Klinge umgehen kann, allerdings viel weniger Skrupel als der gute Capitan besitzt.
Manche allerdings erlebt Íñigo auch auf eigene Faust. So verguckt er sich in die adlige Angélica de Alquezar (die jedoch ein mehr als intrigantes Biest ist), oder legt sich mich einer Bande Straßenjungen an.
Als großen Storybogen, der sich durch die Staffel zieht, dienen die Anwesenheit und die Heiratspläne der Engländer in Person des Herzogs von Buckingham und des Kronprinzen Charles (natürlich nicht der heutige). Die verschiedenen Parteien innerhalb des königlichen Hofes haben da mehr oder weniger dagegen, unter anderem natürlich der König Phillipp IV., der Repräsentant der Inquisition Bruder Emilio Bocanegra und nicht zu vergessen der erste Minister Olivares. Dabei kann man manchmal das Gefühl bekommen, dass die Verhandlungen um die Hochzeit zwischen dem Kronprinzen und der Infantin Spaniens nicht wirklich vorankommen. Aber das entspricht nun mal eben einer historischen Tatsache, dass die Engländer lange in Madrid aufgehalten wurden, und mit immer neuen Beteuerungen von der Heimreise abgehalten wurden. Am Ende findet dieser Handlungsstrang jedoch ein Ende. Leider schafft es die Serie dennoch mit einem leichten Cliffhanger zu enden. Und bislang ist mir von einer zweiten Staffel noch nichts zu Ohren gekommen.

„Capitan Alatriste“ ist, vor allem was die Kostüme betrifft, äußerst prunkvoll ausgestattet. Gut, das war ein bisschen übertrieben. So verfügt der äußerst flamboyante Buckingham nur über drei verschiedene Outfits, was ich mir aber bei seinem Charakter nicht vorstellen kann (eher 30). Die aber, die er hat, sind sehr farbenprächtig und wirken sehr authentisch. Wie eben die der anderen Hauptfiguren auch, sieht man sich allerdings die kleineren Rollen und Statisten an, so fällt dort sehr schnell eine gewisse Redundanz in der Auswahl der Kleidung auf. Vor allem die Schergen sind immer gleich gekleidet.
Das, was ich über die Kostüme schrieb, trifft auch auf die gesamte andere Ausstattung zu. Was vorhanden ist, wirkt sehr authentisch, allerdings bekommt man den Eindruck, dass alle mit derselben Kutsche durch die Gegend fahren, und dass Madrid nur aus einem einzigen großen Marktplatz besteht. Der letztgenannte Punkt mag auch daher rühren, dass nicht in Madrid selbst gedreht wurde, sondern in den Kulissen der Budapester Korda Studios, was Kritik seitens der spanischen Filmgewerkschaft einbrachte. Eröffnungsshots des Stadtpanoramas werden durch nicht sehr realistische Computergrafiken gelöst. Das fällt vor allem bei Nachtaufnahmen auf.
Wo wir gerade bei Authentizität sind können wir auch eben über die Kämpfe sprechen. Die Duelle ergehen sich nämlich nicht in ewigen Fechtereien, sondern bleiben bodenständig. László Imre, der als Stunt Koordinator verantwortlich war, hat wohl ein Händchen für Kämpfe dieses Zeitalters, war er doch auch schon bei den Borgias verantwortlich, und unter anderem bei einer Robin Hood-Serie von BBC mit an Bord.

Trotz der vielen Duelle und Intrigen blitzt doch immer wieder eine ordentliche Portion Humor durch die Dialoge. Das ist natürlich nicht zuletzt den Spottgedichten Quevedos zu verdanken, aber auch die anderen Figuren zeigen gerne mal ihren Sinn für das Komische. Zumindest bis Folge 15, denn danach wird es auf einmal düster. Nicht nur der Farbfilter macht einen Schwenk ins Graue (es soll ja auch Winter sein). Nein, in Madrid herrscht unvermittelt eine Seuche (die davor nie angedeutet wurde), der Kronprinz und Buckingham befinden sich schon auf dem Rückweg, ohne dass der Aufbruch oder weitere Vorbereitungen dazu gezeigt worden wären, etwas, das dann doch eher untypisch für den bisherigen Handlungsverlauf ist. Ein Anzeichen dafür, dass die Autoren vom Ende überrascht wurden. Vielleicht hatten sie mit mehr Folgen gerechnet, oder mit einer zweiten Staffel, deren Realisierung auf einmal doch nicht so sicher mehr erschien? Ich weiß es nicht. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch zu erwähnen, dass die Originalzahl der Folgen von 13 auf 18 gestreckt wurde. Manche Episoden haben daher quasi das Finale der vorher gehenden Geschichte und bauen dann innerhalb derselben die nächste auf. Ich will damit sagen, dass die Einzelepisoden manchmal wie in der Hälfte durchgeschnitten wirken. Manchmal ergibt sich dadurch allerdings auch ein besonders spannender Cliffhanger.

