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Kais Buchtagebuch – Wolf Haas – „Auferstehung der Toten“ (Deutschland, 1996)

Kais Buchtagebuch – Wolf Haas – „Auferstehung der Toten“ (Deutschland, 1996)

So, mittlerweile sind Urlaub, Praxisbesuche und Berichte überstanden. Nun kann ich mich wieder den Tagebüchern widmen. Es ist einmal mehr etwas Kriminalistisches geworden.

„Auferstehung der Toten“ ist der erste Roman von Wolf Haas, und ebenso der erste Brenner-Fall, den Haas veröffentlichte.

Simon Brenner ist ein ehemaliger Kriminalinspektor der Wiener Polizei, der zur Zeit als Detektiv einer Versicherungsagentur arbeitet. Den Dienst hatte er quittiert, weil er mit seinem neuen Vorgesetzten nicht klar kam, oder umgekehrt. Zumindest spielten Brenners wasserblaue „Tschechenaugen“ eine Rolle im Konflikt.

Der erste Fall, den Brenner nun bearbeiten muss, ist zufälligerweise genau der letzte Fall, den er in seiner Eigenschaft als Polizist bearbeitet hatte. In Zell am See war ein älteres, amerikanisches Ehepaar in einem Skilift gefunden worden. Dummerweise hatten sie die Nacht in diesem verbringen müssen, und dümmererweise war es tiefster Winter. Die beiden waren also gut durchgefrorene Eisblöcke, ohne Puls und Atem.

Das Ehepaar waren die Schwiegereltern des Dorfbonzen Vergolder. Eigentlich Antretter, aber alle nannten ihn nur Vergolder. Vermutlich seiner Profession wegen, und seines Geldes.

Brenner jedenfalls hat nur wenig bis gar keine Spuren. Weder als Polizist, noch ein dreiviertel Jahr später als Detektiv. Stört ihn eigentlich nicht so sehr, sein Geld bekommt er dennoch. Aber dann führt er doch noch einige Gespräche, die er bislang nicht führte, und lernt einige Leute kennen, die er bisher nicht kannte. Und nach und nach tun sich vereinzelte kleine Risse auf, die sich immer weiter vergrößern und das Geheimnis enthüllen.

Der Brenner ist schon eine spezielle Figur. Meistens mürrisch, von Migräne geplagt, und etwas maulfaul. Dennoch scheint er eine unwiderstehliche Anziehung auf das weibliche Geschlecht haben. Seine Gedanken scheinen oft abzuschweifen, und sich an Nebensächlichkeiten aufzuhalten, was einer der Gründe für das Missfallen seines Vorgesetzten ist. Nun mag man geneigt sein, Übereinstimmungen zwischen Brenner und Haas zu suchen. Da ich den Autoren nicht kenne, kann ich da kaum etwas dazu sagen, wohl aber dies: Brenner ist ca. 10 Jahre älter als Haas, weil diesem dieses Alter fremd ist und es ihn darum interessiert. Wenn man nun kein Herz für einen kleinen Grummler hat, wird man sich als Leser mit Brenner etwas schwer tun.

Etwas anderes, woran mancher sich gewöhnen muss, ist Haas´ Schreibstil. Das ganze liest sich nicht wie ein üblicher Roman, sondern mehr wie eine Geschichte, die ein kauziger Kerl in einer Kneipe erzählt. Kurze Sätze, Umgangssprache, dialektische Einfärbungen, ständige Abschweifungen. Das widersetzt sich nicht nur den üblichen (Krimi-)Lesegewohnheiten, sondern lässt auch manchen Hinweis auf den Fall im allgemeinen Gemurmel untergehen. Da schadet es nicht, aufmerksam zu sein. Und es schadet nicht, das Büchlein noch ein zweites mal zu lesen. Denn es ist ganz interessant zu sehen, was sich alles schon andeutet, und zudem macht es ja auch Spaß. Denn letzten Endes ist das ein guter, aber auch recht kurzer Roman, der kauzige Charaktere zu bieten hat, und viel Atmosphäre verströmt.

Die Brenner-Reihe hat es mittlerweile schon auf 8 Einträge geschafft. Der letzte („Brennerova“) erschien vor 6 Jahren. Bislang sieht es nicht nach einem neunten Buch aus, aber wer weiß. Immerhin kündigte Haas schon einmal an, keine mehr zu schreiben (zugegeben, das war ein fiktiver Wolf Haas, der das sagte). Also gilt es, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Gelesen habe ich die Ausgabe des Rowohlt Taschenbuch Verlags, welches von einem sehr hübschen Cover geziert wird, für das Notburga Stelzer verantwortlich ist. Die Illustration stammt von Jürgen Mick.

 
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Verfasst von - März 11, 2020 in Buchtagebuch, Kurzes Tagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Elizabeth George – „Wer Strafe verdient“ (USA, 2018)

Kais Buchtagebuch – Elizabeth George – „Wer Strafe verdient“ (USA, 2018)

Meine ersten Begegnungen mit Inspector Linley hatte ich damals, als die Filme Sonntagabends im ZDF liefen. Ich schaute die zusammen mit meiner Mutter an, wobei es sich später mit den Barnaby-Filmen abwechselte. Irgendwann gab es dann keine neuen mehr, aber da waren die gemeinsamen Fernsehabende ohnehin schon fast passé. Jedenfalls habe ich dann irgendwann angefangen, die Bücher zu lesen, und fand diese auch ganz gut. Dennoch werde ich immer den TV-Linley vor meinem inneren Auge haben, und nicht den blonden Schönling, der im Buch beschrieben wird.

In der Kleinstadt Ludlow, nahe der englisch-walisischen Grenze stirbt ein Diakon. Aber nicht einfach so, sondern durch Selbstmord. Und auch das ist noch nicht alles, denn der Diakon befand sich in Polizeigewahrsam. Dennoch braucht es noch die Intervenierung des Vaters des Toten, der mit seinem Geld und seinen Kontakten genügend Einfluss ausüben kann, dass New Scotland Yard in den Fall eingeschaltet wird.

Jetzt ermitteln aber nicht wie gewohnt Linley und Havers. Stattdessen wird deren Vorgesetzte Ardery mit dem Fall betraut. Diese nimmt sich zwar Barbara Havers mit, aber weniger zur Unterstützung, sondern mehr zur Kontrolle. Insgeheim würden die oberen Etagen (Ardery eingeschlossen) Havers gerne loswerden, wegen persönlicher Animositäten, und weil sie zu oft Regeln und Gepflogenheiten gekonnt ignoriert.

Die Ermittlungen gestalten sich also zäh. Zu der angespannten Arbeitsatmosphäre (Havers versucht krampfhaft, jeden Fehler zu vermeiden) gesellen sich Arderys regelmäßiger Griff zur Flasche (unter anderem wegen Scheidungs-/Sorgerechtsproblemen), sowie der Unwille der örtlichen Polizei, die sich auf den Schlips getreten fühlt, weil die eigenen Ermittlungsergebnisse in Frage gestellt werden.

Nebenbei werden einige mehr oder weniger Verdächtige Figuren eingeführt und deren mehr oder weniger dunklen Familiengeheimnisse.

Und dann endlich darf das Dreamteam persönlich ran, was aber leider bis zur zweiten Buchhälfte dauert.

Ich hatte mich gefreut, zur Abwechslung mal einen aktuellen Elizabeth George-Roman beschafft zu haben. Bislang hatte ich immer ältere Modelle vor mir liegen. Darum bin ich natürlich nicht ganz auf dem Laufenden, was die serieninterne Geschichte betrifft. Was mir aber bei aller liebe einfach nicht in den Kopf will, ist, warum die Vorgesetzten von Barbara Havers sie immer noch als Dorn im Auge empfinden. Seit vielen Jahren ist sie an erfolgreichen Ermittlungen beteiligt und wird ständig nur wegen ihres Aussehens und ihrer Umgangsformen angefeindet. Dass Havers dann noch irgendwelche Regeln übertreten hatte scheint nur die Kirsche auf dem Eisbecher der Vorwürfe zu sein. Klar, die Engländer sollen hier als die steifen Traditionalisten dastehen, wie man sie sich gerne vorstellt, aber so langsam wirkt das übertrieben. Dass sich die Autorin aber die Engländer wirklich so vorstellt, kann ich nicht glauben. Sie ist zwar gebürtige Amerikanerin, hat mittlerweile jedoch genügend Zeit dort verbracht. Die Engländer, die ich so kenne, geben sich jedenfalls anders.

