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Kais Tatorttagebuch – „Als gestohlen gemeldet“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Als gestohlen gemeldet“ (BRD, 1975)

Es ist mal wieder Tatort-Time, and Tatort-Time is better time (kleine Strunk-Referenz). Und nicht nur irgendein Tatort, sondern einer aus dem München der 70er-Jahre (1975 um genau zu sein), also einer Zeit, in der manches viel besser war, und manches viel schlimmer, und manches war so wie eh und je. Das heißt, Kommissar Veigl (Pumuckl-Eder Gustl Bayrhammer) und sein Gefolgsmann Lenz sind am Ermitteln.

Doch zunächst sehen wir ein Bauernpaar, das mit seinem Trecker durch die Pampa fährt. Die fröhliche Spazierfahrt wird jäh unterbrochen, als sie einen Mann am Wegesrand liegen sehen. Dieser sieht nicht mehr so frisch aus, aber scheint doch noch am Leben zu sein. Allerdings erfordert es Überzeugungsarbeit des weiblichen Parts des Paares, bevor ihr Schatzerl sich bereit erklärt Polizei, und vielleicht auch Notarzt zu rufen. Nix von erster Hilfe, sie lassen den armen Kerl einfach im Busch liegen, während sie durch die Gegend tuckern, um ein Telefon zu finden.

Eine etwas lang abgefilmte Notarztuntersuchung später (aber man muss dem Publikum ja auch zeigen, wie so etwas geht, zwecks Bildungsauftrags) befinden wir uns auch schon im Polizeipräsidium. Kommissar Veigl hat den Tascheninhalt des Opfers (übrigens Schädel-Hirn-Trauma, falls das jemand interessiert) vor sich liegen, im speziellen ein Tüterl, dessen Aufdruck ihn zu einer Autowerkstatt/Autohaus führt (es steht aber auch eine handgeschriebene Telefonnummer darauf, da hätte ich ja zuerst angerufen). Die Firma gehört Frau Stumm und erkennt in dem beinah Toten ihren KFZ-Meister Otto Jirisch. Offenbar hat Otto in einer Betriebswohnung gehaust, die Veigl von Frau Stumms Tochter Gigga gezeigt wird. Jetzt mal ehrlich, wie kommt man denn von Gisela auf Gigga? Ich meine Joseph und Sepp, oder Elisabeth und Liserl geht ja noch, aber Gigga? Das klingt schon arg bescheuert.

Als nächstes folgt die weitere Erfüllung des Bildungsauftrags öffentlich-rechtlicher Sender. Der Arzt erklärt Veigl die Auswirkungen eines Schädel-Hirn-Traumas (oder Schädelbasisbruchs). Veigl hätte nämlich gerne mit Otto Jirisch gesprochen, aber der ist im Koma. Dafür beobachtet der Kommissar aber, wie Frau Stumm mit Blumen im Krankenhaus auftaucht und auch gerne den Otto besuchen wollen würde.

Unterdessen sind auch die normalen Streifenpolizisten nicht untätig und finden Jirischs Wagen im Halteverbot. Der Wagen gibt einiges her. Blutspuren von zwei Personen und verschiedene Telefonnummern. Das wird gleich Veigl berichtet, der sich gerade ein leckeres Bayernfrühstück gönnt, nämlich Leberkäse und Kaffee. Bei den Telefonnummern melden sich aber nur Frauen, die aber gleich wieder auflegen. Immerhin liegen die Telefonanschlüsse im gleichen Wohnhaus. Als man dieses beobachtet, fällt eine betrunken Auto fahrende Dame auf, die dort ansässig ist. Und auch aufsässig gegenüber Lenz, der sie erst mal mit auf das Revier nimmt. Obwohl sie verdächtige Verletzungen aufweist und eine Männerjacke im Auto hat (was für Verdachtsmomente), wird sich im weiteren Verlauf noch herausstellen, dass sie mit dem Fall nichts zu tun hat, da sie in der Tatnacht bei einem Professor war, mit dem sie sich vergnügt hat (gegen Bezahlung versteht sich). Am schlimmsten an dem ganzen Storystrang, ist die supercoole Attitüde, die die Dame an den Tag legt. Wenn alle Nutten in den 70ern so geredet haben (noch dazu badisch), frage ich mich, wie die über die Runden gekommen sind.

Es stellt sich heraus, dass Otto Jirisch schon in Hamburg im Knast war. Veigl hat natürlich nichts Besseres zu tun, als das erst mal der Chefin unter die Nase zu reiben und fährt dafür sogar zu ihr nach Hause. Sehr schön übrigens, wie während der Befragung eine Schwarzweiß-Rückblende gezeigt wird. Die verdeutlicht, was wir natürlich schon längst wussten, nämlich dass zwischen Jirisch und Frau Stumm mehr herrschte, als ein geschäftliches Verhältnis. Gleichzeitig wird auch noch die Tochter Gigga befragt, die sich im schicken roten Bikini im Garten räkelt und auch so nicht schlecht aussieht. Allerdings benimmt sie sich wie eine beleidigte 13 Jährige (und soll doch schon 18 sein) und gibt nur kurze Halbsätze als Antworten. Ihr halbseidenes Alibi für die Tatnacht fliegt auch gleich auf (angeblich war sie im Kino, nennt aber einen Film, der gar nicht mehr lief). Also muss sie zugeben, dass sie bei einem Mann war, will aber nicht mit dem Namen rausrücken (na, wer das wohl sein könnte). Nachdem sich der Polizeibeamte verabschiedet hat, klettert sie gleich aus dem Fenster, rennt zur Jirischs Wohnung und holt sich dort eine verdächtige Kassette (ein Gegenstand, in dem man etwas aufbewahrt, nicht das veraltete Musikmedium) aus dem Kleiderschrank.