So eine Serie, eine historische zumal, ist natürlich von einer Vielzahl an Figuren bevölkert. Zu den real existierenden Persönlichkeiten wie dem König oder dem Schriftsteller Francisco de Quevedo gesellen sich die Eigengewächse Pérez-Revertes, also Alatristes näheres Umfeld. Die Figuren entsprechen dabei denen aus dem büchernen Original, mit Ausnahme vielleicht von Angélica de Alquezar, die am Ende etwas menschlicher wirkt und bei welcher tatsächlich so etwas wie Gefühle für den jungen Balboa durchschimmern. Im Buch fällt sie nie aus der Rolle des Biestes. Die fünfzehnjährige Carmen Sanchez ist schön intrigant, und wirkt wie der schlimme Albtraum eines jeden Erziehungsberechtigten. Manchmal jedoch fällt das geringe Alter der Schauspielerin auf, auch wenn sie schon einige Rollen im spanischen Fernsehen inne hatte. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor.
Besonders unterhaltsam ist der Trunken- und Raufbold Quevedo, der einem guten Kampf nie aus dem Weg geht, wie betrunken er selbst auch ist. Und schlägt er sich nicht, schreibt er giftige Dichtungen auf Leute, die ihm nicht passen. Miguel Hermoso Arnao sieht seinem historischen Vorbild schon verdammt ähnlich. Er hat scheinbar Spaß an seiner Rolle, doch wer hätte das nicht.
Der König unterhält auch, einfach weil er das perfekte Beispiel eines sich von der Realität verabschiedeten Machthabers ist, der nur noch in seinem eigenen Reich lebt. Auch hier trifft zu, dass der Schauspieler seinem Vorbild verblüffend ähnelt, samt Habsburger Unterlippe. Für Daniel Alonso stellt „Alatriste“ seinen ersten IMDb-Eintrag dar. So kann man sich durchaus fragen, ob das Weltentrückte seiner Rolle beabsichtigt ist, aber im Zweifel für den Angeklagten.
Die beiden Frauen in Alatristes Leben sind die Wirtshausbesitzerin Caridad und die berühmte Schauspielerin Maria de Castro. Während die Eine ihm Haus und Hof bietet, so ist die Andere die unerreichbare Liebe seines Lebens. Lucia Jimenéz und Natasha Yarovenko sehen beide gar nicht mal schlecht aus. Die Rolle der de Castro (Yarovenko) hat allerdings mehr zu tun, als nur den Babysitter für verletzte Degenkämpfer zu spielen, wodurch Natasha Yarovenko noch mehr zeigen kann was sie kann (und auch mehr zeigt von dem was sie hat). Sie muss sich nämlich noch ihrer Schwester beistehen, die in die Fänge der Inquisition geraten ist.
Für internationales Flair sorgt der Schotte Gary Piquer, der, obschon er aus Großbritannien stammt, ein geregeltes Auskommen in spanischen Produktionen hat. Hier ist er die rechte Hand des Königs ,und da dieser sich lieber mit anderen Dingen als regieren beschäftigt einer der Mächtigsten Männer im Staat, nämlich der Graf von Olivares. Dieser arme Kerl muss sich um das Reich kümmern und gleichzeitig auch noch um den König.
Constantin von Jascheroff ist der deutsche Beitrag zur Serie, und ist hier der englische Thronprinz Charles. Von Jascheroff haben die ein oder anderen sicher bereits in einem Tatort oder der Küstenwache-Serie gesehen (oder sonst wo im Fernsehen, ganz schön umtriebig, der Junge…also ein Jahr älterer Junge als ich). Für den Kronprinz ist die Ehe mit der Infantin Spaniens mehr als nur ein Politikum, sondern sogar eine Herzenssache, auch wenn dem Zuschauer nicht so wirklich klar wird, woher diese Gefühle so plötzlich kommen. Alles in allem verkörpert er den typischen Romantiker, der mit seiner Liebe durchbrennen würde, wenn sich ihm die Gelegenheit böte. Und seine Infantin würde da sofort mitgehen, würde nicht ihr Glaube und ihr Verantwortungsgefühl gegenüber ihrem Bruder sie daran hindern.
Am wichtigsten sind aber natürlich Diego Alatriste, Protagonist der Serie, sein Sidekick und der berüchtigte Italiener Gualterio Malatesta.
Aitor Luna sieht für einen aus Flandern zurückgekehrten Kriegsveteranen überraschend jung aus, vor allem, wenn man bedenkt, wer ihn alles mit „Capitan“ anredet. Davon abgesehen ist er eher der ruhige Typ, der sich immer wieder entscheiden muss zwischen den Dingen, für die er angeheuert wurde und seinen Freunden (beinahe wie mit den beiden Frauen).
Ihm gegenüber steht der großartig porträtierte Gualterio Malatesta. Ein finsterer Kerl, der nicht nur des Geldes wegen tötet. Seine Vergangenheit wird dabei nur wenig beleuchtet (als Italiener hat er ja wohl nicht im Flandernkrieg mit gekämpft), am Ende allerdings wird ihm ein menschlicher Zug gestattet, wenn es dann doch jemanden gibt, der ihn pflegt. Filippo Sbalchiero hat zwar eher weniger Filmerfahrung, aber er hat einen Blick, der einem Antagonisten sehr gut zu Gesicht steht. Es ist nur seltsam, dass es immer ausgerechnet Malatesta ist, der von den verschiedenen Drahtziehern engagiert wird. Vielleicht hat er einfach nur ein gutes Marketing, denn gegen Alatriste zieht er meist den Kürzeren.
Marcos Ruiz hat schon in zwei, drei Filmen mitgespielt, „Alatriste“ stellt allerdings seine erste Serienaufgabe dar. Seine Darstellung wirkt manchmal leider nicht ganz ausgereift, es mag auch etwas daran scheitern, dass nie ganze klar wird, warum Íñigo so unbedingt Soldat werden möchte, außer, dass es sein Vater schon war. Jedenfalls muss dieser schon ein toller Hecht gewesen sein, immerhin kennt ihn jeder Hinz und Kunz, der einmal in der Armee war.