Wie bereits erwähnt zieht sich das Geschehen ziemlich, was nicht nur an der ungewohnten und unfruchtbaren Konstellation liegt, sondern auch daran, dass sich Havers antrieb, immer weiter zu forschen, lange nur auf allerkleinste Verdachtsmomente stützt, bzw. ungute Gefühle, die sie bei der einen oder anderen Person empfindet. Erst recht spät stößt sie auf eine Lücke von 10 Tagen, die zwischen Meldung eines Verbrechens und der Festsetzung des Dekans liegen. Und von da an kommen dann endlich ein paar vernünftige Ergebnisse zu Stande. Nur leider müssen die beiden Ermittlerinnen zunächst wieder nach London. Aufgrund der alkoholischen Ergüsse Arderys wird Havers wieder hingeschickt, diesmal mit Inspector Linley im Gepäck. Und so klappern sie einige schon bekannte Stationen nochmals ab.

Mir ist klar, dass echte Polizeiarbeit auch meistens sehr zäh ist (und sowieso anders läuft als hier) und mir ist auch klar, dass hier Havers Spürnase und Verbissenheit unter Beweis gestellt werden soll, aber es ist eben schon etwas anstrengend, sich mit ihr durch diese Querelen zu kämpfen. Von dem her kommt es wahrscheinlich wie gedacht herüber, aber irgendwie macht das Lesen dann nicht so viel Spaß.

Vor allem, wenn sich dazu dann noch ein Schreibstil gesellt, der oft indirekte Rede verwendet. Das ist wohl eher ein persönliches Problem meinerseits, dass mir das nicht gefällt. Anders sieht es mit der zum Teil ziemlich gestelzten Redensweise der Personen aus. Das wirkt (wie die englische Steifigkeit) übertrieben und beinahe lächerlich.

Etwas lächerlich ist auch die küchenpsychologische Art, wie sich Ding, eine der wichtigeren Nebenfiguren, ihre Beziehungsunfähigkeit, bzw. eingebildete Beziehungsunfähigkeit erklärt. Aber gut, die Figur ist eben keine Psychiaterin. Noch lächerlicher ist allerdings die Art, wie ihr Vater gestorben ist. Die ganze Zeit denkt man, die unterdrückten Kindheitserinnerungen wären irgendwas furchtbar düsteres, und dann war es ’nur‘ der Tod des Vaters…durch autoerotische Asphyxiationsspielchen. Tut mir leid, das kann ich einfach nicht ernst nehmen, und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken…aber das ist so doof und wirkt, als hätte Elizabeth George irgendwas aus den mehr oder weniger jüngeren Schlagzeilen genommen. Eher weniger jung. Aus derselben Quelle stammt sicher auch das Komasaufen unter Jugendlichen, wobei die Jugendlichen hier schon an der Uni sind. Sicher, das gibt es noch, und womöglich ein edler Versuch, da noch etwas Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, aber es wirkt, vor allem angesichts der Themen, die heute die Öffentlichkeit beschäftigen, wie aus der Zeit gefallen und relativ harmlos.

Die zentralen Themen sind da zum Glück eher zeitloserer Natur, als da der Konflikt zwischen Eltern und Kind, und im speziellen zwischen übervorsichtigen und kontrollierenden Müttern, schwachen Ehemännern und Vätern, und Kind. Dieser führt dann auch zu Missverständnissen, Behinderungen bei den Ermittlungen und zur großen Katastrophe. Naja, das, und ein Riesenarschloch, dessen Täterschaft eher schwach motiviert ist. Nebenbei wird auch noch Drogen- und Alkoholmissbrauch thematisiert, aber auch hier schwingt wieder einiges an vereinfachender Psychologie mit. Leider lässt sich nicht immer alles erklären, und vor allem nicht schnell überwinden.

Elizabeth Georges Lynley-Romane zeichnen sich nicht durch ein hohes Tempo aus, sondern durch eine gute Figurenzeichnung und ein Interesse an den Hintergründen der Täter. Für „Wer Strafe verdient“ braucht man aber nochmal eine Extraportion Sitzfleisch. Ein Fall für Komplettisten, aber der gelegentliche Krimileser sollte eher mit einem anderen ihrer Romane vorlieb nehmen.

Gelesen habe ich die Ausgabe des Goldmann Verlags, für die Umschlaggestaltung zeichnet die UNO Werbeagentur München verantwortlich, unter Verwendung eines Entwurfs von Darren Haggar. Das Motiv der Wolken stammt von Getty Images/ Stijn Dijkstra/ EyeEm, das der Stadt von Andrew Compton/ Alamy Stock Foto. Übertragung ins Deutsche erfolgte durch Charlotte Breuer, Norbert Möllemann und Marion Matheis.

 
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Verfasst von - Oktober 8, 2019 in Buchtagebuch

 

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Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Dario Argento ist ein Regisseur mit einem ganz eigenen Stil. Meist steht bei ihm die visuelle Darstellung und die Atmosphäre im Vordergrund, und weniger eine schlüssige Handlung. Nun habe ich kürzlich seinen ersten Film (bei dem er auf dem Regiestuhl saß, als Drehbuchautor war er schon eine ganze Zeit lang davor tätig, so hatte er zum Beispiel bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ mitgewirkt) gesehen. Nicht mein erster Argento, aber so war es doch umso interessanter zu sehen, wie einige seiner Trademarks schon von Anfang an vorhanden waren.

Der Film beginnt damit, dass eine junge Frau ohne ihre Einwilligung oder ihr Wissen von einem Fremden fotografiert wird. Wie sich schnell herausstellt, ist der Unbekannte nicht auf der Suche nach Italiens next Topmodel, sondern ist der Serienmörder, der in Rom umgeht, und das Mädel ist sein neuestes (drittes) Opfer.

Nun lernen wir den Helden des Films kennen, Sam Dalmas sein Name, und er erklärt seinem Kumpel (und damit auch dem unbedarften Zuschauer) in aller Ausführlichkeit, wer er ist, und was er in Rom macht (Kurzfassung: Amerikaner mit Schreibblockade, im Italienurlaub ging nun das Geld aus und er übernahm eine Auftragsarbeit, scheinbar eine Vogelabhandlung). Nun ist er eigentlich nur gekommen, um seinen Scheck abzuholen.

Auf dem Heimweg kommt er an einer Kunstgalerie vorbei und erblickt dort durch das Schaufenster eine Rangelei zwischen einer schwarzgekleideten Person, einer jungen Frau und einem Messer. Sam versucht einzugreifen, bleibt aber im Zwischenraum von äußerer und innerer Tür stecken (weil sich keine von beiden mehr öffnen lässt). Dennoch reicht das aus, um den Messerschwinger zu vertreiben und einen Passanten die Polizei rufen zu lassen, die Herrin der Galerie hat sich allerdings dennoch eine (nicht-tödliche) Stichwunde zugezogen.

Inspektor Morosini begutachtet mit Sam den Tatort und nimmt diesen dann mit aufs Revier. Augenscheinlich ist er sich noch nicht sicher, was er von dem Amerikaner halten soll, und so zieht er erst mal dessen Pass ein. So wird das natürlich nichts mit der geplanten Heimreise (und ich frage mich, warum er sich nicht an die Botschaft wendet. Ganz egal, was die Argumente des Inspektor sind, das ist doch das einzig vernünftige in der Situation).

Immerhin muss Sam nicht auf dem Polizeirevier nächtigen, er darf nach Hause gehen. Bevor er jedoch in die Arme seiner holden Julia sinken kann, wird in den nebligen Gassen Roms erfolglos ein Anschlag auf ihn ausgeführt.

Am nächsten Morgen wird er vom Inspektor zu einer Gegenüberstellung eingeladen. Da er den Täter gesehen hat, soll er sich mal eine Hand voll Perverse anschauen, um zu sehen, ob da nicht der Täter dabei sein könnte. Interessanterweise gehört der Transvestit nicht in diese Gruppe (wohl aber Exhibitionisten, Sodomiten, Päderasten und Sadomaso-Fans. Die späten 60er/frühen 70er eben). Die Gegenüberstellung war aber offenbar nur ein kleiner Zeitvertreib, denn kurzerhand und ohne, dass sich Sam näher mit den potentiell Verdächtigen beschäftigt, gehen wir in die Hightech-Abteilung der Polizei. Dort berechnet ein Computer anhand der Daten über die verschiedenen Morde eine Täterbeschreibung. Ich weiß natürlich, dass das große Computerzeitalter damals noch in den Kinderschuhen steckte, aber die Täterbeschreibung (durchschnittlich groß, irgendwie braunes Haar, usw.) und die Ausgabe eines Bildes durch ein Nadeldruckverfahren ist schon ziemlich herzig. Sam jedenfalls betont immer wieder, dass ihm an dem beobachteten Mordversuch in der Galerie irgendetwas seltsam vorkam, aber er kann einfach nicht sagen was.

