RSS

Schlagwort-Archive: Mörder

Kais Buchtagebuch – Tim Parks – „Mr. Duckworth sammelt den Tod“ (Großbritannien, 2014)

„Mr. Duckworth sammelt den Tod“ ist der dritte Teil einer Reihe um Morris Duckworth, einen Briten, der in Italien in den ersten Bänden um jeden Preis in gehobenere Kreise gelangen wollte. Er schreckt dabei auch nicht vor Mord zurück, um sein Ziel zu erreichen. Dies nur vorweg, damit man mitkommt, wobei angemerkt sei, dass ich die anderen Bücher nicht gelesen habe. Die Geschichte spielt 20 Jahre nach den Ereignissen des letzten Romans.

Der Leser begegnet Morris Duckworth, wie er sich bereit macht, die Ehrenbürgerwürde Veronas anzunehmen. Er ist verheiratet mit Antonella Trevisan, Älteste von drei Schwestern, und die einzige der drei, die nicht von Morris umgebracht wurde (wie es den Eindruck macht ist die erste Tote allerdings mehr ein Ergebnis unglücklicher Umstände gewesen, oder zumindest versucht sich Morris das einzureden. Ohne Kenntnis des ersten Romans kann ich das schwer beurteilen, da, wie später noch deutlich wird, auf Morris als Charakter, durch dessen Augen man die Welt sind, ein eher unzuverlässiger Erzähler ist). Morris könnte also mehr als zufrieden sein, aber er ist es nicht. Nicht nur, dass die Verleihung so gar nicht seinen Vorstellungen entspricht und er sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Bürgermeister ihn nicht ernst nimmt, sein Sohn ist auch nicht anwesend, sondern, wie sich noch zeigt, wegen fussball-bedingter Fanausschreitung in Haft. Sei es also, dass er aufgrund dieser Unzufriedenheit, einer allgemeinen Geltungssucht oder einfach aus einem Impuls heraus handelt, doch Morris Duckworth kündigt eine Gemäldeausstellung zum Thema Mord und Tod im örtlichen (sprich Veroneser) Kunstmuseum an, gebildet aus seiner Privatsammlung und Leihgaben anderer Museen.

Wenig überraschend ist Museumsdirektor Volpi alles andere als begeistert von Morris´ spontanem Einfall, und es braucht einiges an Überzeugungsarbeit, um das direkte Einstampfen der Ausstellung zu verhindern. Dennoch ist eines klar, Volpi und Morris werden keine Freunde mehr, und die Mitarbeit des Anglo-Italieners wird eher zähneknirschend zur Kenntnis genommen denn akzeptiert. Und im Großen und Ganzen beschäftigt sich nun der erste Teil des Buches vor allem mit der Organisation dieser Ausstellung, die Morris immer wieder in Konflikt mit Volpi bringt, und auch an die Grenzen der Legalität (was aber für einen mehrfachen Mörder eigentlich kein Hindernis darstellen sollte). Gleichzeitig bereiten ihm seine zwei Kinder noch Kopfzerbrechen und ebenso ein ungebetener Besucher, der mehr über die Duckworthschen Untaten wissen könnte und damit die latente Paranoia des Protagonisten fördert. Was allerdings fehlt (zumindest für einen Krimi von Rang und Namen) ist ein Mord (wobei ich nicht sagen will, dass es immer zu Toten kommen muss, um einen spannenden Krimi zu schreiben).

Der zweite Teil beginnt mysteriös. Es gab einen kleinen Zeitsprung und Morris sitzt wegen einer Mordanklage im Gefängnis. Er weiß zwar mehr als der Leser, aber nicht besonders viel, da er sich an die betreffende Nacht nicht mehr erinnern kann. Er könnte nach seiner eigenen Meinung schuldig sein, er kann es nicht sagen. Und so versucht er sich (und somit dem Leser) nach und nach die Geschehnisse zu erklären, gleichzeitig aber auch eine einigermaßen vernünftige Position für die Verteidigung einzunehmen. Es folgt der beste Teil des Buches, in dem er Briefe aus dem Gefängnis an verschiedene Leute schreibt, und er in jedem versucht, einen anderen schlecht dastehen, bzw. schuldig aussehen zu lassen. Das ist so wunderschön manipulierend dass es eine Freude ist, es zu lesen. Was ich so gekonnt daran finde, ist, dass der Leser nur diese Briefe hat, und da Morris Duckworth alles andere als ein objektiver Berichterstatter ist, kann man sich absolut nicht sicher sein, was nun stimmt, oder ob irgendetwas stimmt, von dem, was er von sich gibt.