Arturo Pérez-Reverte darf mit der Serienversion seines Buches trotz mancher Schattenseiten zufrieden sein. Die Atmosphäre des Buches wird sehr gut eingefangen. Dies ist übrigens nicht die erste Verfilmung des Stoffes. Es gibt einen Film aus dem Jahre 2006, in welchem Viggo Mortensen in die Stiefel des Degenhelden tritt. Die bekannteste Verfilmung eines Pérez-Reverte Romans dürfte wohl „Die neun Pforten“ sein, dieser Film, in dem es um alte Bücher und Teufelsanbetung geht. Johnny Depp-Fans wissen welchen ich meine.

„Capitan Alatriste – Mit Dolch und Degen“ ist eine Serie für Fans von Mantel und Degen-Geschichten, kann aber nicht mit den aktuellen Serienhighlights mithalten.

 
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Verfasst von - März 10, 2016 in Serientagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Ildefonso Falcones – „Die Pfeiler des Glaubens“ (Spanien 2009)

Kais Buchtagebuch – Ildefonso Falcones – „Die Pfeiler des Glaubens“ (Spanien 2009)

Im letzten Monat fiel es mir schwer, mir genügend Zeit einzuräumen, um anstehende Tagebuch-Einträge zu schreiben. Das liegt zum großen Teil daran, dass ich oft den ganzen Tag unterwegs war und abends weder die Muse noch die Energie hatte, einen längeren Text zu schreiben. Das soll sich aber nun wieder ändern!
Das heutige Buch habe ich schon vor einer geraumen Weile gelesen. „Geraum“ (was ist das eigentlich für ein seltsames Wort?) bedeutet hier mindestens 9 Monate, wenn nicht sogar ein wenig mehr. Darum werde ich den Inhalt nur ganz grob umreißen.
„Die Pfeiler des Glaubens“ spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts, genauer gesagt in der zweiten Hälfte von eben diesem. Der letzte muslimische Herrschaftsbereich auf der iberischen Halbinsel, das Emirat Granada, ist vor beinah 100 Jahren re-christianisiert worden, die letzten Muslime wurden zum Christentum zwangsbekehrt und die ‚Reconquista‘ abgeschlossen. Einer dieser Bekehrten, der Morisken, ist Hernando Ruiz, seines Zeichens Held des Romans.
Hernando hat, für einen Morisken eher ungewöhnlich (stammt der Begriff doch aus dem Portugiesischen und bedeutet „der Moorige“) blaue Augen. Diese hat er von seinem leiblichen Vater geerbt, einem christlichen Priester, der seine Mutter vergewaltigte. Diese Augen haben den Vorteil, dass er von den christlichen Spaniern nicht sofort misstrauisch beäugt wird, und er in der Kirche in Latein und Bibelgeschichte unterrichtet wird. Das wird ihm in der Folge ab und zu noch von Vorteil sein. Der Nachteil ist, dass sein Moriskenvater (also der Mann seiner Mutter) ihn als absoluten Fremdköper und Verräter betrachtet und behandelt.
Bald schon können und wollen die Morisken die Unterdrückung durch die Christen und die Zwangskonvertierung zum Christentum nicht mehr auf sich nehmen und proben den Aufstand. Hernando, der durch seinen gekonnten Umgang mit den Maultieren bald zum erfolgreichen Schmuggler wird, erlangt Einfluss beim Anführer des Aufstandes. Dort lernt er auch die große Liebe seines Lebens kennen, Fatima.
Von nun an dreht sich ein großer Teil des Buches vor allem darum, ob die beiden es schaffen zu heiraten, Kinder großzuziehen und eine Zukunft aufzubauen. Diese Liebesgeschichte (übrigens so gut wie unkitschig erzählt) überschattet allerdings nicht die Ereignisse um die Befreiungsbemühungen der Morisken, sondern hält sich stellenweise sehr im Hintergrund, sodass der Roman auch für historisch interessierte Leser mehr als genug zu bieten hat.