Das ganze Prozedere war jetzt also ziemlich fruchtlos, und Sam beschließt, eigene Ermittlungen aufzunehmen. Julia findet das zwar seltsam (da sind wir schon zwei), aber der Inspektor unterstützt Sam, alldieweil er ja hofft, dass dieser ihm irgendwann noch eine nähere Täterbeschreibung liefern könne.

Und so beschäftigt sich Sam mit den ersten drei Opfern etwas näher. Die Erste (die, glaube ich, die Tote aus dem Vorspann ist), arbeitete bei einem leicht aufdringlichem und offensichtlich auf Sam stehenden Antiquitätenhändler. Kurz vor ihrem Tod verkaufte sie ein sehr seltsames Gemälde (naive Kunst, die einen Mord an einer Frau auf dem Feld zeigt, also etwas, was jeder gerne über den Kamin hängen würde). Sam bekommt freundlicherweise eine Kopie davon.

Und noch etwas weiteres bekommt er, nämlich seinen Pass wieder. Inspektor Morosini ist der Meinung, Sam als Täter ausschließen zu können. Da dieser aber nicht gleich abreisen, sondern noch ein wenig weiter ermitteln möchte, bekommt er Polizeischutz. Zudem ruft der Killer Morosini an, um etwas anzugeben.

Sams weitere Nachforschungen führen ihn zum eingeknasteten Zuhälter des zweiten Opfers, welcher durch einen stotternden und lispelnden Sprachfehler glänzt und ausgesprochen hübsch ist. Zunächst kann der allerdings keine wirklichen Hinweise liefern.

Abends gibt es wieder einen Anschlag auf Sams Leib und Leben, nun, zunächst auf das Leben des armen Polizeibeamten, der zu Sams Schutz abgestellt war. Dieser wird einfach überfahren. Nun könnte man mit Sam und Julia natürlich das gleiche machen, aber stattdessen setzt der Killer seine Verfolgung zu Fuß fort. Der Anschlag missglückt, doch der Killer entkommt (der übrigens nicht der Galeriemörder ist, da wir ihn in vollem unmaskierten Antlitz bewundern können).

Sam möchte immer noch nicht in heimische Gefilde fliegen, und bekommt noch einmal verstärkten Polizeischutz.

Da sich Sam gut mit dem Zuhälter gestellt hatte, verschafft ihm dieser Kontakt zu einem Mann, der herausfinden kann, wer der Auftragsmörder war (dieser Kerl nimmt seine ’niemanden-verpfeifen‘-Politik sehr ernst). Während Sam also zu Hause mit Julia kuschelt und auf Ergebnisse wartet, bekommt er einen Anruf des Serienkillers, der ihm nahe legt, Fünfe gerade sein zu lassen und heim zu düsen.

Dadurch nicht eingeschüchtert besucht Sam die Adresse, die ihm der Kontaktmann mittlerweile hat zukommen lassen, und findet dort nicht nur eine ärmliche Behausung/Bruchbude vor, sondern auch die Leiche des glücklosen Auftragsmörders. Klar, die Polizei muss wieder mal her und aufräumen kommen. Außerdem hat der Inspektor noch anderes interessantes zu zeigen. Durch die Analyse der beiden Anrufe (Sam hat nämlich den Killeranruf aufgenommen) konnte festgestellt werden, dass es sich nicht um den gleichen Sprecher handelt. Außerdem ist auf Sams Aufnahme noch ein seltsames Geräusch im Hintergrund zu hören, das aber nicht näher bestimmt werden kann.

Jetzt hat der Amerikaner doch genug und beschließt, den Heimflug anzutreten. Julia könnte das nur recht sein, doch im letzten Moment kommt Sam doch noch eine tolle Idee und möchte den Maler des Gemäldes besuchen. Tolle Idee, jedenfalls für uns Zuschauer, weil uns doch so eine herrlich durchgeknallte Darbietung von Mario Adorf als Maler und Katzenliebhaber der besonderen Art äh..dargeboten wird.

Blöde Idee aus Julias Sicht, da diese, während Sam in der italienischen Provinz herumturnt, einen Besuch des Serienkillers bekommt. Julia stellt sich zunächst nicht ganz doof an, verbarrikadiert die Tür, sucht nach einem Fluchtweg, und bewaffnet sich. Schlussendlich verliert sie doch die Hoffnung, lebend aus der Sache herauszukommen, sinkt auf den Boden und wäre sicherlich das nächste Opfer geworden, wäre nicht Sam mit polizeitärem Anhang rechtzeitig erschienen und hätte den Bösewicht verjagt.

Nun stünde der Heimkehr eigentlich nichts mehr im Weg, würde da nicht Sams Kumpel (der vom Anfang, der mittlerweile auch die Aufnahme mit dem seltsamen Geräusch belauschen durfte) auftauchen und kund tun, dass er wüsste, was das Geräusch ist, nämlich der (im italienischen) titelgebende Vogel mit den Kristallfedern. Das einzige Exemplar, das man in Rom finden könne, befindet sich im Zoo.

Dort angekommen, fügen sich die restlichen Puzzleteile zusammen, und Ereignisse finden statt, die den Serienkiller enthüllen. Aber, haha, ich verrate nichts weiteres.

Das war also die erste Regiearbeit Dario Argentos. Vieles, was seine späteren Filme und Giallos (Krimis mit einem grafischeren Gewalt- und Nacktheitsanteil, fast ausschließlich aus Italien) ausmacht, ist hier schon zu finden.

Optisch fängt das mit dem schwarzgekleideten und schwarzbehandschuhten Täter an, den man anhand seines Aussehens nicht identifizieren kann. Kein Wunder, schließlich steckte Argento selbst mehr als einmal in dieser Kluft, und nicht der Schauspieler in Täterrolle. Hat natürlich nicht nur damit zu tun, dass der Regisseur das Publikum auf eine falsche Fährte locken wollte, sondern auch damit, dass er seine Vorstellungen direkt umsetzen konnte.

Die Morde glänzen aber nicht nur durch die Darstellung des Täters, und seine Fixierung auf Schneidewerkzeuge, sondern auch durch eine besonders intensive Farbgebung. Das Blut ist unnatürlich rot gefärbt. Das mag man den technischen Unzulänglichkeiten zu schreiben, aber es würde auch in das Bild Argentos als das eines sehr visuell arbeitenden Regisseurs passen.

Ein weiteres Merkmal des argentschen (argentoischen?) Schaffens sind die ungewöhnlichen Kameraperspektiven und das prominente in Szene setzen interessanter Architektur (hier vor allem ein dreieckiges Treppenhaus). Da dies Argentos erste Regiearbeit war, konnte er von Glück sagen, mit Vittorio Storaro einen Kameramann zu haben, der ebenfalls am Beginn seiner Karriere stand (es sollten noch Filme folgen wie „Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“ oder „Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen“, dem Exorzisten-Prequel), und der daher ebenso experimentierfreudig war. So konnte der Regisseur seine Vorstellungen leichter umsetzen und wusste bei späteren Projekten,was möglich war und wie man Bilder entsprechend komponierte. Zu Storaros Ideen zählten zum Beispiel die starken Spielereien mit Licht und Dunkelheit, unter anderem zu sehen, wenn Sam im Finale den Täter verfolgt und beinahe der ganze Bildschirm schwarz ist. Das trägt nicht unwesentlich zur Atmosphäre bei. Daneben wird noch auf Nahaufnahmen gesetzt, auf Handkameras (glücklicherweise ohne nerviges Gewackel) und auf Ich-Perspektiven. Dadurch, das Storaro aber immer dem Regisseur das letzte Wort überließ, verstanden sich die beiden sehr gut (und das, obwohl Argento eine Kamera aus dem Fenster warf und diese dann auch, erwartbar, zu Bruch ging). Dennoch blieb „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ die einzige Zusammenarbeit der beiden Italiener.