Es folgt ein netter Zusammenschnitt von Befragungen diverser Nachbarn und Mitarbeiter, in welchem Otto Jirischs Ruf als Frauenheld, dem viel Neid entgegengebracht wird, gefestigt wird. Dann endlich kann die Polizei die Jirisch-Wohnung durchsuchen und fördert dabei einen BH der Tochter zu Tage. Währenddessen bekommt Veigl ein Gespräch zwischen einem Versicherungsvertreter und Frau Stumm mit. Offensichtlich werden überdurchschnittlich viele Autos, die über die Stumm-Firma versichert sind, als gestohlen gemeldet (na, weiß jemand schon Bescheid?).

Gleichzeitig durchsuchen Lenz und sein Partner die Wohnung der betrunkenen Nutte (da die ja noch nicht wissen, dass die mit dem Fall an sich nichts zu tun hat). Dabei überraschen sie einen Mann (mit verdächtigen Gesichtsverletzungen), wie er sich auf rabiate Weise Zutritt zu einer Wohnung verschaffen will. Als sie ihn nach seinen Personalien fragen, zückt dieser eine Waffe (die er allerdings gleich fallen lässt) und flieht. Es schließt sich die erste Treppenhausverfolgungsszene dieses Tatorts an. Natürlich kann er den fitten Polizisten nicht entkommen. Auf dem Revier stellt sich dann raus, dass dieser Typ (er behauptet, er heiße Leu) keine Fingerabdrücke besitzt (er hat sie sich mit Salzsäure weggeätzt). Außerdem saß er in Hamburg im selben Knast wie Otto Jirisch.

Veigl, mal wieder bei Stumms zu Hause, möchte gern den Namen des Gspusis von Gigga erfahren, doch die sagt nichts. Dafür entdeckt er die auffällig unauffällig rumstehende Kassette, in welcher er dann Fotos findet. Gigga schreit „Gemein!“ und strampelt beleidigt auf dem Bett herum. (Na gut, ich sag´s gleich jetzt, auch wenn das erst später gezeigt wird, die Fotos zeigen die nackte Gigga und den wenig bekleideten Otto Jirisch, die ganz offensichtlich was miteinander hatten, ohne dass es die Mutter wusste).

Veigl stattet nun dem Versicherungsheini einen Besuch ab, und erfährt zwei Dinge. Erstens, die Autoklauerei fing erst nach der Einstellung Otto Jirischs bei Firma Stumm an. Und zweitens kann die Firma immer sehr schnell für Ersatz sorgen, immer gleiches Modell, nur andere Lackfarbe.

Jirisch ist im Krankenhaus verstorben, und Frau Stumm ruft reumütig bei Veigl dahoam an. Sie wolle ihm was in der Werkstatt zeigen. Veigl lässt also seinen getreuen Dackel zurück und begibt sich zur Firm Stumm, wo ihm Frau Stumm nicht nur die Lackiererei mit den Ersatzschlüsseln, Nummernschildern der gestohlenen Wagen und Fahrgestellnummerkärtchen zeigt, sondern ihm auch noch alles erzählt, was uns dann gleichzeitig mit einer SW-Rückblende gezeigt wird. So war sie überfordert und in Geldnot nach dem Tod ihres Mannes. Da kam der Jirisch, den sie sogleich einstellte. Mit seinem Charme (Komplimente und Kleidergeschenke), schlich er sich in ihr Herz. Von ihm kam dann auch die Idee, mit Hilfe der Ersatzschlüssel, die Autos zu klauen, sie umzulackieren und nochmals zu verkaufen, sprich Versicherungsbetrug im großen Stil. Als die Schulden abbezahlt waren, wollte Frau Stumm damit aufhören, aber Jirisch musste da erst noch seinen Partner Leu überzeugen, der ihm die extra Schlüssel gemacht hatte. Veigl ist auf Grund des Geständnisses (und der Tatsache, dass Frau Stumm Jirisch immer noch verteidigt), sehr schockiert. Und zwar so sehr, dass er gerne den Fall abgeben würde.
Bevor er das allerdings mit seinem Chef ausdiskutieren kann, wird Alarm geschlagen. Leu, der gerade vom Vernehmungsraum, wo er die Tat an Jirisch gestanden hatte (es sei allerdings ein Unfall, Streit ums Geld und Notwehr gewesen) abgeführt wurde, konnte mit dem ältesten Trick der Welt („ich muss auf´s Klo“) entkommen, hat sich eine Polizeiuniform geschnappt und läuft jetzt durch das Gebäude. Natürlich fällt seine Verbrechervisage dennoch auf, und er sieht sich genötigt die Treppe nach oben zu fliehen (zweite Treppenhausverfolgungsszene). Die Flucht endet auf dem Dachboden. Dort gibt es noch ein kurzes Katz und Maus-Spiel, bevor Leu zu blöd zum Laufen ist, stolpert, und über irgendeine ominöse Treppenbrüstung in den Tod stürzt. Ende, Verbrecher bestraft, Fall gelöst.