Der Autor konzentriert sich zwar vor allem auf Hernando, dennoch lässt er immer wieder, vor allem an Buchabschnittsanfängen einige Seiten mit historischen Begebenheiten einfließen. Dabei ist der Blickwinkel nicht nur beschränkt auf den Ort des Geschehens (also die Alpujarras, Andalusien oder Granada) sondern zeigt auch die geopolitisch-wirtschaftliche Situation Spaniens auf, was manch eine Entscheidung König Phillips des 2., bzw. der Autoritäten vor Ort besser verständlich macht. Nicht unbedingt moralisch besser, aber verständlicher.
Ich finde es übrigens schön, dass Falcones sich nicht dazu hinreißen lässt, die eine noch die andere Religion als besonders gut oder schlecht darzustellen. Sowohl Christen als auch Muslime betreiben Gräuel, und nach wirklicher Aussöhnung oder Koexistenz steht eigentlich keinem der Anführer der Sinn. Und ebenso wird auch kein heiliger Krieg heraufbeschworen, da sich die Morisken sowohl mit den Franzosen (die ja auch eher christlich geprägt sind) zu verbünden suchen, als auch mit dem osmanischen Herrscher (der sich aber auf Grund eigener politischer Interessen wohl nicht zu sehr einmischen mag), so dass ein ambivalentes Bild beider Religionen bleibt. Einzig eine kleine Gruppe von Morisken möchte eine Aussöhnung von Christentum und Islam erreichen, indem sie die Gemeinsamkeiten zwischen beiden herausstellen möchten. Allerdings auf recht naive Methode, nämlich durch falsche Beweise und dem Unterschieben eines islamisch-christliches Evangeliums an einen der ersten Kirchenoberen (auch bekannt als „Bleibücher von Sacromonte“).
Der Autor spielt geschickt mit der Erwartungshaltung des Lesers. Manchmal glaubt man zu wissen, wie die Handlung sich weiterentwickelt, hat man doch vermeintlich ähnliches schon zigmal anderswo gelesen oder gesehen. Doch dann gibt es eine gänzlich andere Wendung (oder das Erwartete tritt sehr viel später ein als gedacht). Das klingt jetzt etwas kompliziert, also versuche ich mich mal an einem Beispiel. Ein Mann geht eine Straße entlang, auf der eine Bananenschale liegt. Er läuft direkt darauf zu, doch kurz bevor er darauf treten kann, biegt er nach rechts ab und klaut ein Auto. So ungefähr. Das ist ein netter Kniff. Leider gelingt es dem Autor dafür nicht sämtliche Längen zu vermeiden. Vor allem im zweiten Teil des Romans, indem sich Hernando mit oben genannter Gruppe zusammen tut, zieht sich ein wenig, da sich einige Handlungen wiederholen (zum Beispiel die Reisen nach Granada).
Das Interessante ist, dass „Die Pfeiler des Glaubens“ auch einen modernen Anspruch innehat. Die Situation Hernandos als Fremder in dem Land, in welchem er aufwuchs, gefangen zwischen zwei Religionen, das erinnert an Migranten in heutiger Zeit. Hernando findet für sich persönlich einen Weg mit der Situation umzugehen, ebenso wie er seine Kinder in beiden Glaubensrichtungen aufziehen kann. Allerdings trifft das nicht auf die Morisken im Allgemeinen zu, deren Schicksal ein weniger zufriedenstellendes Ende hat. Man kann nur hoffen, dass in dem Punkt die Parallelen zur Gegenwart enden.
„Die Pfeiler des Glaubens“ von Ildefonso Falcones ist ein Roman, der auch nicht geschichtsbegeisterte Leser unterhalten kann. Und Fans von geschichtsorientierten Romanen sind hier ohnehin richtig.
Gelesen habe ich die Ausgabe des Goldmann Verlags, welches von einem sehr hübschen Cover geziert wird, für welches die UNO Werbeagentur München, die RME Agentur (Roland Eschlbeck/Rosemarie Kreuzer) und Getty Images/Toyohiro Yamada verantwortlich sind. Aus dem Englischen von Stefanie Zarg.