Eine weitere Eigenheit von Dario Argento ist es, immer wieder blitzlichtartig Erinnerungsfetzen einzublenden. Hier geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Ist das, was man glaubt, gesehen zu haben, das, was wirklich passiert ist, oder spielt die menschliche Eigenschaft, sich Dinge zu erklären, eine viel größere Rolle, als man denkt, nach dem Sinn „es kann nicht sein was nicht sein darf“.

In „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (und auch in anderen Argento-Filmen) findet sich eine Unmenge skurriler und kurioser Nebenfiguren, deren Eigenheiten maßlos übertrieben werden (siehe den Stotterer). Argento sieht sich allerdings nicht als einer, der diese Leute bloß stellt, sondern als einen, der sich für die Außenseiter der Gesellschaft interessiert und sie darum zeigt.

Zu den visuellen Gesichtspunkten gesellt sich ein Morricone-Soundtrack, der durch eine gegensätzliche Kombination aus improvisiert wirkenden Elementen und Kinderliedern viel zur unwirklichen Atmosphäre beiträgt, da es oft so wirkt, als würde nicht das dargestellte beschrieben werden. Dabei ist es interessant zu wissen, dass Morricone für den Score tatsächlich nur ein Grundgerüst für das Orchester zusammengestellt hat, während des Spielens allerdings viel dirigierte und arrangierte. Wer sich nun wundert, warum ein Anfänger einen Morricone gewinnen konnte, der sich in der Zeit schon mit der Musik für die Dollar-Trilogie einen Namen gemacht hatte, dem sei gesagt, das hier das Vitamin B wie Beziehung geholfen hat. Morricone war ein bekannter der Familie.

Kurzum, das Zusammenspiel der audio-visuellen Darstellung der Geschichte trägt viel zur unwirklichen, traumhaften Atmosphäre bei. Dazu kommt, dass die Mordszenen wie aus dem Nichts gezeigt werden. Auch der manchmal sprunghafte Szenenwechsel trägt dazu bei. Dieser kommt allerdings dadurch zu Stande, dass Argento Setpiece für Setpiece inszeniert und sich weniger um ein sinnvolles ineinandergreifen kümmert. Besonders auffällig ist das bei der Gegenüberstellungsszene, die ins Nichts führt, und man danach lieber ins Labor geht. Das kann man als künstlerische Absicht sehen, oder als das Unvermögen eines unerfahrenen Regisseurs. Dabei sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass sich Dario Argento vor der Regiearbeit als Filmkritiker und Drehbuchautor mit dem Thema Film auseinandergesetzt hatte, und er somit schon

ein wenig gewusst haben dürfte, was er tat.

Das Rom, das einem hier gezeigt wird, ist keines, das man von Postkarten her kennt. Ja, nicht einmal wird das Kolosseum gezeigt, stattdessen erwarten einen menschenleere Nebenstraßen und Bauplätze. Das gibt dem Film ein ungewöhnliches Aussehen. Und dann kommt hinzu, dass „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun beinahe 50 Jahre alt ist (junge, wen man sich das mal vorstellt…), und uns heute diese Zeit an sich schon sehr fremd vorkommt. Die modernen Techniken zur Fahndung wirken schon sehr drollig heutzutage.

Die Geschichte stammt übrigens nicht von Wallace-Sohn Bryan, wie es im Vorspann behauptet wird (damals wollte man nur auf den Zug der erfolgreichen Wallace-Verfilmungen dieser Zeit aufspringen), sondern von Fredric Brown, einem amerikanischen Science-Fiction- und Krimiautor (als „Die schwarze Statue“). Da Dario Argento aber nicht die Rechte erhielt, veränderte er ein Paar Dinge (so ist der Schauplatz nun Rom und nicht mehr Chicago), aber wenn man sich die Zusammenfassung durchliest, erkennt man den deutlich Film wieder.

Tony Musante gibt hier den Helden, auch wenn er optisch nicht so wirkt, sondern beinahe schon unsympathisch (das kann aber auch an mir liegen). Es passt allerdings hervorragend zu dem Film. Am Set ist er wohl des öfteren mit dem Regisseur aneinander gerate, weil er sich diesem nicht unterordnen wollte. Musante selbst hat es nie zum größten Ruhm gebracht, war aber doch gut (und oft fürs Fernsehen) beschäftigt (z. B. „Oz – Hölle hinter Gittern“).

Enrico Maria Salerno stellt einen Inspektor dar, der, Giallo untypisch, nicht völlig unfähig ist, sondern gleichberechtigt zur Hauptfigur gezeigt wird. Auf der italienischen Bühne ist er bekannt, vor allem aber als dortige Synchronstimme von Clint Eastwood.

Nun wird einen Absatz lang gespoilert.

Eva Renzi war eigentlich schon für einen anderen Film geplant. Da ihr damaliger Ehemann diesen aber nicht so toll fand, und sie auf ihn hörte, brauchte sie schnell eine andere Rolle, um Geld zu verdienen, und da kam ihr „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ gerade recht. Schlussendlich bereute sie aber, bei dem Film mitgewirkt zu haben, denn sie sah ihn als ihren Karierrekiller an (auch wenn sie ihn sich erst 20 Jahre nach Fertigstellung anschaute), das sie als Frau einen Mörder verkörperte. Zumal einen, für den sie keine Motivation sah.

Außerdem gefiel ihr die Zusammenarbeit mit Tony Musante überhaupt nicht, der ihr viel zu egozentrisch war. Zudem empfand sie die Frauen in dem Film nur als Opfer und/oder Werkzeuge der Männer (im Gegensatz zu Argento, der gerne auf seine starken Frauenrollen verwies). Und zu guter Letzt hätte sich sich wohl gerne mehr Führung durch den Regisseur gewünscht.

Trotz allem liefert sie hier eine gute Show ab und man merkt ihr den Unmut nicht an. Schade, dass sie es nie so empfand, als das sie als Schauspielerin respektiert wurde, und schade auch, dass ihr der ganz große Durchbruch verwehrt blieb.

Zu erwähnen wäre hier noch Mario Adorf, der als sehr exzentrischer Maler etwas Humor in den Film bringt (scheinbar war er in Italien bis dahin für Komödien bekannt), und Werner Peters („Das Herz von St. Pauli“, „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, „Das Mädchen Rosemarie“) in einer seiner letzten Rollen.

„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ ist ein Film, der eine unwirkliche Atmosphäre verbreitet, und dem das so gut gelingt, weil alles passt und darauf zugeschnitten ist. Darum wundert es mich nicht, dass er beim damaligen Testpublikum zunächst nicht gut ankam. Man muss sich etwas darauf einstellen. Ich kann ihn aber nur empfehlen, vor allem, wenn man ihn in der Fassung sehen kann, in der die vier Minuten zusätzlich mit dabei sind, die aus dem Original ursprünglich rausgeschnitten wurden. Im deutschen entstehen so einige verwirrende Szenen.

Übrigens gibt es den titelgebenden Vogel nicht wirklich. Der Vogel, der gezeigt wird, ist irgendein Kranich.

 
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Verfasst von - September 25, 2017 in Filmtagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – Jussi Adler-Olsen – „Erwartung – Der Marco Effekt“ (Dänemark, 2012)

Kais Buchtagebuch – Jussi Adler-Olsen – „Erwartung – Der Marco Effekt“ (Dänemark, 2012)

Eben erst habe ich einen (ziemlich alten) Eintrag veröffentlicht, in dem es um eine Krimiserie ging, in der alte Fälle im Mittelpunkt stehen. Jetzt geht es um eine Buchreihe mit dem selben kriminalistischen Schwerpunkt. Dabei sollte ich vielleicht voran stellen, dass „Erwartung“ der fünfte Teil der Reihe um Ermittler Carl Mørck und sein Team ist, aber der erste, den ich davon lese (und die Filme hab ich auch nicht gesehen). Ich besitze also null Vorwissen.

Der Auslöser für die Ereignisse in Dänemark im Jahre 2011 liegt überraschenderweise im Kongo. Eigentlich liegt er noch viel früher, bei einer Bankenkrise, und einigen dänischen Bankiers und Politikern, die den kurzen Dienstweg nehmen wollten, um eben mal Milliardenbeträge zur Bankenrettung loszueisen. Und ja, das wird alles auf den ersten 40 Seiten erklärt, so dass der Leser voll im Bilde ist.