Der Tatort an sich war nicht einmal so ein schlechter. Sehr gefallen haben mir vor allem die immer wieder eingeblendeten schwarz-weiß-Rückblenden. Am besten wirken diese, wenn sie gänzlich andere Bilder zeigen, als von Frau Stumm eigentlich beschrieben. Später dienen sie noch der visuellen Unterstützung. Das bringt schön Abwechslung in den drögen Tatort-Alltag.

Etwas seltsam dagegen muten die Treppenhausverfolgungsszenen an. Da passiert nicht viel, außer, dass Leute Treppen hoch, bzw. runter laufen. Da hätte man sich auch etwas Spannenderes einfallen lassen können. Ebenso seltsam ist der tödliche Sturz von Leu. Im einen Augenblick sprintet er noch, im nächsten stolpert er unmotiviert über seine eigenen Füße in den Tod. Man hätte ihn, wenn man schon auf dem Dachboden herumstrolcht, irgendwie auch vom Dach fallen lassen können. Das sähe nicht nur tödlicher, sondern auch spektakulärer aus.
Ein weiteres Kuriosum ist der Arzt, der immer alles genau erklärt, damit der Zuschauer vorm Bildschirm auch etwas lernt. Man kommt sich beinahe wie in einem Erste-Hilfe-Kurs vor.

Story-technisch bleibt am Ende noch einiges im Dunkeln. Es wird zum Beispiel nicht ganz klar, ob Jirisch den Versicherungsbetrug von Anfang an geplant hatte. Möglich wäre es, da er die gefälschten Fahrgestellnummern schon vorbereitet hatte. Vielleicht hätte er das illegale Geschäft auch ohne Wissen der Chefin angefangen. Auch seine Beziehung zur Chefinstochter führt im Prinzip nirgends hin. Sie hätte auch genauso gut irgendeine Frau sein können (gut man wollte vermutlich zeigen, was für ein unguter Mensch Jirisch ist. Und die Nacktbilder waren natürlich auch wichtig).
Die ominösen Telefonnummern der Prostituierten, die in Jirischs Auto gefunden wurden, machen ebenso wenig Sinn. Es wird nie wirklich erklärt, warum die da rumliegen. Es könnte natürlich sein, dass er so Kontakt mit ihnen aufnahm um ein Treffen zu vereinbaren…aber das wäre ja…an den Haaren herbeigezogen…oder?

Etwas, was auch sehr halbseiden wirkt, ist die Geschichte um die betrunkene Nutte Mathilde. Die gibt es eigentlich nur, damit Lenz in ihrer Wohnung herumstöbern, Sexspielzeuge bestaunen und dann Leu überraschen kann. So was nennt man dann gute Polizeiarbeit.

Veigl wirkt in diesem Tatort, vor allem am Ende, äußerst schockiert. Gustl Bayrhammer erweckt den Eindruck, dass Kommissar Veigl sein Verfallsdatum überschritten hat. Dennoch löste er noch 10 weitere Fälle (mal sehen, ob er dann immer noch an der Menschheit zweifelt).

Frau Stumm und ihre Tochter Gigga sind auch im richtigen Leben Mutter und Tochter. Gisela Uhlen (Mutter) bringt die gutgläubige Chefin recht glaubhaft rüber. Dagegen wirkt Susanne Uhlen wirklich nicht wie 18, sondern tatsächlich wie eine leberwurstige 13 Jährige. Aber wer weiß, vielleicht waren die Abiturienten früher so? Beide können auf eine reichhaltige Beschäftigung im deutschen TV-Schmonzens zurückblicken, und sind bis heute da auch noch tätig, in den Rosamunde Pilchers und Landärzten der öffentlich rechtlichen.

Interessant ist auch der Werdegang von Ralf Wolter (Leu). Der hat nämlich schon in zahlreichen Karl May-Verfilmungen sein Bestes gegeben („Durchs wilde Kurdistan“, „Old Surehand“, zwei der Winnetous). Im heutigen Tatort hat er nur eine relativ kleine Rolle inne gehabt (und das als Täter).

Der Tatort ist kein schlechter, es gibt aber auch weit bessere als „Als gestohlen gemeldet“. Allerdings bietet dieser einige seltsame Ideen (und über „Gigga“ werde ich mich noch ein wenig amüsieren, heutzutage sollte auch wieder mehr Dialekt im Tatort gesprochen werden). Die Story an sich war relativ dünn, aber das Drumherum hat mich doch schon unterhalten. Kann man also mal anschauen.

 
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Verfasst von - März 18, 2019 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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