 

PS: WordPress mag heute meine Absätze entfernen, darum tut es mir leid, dass der Text so unübersichtlich wirkt.

 
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Verfasst von - Juni 15, 2014 in Buchtagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Mark Millar/Leinil Yu – „Supercrooks – Band 1 Der Coup“ (USA 2012)

Kais Buchtagebuch – Mark Millar/Leinil Yu – „Supercrooks – Band 1 Der Coup“ (USA 2012)

Wenn man im Bahnhofskiosk vor dem Comicregal steht, kann es schon passieren, dass man ob der Auswahl ein wenig überfordert ist. Das trifft natürlich vor allem dann zu, wenn man einen abgeschlossenen Comic sucht und nicht mitten in eine laufende Serie platzen möchte. Dafür bitten sich dann die Sammelbände an, die dann allerdings preislich nicht ganz so günstig liegen (vor allem, wenn man nicht so viel dabei hat). Also griff ich zu einem der preiswerteren Bände mit abgeschlossener Geschichte (auch wenn es der erste Band einer Reihe ist).

„Supercrooks“ spielt in einer Welt, in der Menschen mit Superkräften keine Besonderheit darstellen. Wenn man eine Superkraft hat, ist das beinahe gewöhnlich (dennoch hat die Mehrheit der Bevölkerung scheinbar keine). Etwas ganz Besonderes ist man daher, wenn man mehrere Kräfte in sich vereint. Solcherart sind die Superhelden der USA dieser Welt, die in irgendeiner Art von Verbund stecken, in welcher sie sich römisch-antike Namen zulegen. Es gibt zum Beispiel „Gladiator“, einer der höheren Tiere, oder auch den Praetorian, der so etwas wie das schwarze Schaf der Superhelden ist.

Aber die Reihe heißt „Supercrooks“ und nicht „Superheroes“. Deshalb sind die Protagonisten Kleingauner mit einer Superkraft. Allen voran ist da Johnny (Kraft: irgendwas mit Elektrizität). Dessen einstiger Mentor Heat hat sich durch Unvorsicht bei einem gewaltbereiten Casino-Besitzer hoch verschuldet. Johnny hat aber zum Glück schon eine Idee, wie man an das benötigte Kleingeld kommen könnte, benötigt dazu aber die „alte Bande“. Doch die muß erst einmal wieder zusammengetrommelt werden, da sich mittlerweile alle auf die ein oder andere (halb-)legale Weise durchs Leben schlagen. Darunter sind Kasey, Johnnys Ex-(oder-auch-nicht-ex)-Verlobte und Psi-Begabte (also Gedanken lesen und manipulieren), ein telekinetisch Veranlagter, einer, der durch Wände gehen kann (Ghost genannt), ein Brüderpaar, die sich ihre abgetrennten Körperteile immer wieder nachwachsen lassen können (also regenerative Fähigkeiten besitzen)  und ein Wettermanipulator.  Zu guter Letzt gelingt es ihm sogar noch Gladiator durch Erpressung zu rekrutieren. Dieser ist nämlich schwul, was aber niemand wissen darf, zumal er verheiratet ist.