Im folgenden wird darum auch nicht viel Zeit verschwendet mit den Ermittlungen der Hauptfiguren der Reihe (Kommissar Carl Mørck, sein Assistent Assad und Rose, die auch eine Art Assistentin und Hilfspolizistin ist). Diese haben mit dem titelgebenden Fall erst nach ungefähr einem Drittel des Buches zu tun und beschäftigen sich bis dahin mit einem nicht weiter erwähnenswerten Flüchtigem und mit sich selbst. Mørck hat Probleme in der Beziehung, Probleme mit seinem Vorgesetzten und Probleme mit einem neuen Kollegen. Über Assad erfährt man nicht weiter mehr, als dass er sich gerade von einer schweren Verletzung erholt und erst langsam wieder wie sein altes Ich wird (und für alles und jeden ein seltsames Kamelgleichnis hat), und Rose möchte gerne echte Ermittlungsarbeit leisten.

Weitaus interessanter ist der Teil des Romans, der sich mit Marco beschäftigt. Marco ist ein 15 jähriger Junge, der einem Clan angehört, der seine Finger in allen möglichen kleinen und großen Verbrechen stecken hat (Bettelmafia, Taschendiebstahl, Einbruch, und wie sich zeigt auch Mord). Dabei war die Gruppierung anfangs scheinbar nur eine Ansammlung von Hippies und Aussteigern, die sich dann aber immer mehr zu einem wandelnden Klischee osteuropäischer Verbrecherbanden entwickelte (böse Zungen hätten sie früher wie eine in Verruf geratene Bezeichnung für eine Paprikagrillsauce genannt).

Marco jedenfalls ist unzufrieden mit der Situation, und als es für seine körperliche Unversehrtheit gefährlich wird, nimmt er lieber die Beine in die Hand. Auf der Flucht vor den Häschern des Clans stolpert er über die Leichen im Keller der Bande, und so kann er nun auf jeden Fall nicht mehr zurück. Stattdessen hat er immer mehr und immer gefährlichere Leute am Hals, die ihn lieber früher als später unter der Erde sähen. Und zur Polizei traut er sich auf Grund seines illegalen Status und seiner verbrecherischen Vorgeschichte auch nicht.

So beginnt eine spannende Jagd auf den Jungen, immer wieder unterbrochen durch die weniger spannenden Ereignisse um die Ermittler.

Ja, es tut mir leid, aber das ist eben die Schwachstelle „Erwartung“, dass dem Leser, der nicht die ersten Bände gelesen hat, zu wenig Informationen über Mørck und Co. gegeben wird. Ich weiß nicht genau, warum Mørck immer schlecht gelaunt ist, und ich kenne ihn nicht gut genug, um mich wirklich um seine Beziehungsprobleme zu scheren, vor allem dann nicht wenn man eigentlich lieber Marcos Geschichte weiterverfolgen möchte. Immerhin gibt es aber doch ein Paar Hintergründe zu ihm und seiner Vorgeschichte, bei Assad und Rose sieht das anders aus. Gut, so wie es scheint, wüsste man als Kenner der Reihe auch nicht so genau, was in Assads Vergangenheit passierte (ein irakisches Gefängnis wird angedeutet), und Roses großes Geheimnis scheint erst in einem der folgenden Bände aufgeklärt zu werden (jedenfalls suggerierte das ein Werbespruch so). Aber ich bin mir noch nicht einmal über die genaue Position, die sie einnimmt, sicher. Eine richtige Polizistin ist sie ja nicht. War sie nur mal Sekretärin und wollte dann mehr?

Der Teil um Marco ist sicher auch nicht gänzlich perfekt. So entkommt mir der Junge zu oft zu knapp. Da muss man manchmal seine Zweifel recht stark unterdrücken, um nicht den Spaß daran zu verlieren. Spannend und unterhaltend bleibt es so allerdings. Marco selbst ist ein Junge, der nur ein normales Leben führen möchte. Dazu kommt noch, dass er ziemlich clever ist. Meines Erachtens nach auch ein wenig zu clever, vor allem wenn man seinen familiengeschichtlichen Hintergrund betrachtet. Er ist einfach in allem etwas zu geschickt/begabt. Dennoch ist es eine Freude, wenn den dunklen, vorausplanenden Hintermännern ihre Konspiration immer mehr entgleitet, nur wegen eines Jungen.

Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen veröffentlichte seinen ersten Roman 1997 („Das Alphabet-Haus“), so richtig bekannt wurde er allerdings erst mit den Reihe um das Sonderdezernat Q. Diese Reihe soll, wenn sie dann vollendet ist, 10 Bände umfassen, mit „Erwartung“ ist also die Hälfte schon geschafft. Stand 2017 sind schon zwei weitere Bände herausgekommen, die Chancen stehen also gut, dass Adler-Olsen die 10 voll macht.

Ein bisschen Trivia habe ich auch. Als Sohn eines Psychiaters kam Adler-Olsen in jüngeren Jahren mit einem Patienten in Kontakt, den er für sehr sympathisch hielt. Wie ihm sein Vater aber dann erzählte, hat eben dieser Patient seine Frau umgebracht. Diese Vereinigung von Gut und Böse in einer Person beeindruckte den späteren Autor so, dass er den Kommissar nach ihm benannte.

„Erwartung – Der Marco-Effekt“ ist alles in allem ein spannender Thriller, der Fans der Reihe sicher mehr anspricht, als Einsteiger, denn dafür wird zu viel Zeit mit dem eigentlich weniger interessanten Plot um Mørck verbracht (vor allem hat man am Ende das Gefühl, dass diese Figuren sich kaum weiterentwickelt haben), mit dem Kenner der Reihe sicher mehr anzufangen wissen.

 
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Verfasst von - Juli 18, 2017 in Buchtagebuch

 

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Kais Serientagebuch – „Cold Case“ (USA, 2003-2010)

Nun ein Filmtagebuch für all diejenigen, die sich bisher noch nicht so sehr mit dem TV-Krimiserien-Alltag befasst haben. „Cold Case“ läuft nämlich schon seit einer ganzen Weile, um genau zu sein seit 2003. 2010 wurde die Serie dann auch eingestellt, sodass sich eine überschaubare Anzahl an Episoden ergeben hat. Naja, wenn man 156 als überschaubar ansieht. Immerhin hat die Serie so auch irgendwann ein Ende und man muss nicht befürchten, sich bis an das Ende aller Tage nur noch dem Krimisujet widmen zu dürfen.

„Cold Case“ befasst sich mit unaufgeklärten, aber dennoch zur Akte gelegten Fällen, darum ja auch der Name „kalter Fall“. Meistens wird dieser wieder neu aufgerollt, weil neue Beweise aufgetaucht sind, zum Beispiel in Form eines Zeugen, der Jahre später eher bereit ist, zu sagen was er weiß, als Jahre zuvor. Manchmal aber ist auch eine neue Leiche, bzw. eine alte, aber frisch entdeckte Leiche der Anstoß, der alles ins Rollen bringt. Und um diese Fälle kümmert sich dann immer das Ermittlerteam um Lilly Rush, Hauptfigur der Serie (allerdings bezweifle ich ja, dass sich irgendein Polizeidezernat dieser Welt eine Kommission bereithält, einzig für den Fall, dass irgendwo alte Fälle aufgeklärt werden. Das wird dann wohl eher im Bedarfsfall geregelt. Aber so ist das eben im TV).

Die einzelnen Episoden sind dann auch immer nach dem gleichen Muster aufgebaut. Anfangs erleben wir Szenen in der Zeit, in der das betreffende Verbrechen geschieht und das Opfer und seine Umgebung kurz vorgestellt werden. Dann wird in die Gegenwart geschnitten, in der dann ein Anlass gefunden wird, um im eben jenem Fall erneut zu ermitteln, dann folgt die Titelsequenz (mit der zugegeben nervigen Titelmusik, die mit einem langgezogenen lautem Ausruf beginnt). Danach werden die Ermittlungen aufgenommen und der Fall mehr oder weniger erfolgreich aufgeklärt. Tatsächlich ist es so, dass nicht immer der richtige Täter gefasst werden kann (ich habe bis jetzt einen Fall erlebt, in dem niemand festgenommen werden konnte, sondern der offensichtliche Täter einfach so wieder aus dem Polizeigewahrsam spazieren durfte). Das ist aber eine nur selten auftretende Ausnahme.