Leider folgt darauf eine Auflösung, die nicht so recht zu überzeugen weiß. So ist den Kirchenmännern in Neapel schon lange Morris´mörderisches Treiben bekannt. Da er aber zum einen Leute umbrachte, die diesen ein Dorn im Auge waren, und Morris gleichzeitig so viel finanzielles für die Gemeinschaft (und eben die Kirche) springen ließ, ließen sie ihn gewähren und schalteten nicht die Polizei ein. Irgendwie möchte das nicht zünden. Klar, bei ein bisschen Kirchenbashing kann man so viel nicht falsch machen, aber es wirkt häufig auch recht platt. Vielleicht, weil es etwas unvermittelt kommt. Es gibt zwar Anzeichen dafür, dass der Haus- und Hoftheologe der Trevisan-Duckworth-Familie irgendetwas zu verbergen hat, aber dass es solche Ausmaße annimmt, konnte man nicht ahnen. Ich hätte es wohl auch besser gefunden, wenn Morris´ Paranoia sich letztendlich als Hirngespinst raus gestellt hätten. Es kann aber natürlich auch sein, dass in den vorherigen Büchern dazu noch etwas mehr stand und es weniger aus dem Nichts zu kommen scheint. Allgemein scheint mir, der Autor wollte am Ende noch einmal alles geben und aus dem Vollen schöpfen, immerhin gibt es ne Verschwörung, seltsame Clubs zur Selbstgeißelung, ne wilde, drogengeschwängerte Orgie. Wobei man das vor allem erzählt bekommt. Es wäre dich etwas interessanter gewesen, das Live mitzuerleben, und nicht alles in Morris Gedächtnislücke versinken zu lassen. Man muss als Leser aber aufmerksam mitlesen, denn es werden nicht alle Zusammenhänge breit erklärt. Mir ist zum Beispiel immer noch nicht klar, was es mit dem Schwäche-/ bzw. Ohnmachtsanfall auf sich hatte, der einen Mord verhinderte.

„Mr. Duckworth sammelt den Tod“ ist kein Buch für Leute, die eine positive Identifikationsfigur brauchen. Morris Duckworth ist überheblich, selbstverliebt, arrogant, absolut kein Sympathieträger, und so wundert man sich, warum man dem Kerl nicht wünschen sollte, dass seine Machenschaften auffliegen. Immerhin sind die meisten anderen Figuren, über die man etwas mehr erfährt, auch rechte Unsympathen. Das heißt dann aber natürlich auch, dass man sich unter Umständen nur wenig dafür interessiert, was diesen passiert. Vor allem die erste Hälfte ist daher ziemlich zäh, wenn es eigentlich wirklich nur um diese Gemäldeausstellung geht. Es wirkt nämlich nie wirklich so, als würden die Morde kurz vor der Aufdeckung stehen (die polizeilichen Ermittlungen sind ja alle längst eingestellt). Man kann hier eher die Paranoia eines Mörders bei der Arbeit sehen. Erst nach dem Gefängnisaufenthalt zieht die Interessenkurve etwas mehr an, weil dann ja wirklich etwas passiert ist, auch, wenn man nicht weiß, was.

Zwischen Morris Duckworth und dem Autoren Tim Parks gibt es einige Parallelen. Beides sind zum Beispiel Engländer, die in Italien versuchten, ihr Glück zu machen. Morris Duckworth entstand dabei zu einer Zeit, als Tim Parks einige Ablehnungen von Manuskripten verkraften musste, und er schrieb sich mit den Morden etwas den Frust von der Seele. Scheinbar hat es gewirkt, denn bald nach der Vollendung des Buches starteten die Veröffentlichungen seiner Werke (u.a. „Stille“ , das von der ARD verfilmt wurde und scheinbar in filmischer Form nicht so gut funktionierte, oder „In Extremis“). Ansonsten ist Tim Parks noch als Übersetzer oder Verfasser von Sachbüchern tätig, die sich auch oft mit Italien und/oder Verona befassen.

Man merkt dem Buch an, dass der Autor Spaß mit der Figur des Morris Duckworth hatte. Wohl ein Grund, weswegen er ihn immer wieder entkommen ließ, und vermutlich spielt das auch in den übertriebenen Schluss rein. Vielleicht überträgt sich die Begeisterung eher auf den Leser, wenn er die ersten beiden Bücher gelesen hat. Ich jedenfalls, der ich nur den dritten Band kenne, habe nicht so einen Zugang zu diesem Charakter gefunden.

Ach ja, es gibt natürlich noch einen anderen Charakter in der Literaturgeschichte, der sich durch Morde einen sozialen Aufstieg verschaffte. Aber im Gegensatz zu Mr. Ripley hat Morris nicht wirklich die Identität seiner Opfer angenommen.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - April 18, 2019 in Buchtagebuch

 

Schlagwörter: , , , , , , ,