Der namensgebende „Coup“ soll in Spanien, genauer gesagt auf Teneriffa stattfinden. Das hat zwei Vorteile. Zum einen sind dort nämlich Superkräfte verboten, so dass es dort nicht nur keine Superkriminellen gibt, sondern auch keine Superhelden. Und dann wohnt da noch der mächtigste aller Superschurken, Christopher Matts alias Bastard mit seinem Leibwächter Praetorian. Soviel zum Thema „keine Superkräfte erlaubt“. Der Bastard jedenfalls besitzt ein immenses Vermögen, was nicht nur reicht, um die Schulden Heats zurückzuzahlen, es bleibt sogar genügend übrig für alle Mitglieder des Teams. Das Problem ist nur, dass der Bastard unter anderem Köpfe explodieren lassen kann, und Leute, die ihn bestehlen, sehr hartnäckig verfolgt.

Nach einer kurzen Vorbereitungszeit, im Zuge derer Kasey unter einem Vorwand des Bastards Anwesen besuchte, um es auszukundschaften, beginnt also die heiße Phase. Alle machen sich für den Einbruch bereit, außer Kasey, die ihre Aufgabe als erfüllt ansieht und jetzt gerne wieder nach Hause fliegen möchte. Immerhin hatte sie doch dem verbrecherischen Leben abgeschworen und möchte gerne ein Normales führen. Dummerweise wurde sie enttarnt und am Flughafen von Praetorian und dem Bastard abgefangen. In des Böswichts´ Wohnzimmer angekommen wird sie peinlich verhört. Schließlich plaudert sie aus, was Johnny und Co. Vorhaben und Praetorian teleportiert sich sofort in den Tresor. Der Bastard schießt Kasey den halben Kopf weg.

Im Tresorraum teilt Praetorian mächtig Schläge und Tritte aus. Trotz all ihrer kombinierten Fähigkeiten scheint das Einbrecherteam dem ehemaligen Superhelden nicht gewachsen zu sein. Allerdings hatte sich Gladiator auch anfangs nicht entschlossen mitzumischen. Erst als alle anderen eine heftige Tracht Prügel eingesteckt haben offenbart er sich Praetorian und schickt diesen mit wenigen Schlägen auf die Matte (keine Angst, er ist nicht tot, er hat nur „einen Hirnschaden“, wie Gladiator schön sagt).

Tja, jetzt haben die Gauner zwar das Geld, doch Kasey ist tot. Oder auch nicht? Nach einem Anruf seiner Wachmänner bemerkt der Bastard, dass vor ihm auf dem Stuhl nicht die tote Gedankenmanipuliererin sitzt, sondern nur einer seiner Assistenten. Und auch das Wohnzimmer, in welchem er steht ist nur eine Nachbildung. Kasey hatte ihm die ganze Szenerie nur vorgegaukelt. So waren er und Praetorian abgelenkt genug und Johnny und seine Gruppe konnten unbehelligt arbeiten.

Die Supercrooks genießen also ihren neu erworbenen Reichtum, während sich Bastard an den Einbrechern rächt. Allerdings an den falschen, den Johnny verteilte vorausdenkenderweise Kostüme, die eigentlich der Gruppe um den Casino-Besitzer gehörten, dem Heat das Geld in erster Linie schuldete.

Auf der Rückseite des Bandes wird Comicbookressources.com zitiert mit ‚X-Men trifft  Ocean´s Eleven‘. Und das fasst das Geschehen ziemlich gut in nur einem Satz zusammen. Mark Millar („Kick-Ass“, „Wanted“) hat den Film genommen und ein paar Superhelden-Elemente hinzugefügt. Leider merkt man auch, dass die Teile, die nicht so wirklich funktionieren oder unlogisch sind, genau die sind, die aus Millars Feder stammen.