Umgesetzt wird die Zweiteilung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sehr ansprechend. Während das hier und jetzt immer mit einem leichten Blaufilter dargestellt wird, werden die Sequenzen, die in der Vergangenheit spielen (und die immer bei Befragung der Zeugen gezeigt werden) in passenden Farben gezeigt. Oft werden auch zusätzliche Effekte eingebaut, zum Beispiel Verschmutzungen, damit es aussieht, als wäre es ein alter Super8-Film. Unterlegt werden diese Szenen mit passender, zeitgenössischer Musik. Und wer meinen Musikgeschmack ein wenig kennt, kann hier schon einen Grund finden, warum ich die Serie mag (vor allem wenn viel aus den 70ern/80ern gezeigt wird). Leider habe ich bisher noch keine Folge gesehen, in der 90er-Jahre-Euro-Techno lief. Vielleicht würde das nicht passen, ich fände es aber witzig.

Ein anderer großer Pluspunkt der Serie ist, dass durch die Rückblenden und das Auftreten des Opfers im lebend-Zustand der Zuschauer teilhaben darf am Leben der Mörder und Toten in spe. Das ermöglicht den Schreiberlingen der Serie eine viel bessere Ausarbeitung der Charaktere. Das sind nicht nur einfach irgendwelche Toten, die eben Softeis am Ohr haben („der Pädophile war’s!“ – Ja, wenn ich schon von Scrubs klauen kann, mach ich es auch), sondern richtige Personen. Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass man sehen kann, wie die Angehörigen des Opfers mit dem Mord umgegangen sind, da man diese ja auch immer damals und heute sehen kann.
Die Opfer sind aber nicht die einzigen, die einen richtigen Charakter verpasst bekommen, auch die Ermittler haben alle ihr Kreuz zu tragen (wobei „psychische Belastung“ natürlich nicht gleichzusetzen ist mit „ausgearbeiteter Charakter“). Die Charakterisierung passiert aber angenehm unaufdringlich und ist eher Teil des Hintergrundgeschehens. Nie stiehlt sie dem eigentlichen Mordfall die Show, und es gibt keine größeren, Seifenopern-mäßigen Aussetzer.

Voraussetzung für die erfolgreiche Klärung des Mordfalles sind aber immer die wahrheitsgemäßen Aussagen der Zeugen. Ob diese Stimmen, kann der Zuschauer immer daran erkennen, ob eine Rückblende gezeigt wird, oder nicht. Bei einer Rückblende stimmt die Aussage (es fehlt vielleicht ein Detail oder so), wird diese aber nicht gezeigt, kann man schon mal die betreffende Person im Auge behalten. Sollte aber einmal irgendwer beschließen, nicht die ganze Wahrheit zu sagen, wird der Fall nicht aufgeklärt, bzw. schon aufgeklärt, aber der Täter kann auf Grund mangelnder Beweislage nicht festgenommen werden. Das passiert ja aber, wie schon gesagt, nur sehr selten.

Am Ende fast jeder Episode wird die Festnahme des Täters gezeigt, die Reaktionen der Angehörigen, alles mit Zwischenschnitten auf die jüngeren Versionen der betreffenden Personen. Das ganze wird dann mit einem melancholischen Pop-Rock-Song unterlegt und die ganze Szene wirkt schön traurig (meistens). Da können manch nah am Wasser gebauten auch mal die Tränen kommen. Eines ist allerdings seltsam, Lily Rush sieht nämlich dann oftmals Visionen der Opfer, die ihr wohlwollend zunicken. Das finde ich dann doch ein wenig übertrieben. Ist ja schließlich keine übernatürliche Geistermurkssendung.

Wenn man so ausgearbeitete Charakter hat, braucht man natürlich auch erfahrene Schauspieler, oder zumindest welche, die ein bisschen was auf dem Kasten haben. Lily Rush, Hauptperson, aber eigentlich gleichgestellte Ermittlerin mit den anderen, wird verkörpert von Kathryn Morris. Diese sieht mit ihren Ende 30 (am Anfang der Serie) nicht nur ziemlich gut aus, sondern kann auch auf Auftritte in bekannten Filmen wie „Paycheck“, „Minority Report“ oder „A.I. – Künstliche Intelligenz“ zurückblicken. Wobei ich „Hell Swarm – Die Todesbrut“ vom Titel her am besten finde. Serienveterane werden sie aber sicherlich schon in „Pensacola“ gesehen haben. Hier macht sie ihre Sache gut und bringt ihre einfühlsame Rolle gut rüber.

Mit im Team, beziehungsweise der Vorgesetzter Stillman ist John Finn. Auch dieser hat schon in so manchem Film mitgewirkt („Cliffhanger“, „Catch Me If You Can“, „Die Akte“ oder…“Robosaurus“ [wird Zeit, dass ich den mal schau]), doch richtig beschäftigt ist er vor allen in Serien. In „Dawsons Creek“ ist er zum Beispiel als Sheriff unterwegs, oder in „Akte X“ als Michael Kritschgau, der immer behauptet hat, mehr über die Regierungsverschwörung zu wissen. In „Cold Case“ macht er eine gute Figur als väterlicher Freund Lilys.

Der leicht aufbrausende Ermittler Nick Vera wird gespielt von Jeremy Ratchford, unter anderem mit kleineren Rollen in „Erbarmungslos“ oder „Amy und die Wildgänse“ gesegnet, hauptsächlich aber als englische Stimme von Banshee in der 90er-Jahre X-Men-Serie bekannt. Er spielt in „Cold Case“ häufig mit seinem Partner Will Jeffries, und gerät auch mit diesem das ein oder andere Mal aneinander.

Das liegt vor allem daran, dass Jeffries eher der ruhige, verständnisvolle Typ ist. Dargestellt wird dieser von Thom Barry, der auch schon in der Cartoon-Abteilung tätig war. Allerdings als Stimme von Gabriel Jones (einem SHIELD-Agent) in der 90er-Hulk-Serie. Wenn man ihn in einem Film sehen will, muss man sich an „The Fast And The Furious“ oder dessen Nachfolger wenden. Wie gesagt, er strahlt in der Serie eine ungehörige ruhe aus, die gut passt.

Bleiben noch Danny Pino. Der trägt in „Cold Case“ ein ernst-schauendes Detective Gesicht spazieren, und dass so erfolgreich, dass er jetzt bei „Law And Order – SVU“ ermitteln darf. Davor tat er dies schon in „The Shield“. Und Tracie Thoms, die als Ermittlerin in „Cold Case“ erst in der dritten Staffel beitritt. Ihr bekanntester filmischer Auftritt dürfte in „Der Teufel trägt Prada“ gewesen sein (dort als eine Lily).

Da eine Serie natürlich auch noch vom kreativen Impuls lebt, stell ich mal eben noch die Erdenkerin von „Cold Case“ vor. Das ist Meredith Stiehm. Diese hat sich als Autorin für „NYPD Blue“ und „Emergency Room“ schon ihre Meriten verdient.

Warum wurde nun eine qualitativ recht hochwertige Serie nach 7 Staffeln eingestellt? Das liegt zum einen daran, dass der Sendeplatz von CBS von 20 Uhr auf 22 Uhr verlegt wurde. Offensichtlich war die Gruppe der Zuschauer, die diese Serie gesehen hat allerdings nicht so lange wach, sodass die Zuschauerzahlen um diese Zeit ziemlich weggeschrumpft sind. Zum anderen kann auch das Beste Konzept nicht ewig tragen, vor allem nicht, wenn es irgendwann auffällt, dass der Mörder so gut wie nie der kleine Gangster um die Ecke ist, sondern eher der reiche Schnösel.

Übrigens noch eine kleine Info, für diejenigen, die sich bis hierher durchgearbeitet haben. In Kanada gab es wohl eine ähnlich gelagerte Serie namens „Cold Squad“, deren Macher rechtliche Schritte anstreben wollten. Was daraus geworden ist, ist mir leider nicht bekannt.

Mein Schlusswort lautet also, dass es „Cold Case“ wert ist, dass man sich da die eine oder andere Episode anschaut. Da die Serie keine Rahmenhandlung hat, kann man sich da beruhigt irgendwo eine herauspicken und dennoch alles verstehen. Man sollte jedoch in der Laune auf melodramatischen Schmalz sein.

 
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Verfasst von - Juli 8, 2017 in Serientagebuch

 

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Kais Buchtagebuch – C.R. Neilson – „Das Walmesser“ (Großbritannien, 2014)

Kais Buchtagebuch – C.R. Neilson – „Das Walmesser“ (Großbritannien, 2014)

Krimis, die an skandinavisch-nordeuropäischen Schauplätzen spielen, sind unglaublich beliebt, da erzähle ich hier ja wohl niemandem etwas neues. Und warum auch nicht, die harschen Lebensbedingungen bringen ein ganz eigentümliches Völkchen hervor, manchmal vielleicht einen Tick zu depressiv gestimmt. Und die Landschaft spielt natürlich auch oft eine Rolle, vor allem in den Islandkrimis. Oder eben bei einem, der auf den Färöern spielt, wie dieser hier.

Der heutige Protagonist läuft unter dem Namen John Callum und kommt frisch auf den Färöern an. Dort versucht er eigentlich nur, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und nicht allzu sehr aufzufallen. Das funktioniert schon nur einigermaßen gut, weil solch abgelegene Gemeinschaften ja gerne und vor allem in Krimis leicht fremdenfeindliche Individuen hervorbringen. Als er ein Verhältnis mit Karis anfängt, kommt das bei ihrem Exfreund und ihrem Vater alles andere als gut an. Die Konflikte steigern sich, und dann geschieht ein Mord und John findet sich nach einer durchzechten Nacht mit einem blutverschmierten Walmesser in der Jackentasche wieder. Jetzt gilt es zum einen herauszufinden, was passiert ist, und zum anderen, nicht von den Behörden des Mordes überführt zu werden.

Fangen wir mal mit dem Besten an dem Buch an. Die Färöer sind ein schicker und unverbrauchter Hintergrund. Dazu kommt die passende Beschreibung der Bevölkerung, mit ihren Macken und den rauen Traditionen (vor allem, was den Walfang betrifft).

Die Hintergrundgeschichte von John Callum wird nach und nach aufgedeckt, so dass man das Interesse nicht verliert, ähnliches gilt für den Mordfall. Nur, wie dieser dann aufgeklärt wird, ist ärgerlich.

Dazu sollte man zuerst erwähnen, dass die Geschichte aus der Ich-Perspektive John Callums erzählt wird. Das ist anfangs nichts schlechtes, allerdings werden dem Leser immer wieder Informationen vorenthalten, was eben in dieser Erzähl-Perspektive seltsam wirkt. Entweder werden Dinge nur indirekt beschrieben, mit Sätzen wie „..erinnerte ihn an die Sache von damals“. Oder Szenen werden mit einem Cliffhanger beendet, und im nächsten Kapitel denkt John nicht, oder wieder nur indirekt darüber nach. Am schlimmsten ist jedoch, wie er auf die Lösung des Mordfalles kommt (Spoiler ahead). Er spricht mit derjenigen Person, die er für den Täter hält. Und einige Kapitel später wird enthüllt, dass er in diesem Gespräch schon erkannte, dass die Person nicht der Täter sein konnte, weil Sie bei der Enthüllung der Näheren Täterbeschreibung überrascht reagierte (ha…gar nicht mal so sehr gespoilert). Das ist meiner Meinung nach eher lazy writing als clever writing und es hat mich etwas geärgert, dass dem Leser wichtige Informationen vorenthalten werden, und dieser so nicht selbst auf die Lösung kommen kann. Das ist doch eine der Hauptgründe, einen Krimi zu lesen, zumal, wenn der Protagonist kein Sympathiebolzen ist.

Denn John Callum wird nicht gerade sympathisch dargestellt. Leicht paranoid (immer spürt er Blicke, bevor er die betreffende Person sieht oder zu sehen glaubt), aufbrausend und seine Wut immer nur schwer unter Kontrolle haltend, wirkt er nicht wie eine Person, der man den Lehrerberuf zutraut. Außerdem verstehe ich nicht, warum er dem örtlichen Kommissar nicht ein wenig mehr Vertrauen schenkt, da dieser ihm offensichtlich helfen will. Dass er ihn nervig findet, ist für mich nicht Grund genug sich selbst das Leben schwer zu machen. Nicht einmal seiner Anwältin erzählt er alles, er möchte unbedingt alles alleine klären, und macht das auf eine ziemlich selbstjustizhafte Weise.

Etwas, das ich nur erwähne, weil es mir eben aufgefallen ist, sind die vertauschten Rollen beim Fund einer Selbstmordleiche. Der Kommissar nimmt einen passiven Part ein, während John den Erhängten birgt. Das scheint mir nicht zu passen.

Alles in allem kann man schon sagen, dass „Das Walmesser“ spannend ist, man will immer wissen, was als nächstes geschieht, und die Färöer geben einen guten und atmosphärischen Hintergrund ab, aber der wenig sympathische Protagonist, der Informationen-zurückhaltende Schreibstil und auch die Art und Weise, wie der Fall gelöst wird, haben mich zu sehr verstimmt, um eine wirkliche Empfehlung aussprechen zu können. Leute, die große Färöer-Fans sind, oder die die besseren nordischen Krimis schon durch haben, können womöglich einen Blick riskieren.

Ach ja, am Ende gibt es kurioserweise noch ein Glossar, welches die paar Brocken Färöisch erklärt, die vorkommen, aber das ist völlig unnötig, da diese schon aus dem Text und Kontext heraus erklärt werden.

Gelesen habe ich die Ausgabe des Heyne Verlags, welches von einem stimmungsvollen Cover geziert wird, für welches Johannes Wiebel und punchdesign München verantwortlich ist, unter Zuhilfenahme von Motiven von Andrey Yurlov. Übersetzt wurde es aus dem (ausdrücklich erwähnten) schottischen Englisch von Ulrich Thiele.

 
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Verfasst von - Juni 19, 2017 in Buchtagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Die Abrechnung“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Die Abrechnung“ (BRD, 1975)

Die Tatort-Reihe ist aus der Sommerpause zurückgekehrt, wie man so hört, mit einer Folge mit einer Portion Science-Fiction. Viele haben ihn gesehen, ich jedoch nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass die öffentlich-rechtlichen Schreiberlinge da etwas logisches zusammengebastelt haben. Ich habe eine Reise in die Vergangenheit unternommen zu Kommissar Haferkamp aus Essen.

Heinz Haferkamp stellt einen jungen Kommissar dar. Er ist zwar geschieden, doch versteht sich ziemlich gut mit seiner Exfrau, so gut sogar, dass er sie in bis jetzt jedem Fall einmal zu Rate zog. Außerdem hat er eine Vorliebe für Alt und kalte Frikadellen, scheinbar ein angesagter Snack in Essener Kneipen. Letzterer Charakterzug ist übrigens auf dem Mist des Schauspielers Hansjörg Felmy ganz alleine gewachsen.

Es beginnt der Tatort damit, dass Evelyn Stürznickel ihre Stieftochter Angela mit Tabletten versorgt und ins Bett steckt um die angebliche Grippe auszukurieren. Später in der Nacht schleicht Evelyn mit gezückter Waffe die Treppe herunter, offenkundig weil sie den Einbrecher im Wohnzimmer gehört hat. Dieser begutachtet die Leiche von Frau Stürznickels Schwiegervater, der erschlagen wurde, und nur wenige Augenblicke später macht er die Bekanntschaft mit drei Pistolenkugeln.

Die Polizei wird also angerufen, und kommt unter anderem in Form von Kommissar Haferkamp angerückt. Haferkamp stutzt schon ein wenig, dass Angela überhaupt nichts von den Schüssen gehört hat, bzw. so starke Tabletten bekommen hatte, dass sie nicht aufwachte.

An dieser Stelle befürchtete ich schon, dass die nächsten 75 Minuten damit verbracht werden, diesen eigentlich offensichtlichen Mord (zumal für einen Zuschauer aus heutiger Zeit, der im Schnitt schon eine Menge Krimis gesehen hat) aufzuklären. Glücklicherweise ist dem nicht so. Nach ein paar Gesprächen im Umfeld des Einbrechers, in denen sich herauskristallisiert, dass dieser ein Verhältnis mit Frau Stürznickel hatte, glaubt Haferkamp genügend Indizien gegen die Schwiegerwitwe in der Hand zu haben. Offenbar auch die Staatsanwaltschaft, und so kommt es zur Verhandlung. Frau Stürznickel jedoch hat mit Dr. Alexander einen der besten Strafverteidiger zur Hand, der zwar der beste Freund des Verstorbenen war, und auch selber schon die ein oder andere Verdächtigung hat, was dessen Todesumstände betreffen, aber er erklärt sich bereit, den Fall zu übernehmen, unter der Voraussetzung, dass er sein Mandat sofort niederlege, wenn er Beweise dafür bekäme, dass Evelyn etwas mit dem Mord zu tun hat.