Das fängt mit der eigenwilligen Idee an, dass Spanien keine Superkräfte im Land haben möchte. Ich meine, wie wollen die das denn bitte durchsetzen? Im Comic jedenfalls scheint es für die betreffenden Personen kein Problem zu sein, aus- und einzureisen (natürlich mit ein paar Tricks). Außerdem wüsste ich nicht, welches Problem die Politiker damit haben. Jede Nation, die Superhelden unter ihre Fittiche genommen hat, ist doch im Vorteil. Habe ich das erst einmal geschluckt, wird mir gleich der nächste Brocken vorgesetzt. Johnny soll wirklich der Erste sein, der auf die Idee kommt in Spanien zu marodieren, weil es dort keine kräfte-bestückten Aufpasser gibt? Spricht nicht gerade für den Intellekt der anderen Gauner. Aber gut, ich denke, ich habe schon erwähnt, dass „Der Coup“ der erste Band einer Reihe von Sammelbänden ist (im US-Original waren das vier Comichefte), und somit vielleicht noch weitere Erklärungen für dafür kommen. Allerdings halte ich das für nicht sehr wahrscheinlich. So richtig viel erklärt Millar ja nicht wirklich gerne. Man denke nur an diesen mysteriösen Webstuhl in „Wanted“, der mehr oder weniger einfach gegeben ist.

Dann frage ich mich auch, warum denn „Ghost“, der ja durch Wände gehen kann, nicht einfach in den Tresor marschiert, die Alarmanlage deaktiviert oder einfach die Reichtümer nach draußen schafft, und wenn er möchte, müsste er nicht einmal teilen. Das ist einfach nicht richtig durchdacht.

Und wo ich gerade schon dabei bin, warum hat der Bastard eigentlich nicht solche Leute bei sich als Wachmänner eingestellt, sondern ganz normale Menschen ohne Kräfte. Okay, vielleicht würde das doch dann den spanischen Obrigkeiten irgendwann auffallen. Ich hätte mir für mein Altenteil ja ohnehin ein anderes Örtchen ausgesucht und könnte bedeutend ruhiger schlafen, wenn ich wüsste, dass meine Nachtwächter starke regenerative Fähigkeiten besitzen.

Johnny hat ja „elektrische Fähigkeiten“, die aber im Prinzip auch nie gezeigt  werden. Entweder hält er sich zurück, oder Millar versteht unter „elektrischen Fähigkeiten“ etwas anderes als ich. Ich dachte da nämlich an zeusliches Blitzeschleudern.

Natürlich darf auch in „Supercrooks“ nicht das übliche Maß Schwulen-Bashing fehlen, dass Millar schon in der einen oder anderen Weise in seinen anderen Werken untergebracht hat. In diesem Falle, die schwule Superhelden-Gemeinde, die sich alle outen nachdem Gladiator sich geoutet hatte (der ohnehin nur in einem rosa Kostüm mit am Raub teilnehmen durfte) und in rosa-pinken String Tangas durch die Straßen tanzen. Ja, so sind sie, die Schwulen. Immer (mehr zu dem Thema in Millars schaffen gibt es hier )  Und wie für Millar üblich wird geflucht bis sich die Balken biegen.

Die Zeichnungen von Leinil Yu sind optisch schick ansprechend. Sein Stil dürfte vielen bekannt sein, zeichnete er doch schon für die „Avengers“, „Superman“, die „Fantastischen Vier“ etc. Eher realistisch gehalten, auch in den Gewaltdarstellungen, und daher keine unrealistisch spritzigen Blutfontänen oder ausufernde Muskelberge, so sieht „Supercrooks“ dank ihm ansprechend aus.

„Der Coup“ erzählt also eine nicht neue und wenig überraschende Geschichte. Viel interessanter wäre eher die Geschichte um Praetorian. Hätte Millar mal eher diese erzählt. Immerhin ist er ja auch prägnant auf dem Cover der deutschen Ausgabe. Eine Verfilmung steht übrigens schon in den Startlöchern.

 
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Verfasst von - Februar 26, 2014 in Buchtagebuch

 

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Kais Buchtagebuch, Ernest Hemingway – „Tod am Nachmittag“ (Erstveröffentlichung 1932)

Kais Buchtagebuch, Ernest Hemingway – „Tod am Nachmittag“ (Erstveröffentlichung 1932)

Es gibt Bücher und Filme, die sich eigentlich nicht so wirklich dazu eignen, in der Art und Weise besprochen zu werden, wie ich es bisher immer gemacht habe. Das trifft vor allem auf Werke zu, die nicht wirklich eine Handlung innehaben, sondern sich einem Thema sachlich nähern. Dokumentarfilme würden in diese Kategorie passen. Oder eben „Tod am Nachmittag“, ein Essay über den Stierkampf.