Vor Gericht nimmt Dr. Alexander die Anklage auseinander. Er beschuldigt Kommissar Haferkamp, die Angeklagte nur deswegen festgenommen zu haben, weil ihre sexuellen Aktivitäten (neben dem Einbrecher hat sie noch eine Affäre mit einem Tierarzt) nicht in sein spießiges Weltbild passen würden. Die Folge ist der Freispruch. Haferkamp ist geknickt, auch weil seine Meinung von ihm selbst etwas erschüttert wurde. Glücklicherweise kann ihn seine Exfrau etwas aufbauen.

Nach dem Prozess hat der Strafverteidiger Alexander noch eine kurze Unterhaltung mit Angela. Angela möchte ihr Erbe nicht, sondern es wäre ihr lieber, wenn ihre Mutter das Geld bekäme. Zeitgleich flashbackt sie immer wieder zur Mordszene. Offensichtlich war sie gar nicht so betäubt, wie sie allem und jedem weismachen wollte, sondern hat mit angesehen, wie ihre Stiefmutter ihren Großvater umgebracht hatte. Dennoch erzählt sie dem Anwalt nichts davon, sondern verdrückt sich lieber nach Hause. Dort schreibt sie irgendwas und entlässt ihren Vogel aus dem Käfig in die Freiheit.

Eines Tages im Präsidium gönnt sich Haferkamp gerade eine kleine Mahlzeit, als ein Anruf kommt. Angela ist verschwunden, während Evelyn Stürznickel mit dem Tierarzt Kürschner das Wochenende in ihrem Haus am See verbrachten. Noch bevor die Suche wirklich in Gang kommt wird Angelas Leiche aus dem See gefischt. Von da an geht es schnell, Schlag auf Schlag werden immer mehr Hinweise gefunden, die alle auf Evelyn Stürznickel als Täterin deuten und Dr. Kürschner mindestens las Mitwisser. Beide werden also verhaftet, was zu einigen wirklich gelungenen Tiraden Kürschners führt, in denen er sich über das ungerechte Rechtssystem beschwert.

Haferkamp geht der Fall nicht mehr aus dem Kopf, vor allem die Amsel. Zudem die Tatsache, dass Evelyn ihre Stieftochter sehr zugetan war und ihr eigentlich nie etwas angetan hätte, jedenfalls interpretiert er das aus dem Briefverkehr. Letztendlich fällt der Groschen erst, als der Prozess schon im vollen Gange ist. Haferkamp holt sich einen Durchsuchungsbefehl für Dr. Alexander, der wieder die olle Stürznickel verteidigt. Er gibt sich aber verdächtig wenig Mühe. So ist es dann auch kein Wunder, das die beiden Angeklagten verurteilt werden.

Nach Prozessende sitzt der Anwalt ganz alleine im Saal und sammelt seine Unterlagen zusammen, als Haferkamp eintritt, nicht nur mit der Anschuldigung, Dr. Alexander hätte Angelas selbstgemordete Leiche gefunden und sie benutzt, um ihrer Stiefmutter einen Mord anzuhängen, sondern auch mit dem Abschiedsbrief Angelas, der in der Kanzlei des Anwalts versteckt war, und ebenso mit einem Zeugen, der gesehen hat, wer die Tote im See versenkte.

Und am Ende holt Haferkamp den unschuldig verurteilten Kürschner noch höchstpersönlich vom Gefängnis ab. Was genau jetzt mit Evelyn Stürznickel passiert, das bleibt dem Zuschauer vorenthalten.

„Die Abrechnung“ hat mir anfangs wirklich Sorgen gemacht, weil ich dachte, das wird so ein Larifari-Fall, bei dem der Zuschauer nach 10 Minuten schon den Fall durchschaut. Zumal ja schon mit „Wodka Bitter-Lemon“ ein Haferkamp-Tatort einer war, der dieser Kategorie entsprach. Glücklicherweise hat sich das als unbegründet erwiesen. So wird man als Zuschauer durch den ersten Prozess selbst in seinem Urteil verunsichert. Das mag 1975 sogar noch viel besser auf die Menschen vor dem Bildschirm gewirkt haben, vor allem, wenn man sich selber auch den Anschuldigungen an sexuelles Spießertum stellen muss (die Verteidigung Dr. Alexanders). Es ist allerdings sehr schade, dass sich der Film nicht zutraut, diese Unsicherheit noch eine Weile aufrechtzuerhalten und stattdessen Angelas Erinnerungen zeigt. Die zweite Hälfte macht ein größeres Geheimnis um den Täter, bzw. den Tathergang. Am unterhaltsamsten sind dann aber die Auseinandersetzungen zwischen Haferkamp und Dr. Kürschner, besser gesagt, Kürschners Monologe, wie er gegen das Justizsystem wettert und gegen die Ermittlungsart ist herrlich anzusehen.

Als optische Besonderheit bietet „Die Abrechnung“ einige hübsche Überblendungen (also von einer Szene zur nächsten), etwas, das man nicht unbedingt erwartet und die ansonsten konventionelle Arbeitsweise erfreulich auflockert.

Einige Kuriositäten gibt es auch noch zu bestaunen. So erscheint mir eine Amsel als Haustier doch recht ungewöhnlich, oder, dass der Kommissar mit Frau Stürznickel gemeinsam in deren Auto zur Identifizierung der Stieftochter fährt. Weniger kurios als viel mehr tragisch ist die Geschichte der Mutter des erschossenen Einbrechers, die im und nach dem Krieg einen Sohn nach dem anderen verloren hatte.

Hansjörg Felmy spielt seinen Kommissar routiniert. Das ist durchaus nicht negativ gemeint. Kein Wunder, dass er zu den beliebtesten Ermittlern gehört.

Maria Schell wirkt sehr gekünstelt. Zunächst hielt ich es für Absicht, da ihre Rolle ja eine falsche Aussage vorzutragen hatte. Aber das gibt sich auch im weiteren Verlauf leider nicht. Ich würde ihr eher zutrauen, ihre Stieftochter tatsächlich umgebracht zu haben, als nicht in der Lage dazu gewesen zu sein. Mit ihren vielen Rollen (unter anderem eine kleinere Rolle im Superman von 1978) und Auszeichnungen vermute ich, dass sie überzeugender sein konnte, wenn sie mochte.

Romuald Pekny ist ein überzeugender Rechtsverdreher und verliert sein beherrschtes Äußeres auch erst, als Haferkamp ihn enttarnt. Er war abseits der Theaterbühne in einer Vielzahl von Fernsehfilmen zu sehen, unter Anderem auch in „Das Biest im Bodensee“, den ich damals tatsächlich im Fernsehen gesehen habe. Ich glaube der Film war eher albern.

Zu Rolf Becker habe ich ja schon viel Positives von mir gegeben. Sein Tierarzt ist sehr sehenswert. Man kann ihn in unzähligen TV-Filmen bewundern. Wenn man ihn hier so sieht, weiß man, woher Ben Becker seine Begabung hat. Wie der Vater so der Sohn.

Irina Wanka, die junge Angela, tritt nicht nur bis heute in Filmen auf, sondern synchronisierte schon so einige Größen, zum Beispiel Sophie Marceau in „LOL“ oder Charlotte Gainsbourg u.A. in „Antichrist“. Hier wirkt sie sehr teilnahmslos, aber dafür ist sie ja auch nicht die ganze Zeit dabei. Kleine Anmerkung für Leute mit seltsamen Geschmack, ihre Leiche zieht blank, öhm…

Der Tatort „Die Abrechnung“ hat womöglich einen etwas schleppenden Anfang, aber schon mit dem Prozessbeginn nach 15 Minuten zieht der Unterhaltungsgrad an. Ein Vertreter der Reihe, der sicherlich auch heute noch sein Publikum finden würde. Manchmal jedoch wirkt es, als würden die Figuren ihren Einsatz vermasseln. Das ist aber ein Eindruck, den viele der alten Tatorts erwecken, wenn jemand mitten im Satz von jemand anderem unterbrochen wird. Vielleicht ist das aber auch Absicht, das lässt sich kaum klären.

 
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Verfasst von - September 4, 2016 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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