Gekauft hatte ich das Buch nur, weil ich etwas von Hemingway lesen wollte. Da mir relativ egal war, was, hab ich nicht auf den Inhalt geachtet. Umso erstaunter war ich, als ich statt eines Romans ein Essay vor der Nase hatte.

Inhaltlich ist jedes der 20 Kapitel einem speziellen Aspekt der Corrida gewidmet. Angefangen von den Eindrücken eines ersten Stierkampfbesuchs, über die genaue Analyse der Verschiedenen Abschnitte bis hin zu den Schicksalen einiger bekannter Matadore.

Zum Beispiel habe ich gelernt, dass ein Stierkampf aus drei Teilen besteht. Im ersten wird der Stier von Lanzenreitern (Picadores) im Nacken verwundet, im zweiten Teil werden ihm von den Banderilleros Spieße in den Rücken gestochen, und schlussendlich im dritten Teil, der Faena, steht der Torero dem Tier direkt gegenüber, lässt ihn mit kunstvollen Figuren an sich vorüberziehen und gibt ihm den letzten Todesstoß. Ich werde nicht versuchen, den Stierkampf zu erklären, dafür müsst ihr schon das Buch lesen. Wohl aber noch ein paar Worte zur Art der Präsentation.

Der Autor macht sich die Figur der „alten Dame“ zu Nutze, um Fragen zu stellen, die er dann beantworten kann. In diesen Passagen blitzt auch immer wieder der Humor Hemingways durch. Dadurch erleichtert er es dem Leser, einen Zugang zu der Thematik zu finden.

Man darf Hemingway auch nicht vorwerfen, er habe keine Ahnung, wovon er schreibe. Viele der von ihm vorgestellten Stierkämpfer kennt er persönlich, mit manchen war er auch befreundet. Zudem hat er sich wohl auch selbst in der Arena versucht, war aber nicht gut genug, um eine Torero-Karriere zu beginnen. Immerhin war er regelmäßiger Arenabesucher, er weiß also auf jeden Fall, wovon er redet, wenn er über die „Defekte“ eines Stiers oder die ungenauen Ausführungen der Figuren schreibt.

Doch nicht nur das Geschehen in der Arena, sondern auch das außerhalb findet seine Erwähnung. Sei es in der Beschreibungen der verschiedenen Zuchtstätten und Stierarten oder dem Alltag eines Matadors und der überraschend harte Konkurrenzkampf.

Zwischendurch fügt Hemingway Erinnerungen an den ersten Weltkrieg, Beschreibungen der spanischen Ehrvorstellung oder Landschaftsszenerien, die dem Essay eine bildhafte Komponente hinzufügen. Glücklicherweise versucht er nicht, das rituelle Töten gut zu heißen, sondern gewährt nur einen interessanten Einblick in eine Welt, die den Meisten hier in Deutschland nicht so geläufig ist. So umgeht er geschickt das moralisch-ethische Problem, die rituelle Tötung zu verteidigen.

Leider kommen häufig Passagen vor, in welchen nur Aufzählungen stattfinden. Seien es die verschiedenen Austragungsorte mit den Terminen der Kämpfe oder die Namen der damals aktuellen Matadore. Diese Stellen sind nicht nur veraltet (man muss ja bedenken, dass das Buch jetzt auch schon 80 Jahre alt ist), sondern auch nicht sonderlich interessant. Sie halten sich aber zum Glück in Grenzen.

Das Buch beinhaltet auch noch 81 schwarz-weiß Fotografien, kommentiert vom Meister persönlich, und einen Anhang mit einem Glossar und noch einmal einer Auflistung der Stierkampftermine der verschiedenen Austragungsorte.

„Tod am Nachmittag“ ist ein Buch, das durch die Einblicke in die unbekannte Stierkämpferwelt und die eingestreuten Beschreibungen und Erinnerungen zu unterhalten weiß, auch wenn man kein „Aficionado“ ist.

Kleine Information am Ende: In Spanien gibt es zurzeit 5 Dachverbände, die die Stierkämpfe organisieren. Sie erwirtschaften immerhin einen durchschnittlichen Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro (wobei das in Zeiten der Wirtschaftskrise sicher rückläufig sein wird). Ich hätte nicht erwartet, dass das immer noch solch eine Großveranstaltung ist.

 
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Verfasst von - August 4, 2013 in Buchtagebuch

 

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