RSS

Schlagwort-Archive: Italien

Kais Buchtagebuch – Tim Parks – „Mr. Duckworth sammelt den Tod“ (Großbritannien, 2014)

„Mr. Duckworth sammelt den Tod“ ist der dritte Teil einer Reihe um Morris Duckworth, einen Briten, der in Italien in den ersten Bänden um jeden Preis in gehobenere Kreise gelangen wollte. Er schreckt dabei auch nicht vor Mord zurück, um sein Ziel zu erreichen. Dies nur vorweg, damit man mitkommt, wobei angemerkt sei, dass ich die anderen Bücher nicht gelesen habe. Die Geschichte spielt 20 Jahre nach den Ereignissen des letzten Romans.

Der Leser begegnet Morris Duckworth, wie er sich bereit macht, die Ehrenbürgerwürde Veronas anzunehmen. Er ist verheiratet mit Antonella Trevisan, Älteste von drei Schwestern, und die einzige der drei, die nicht von Morris umgebracht wurde (wie es den Eindruck macht ist die erste Tote allerdings mehr ein Ergebnis unglücklicher Umstände gewesen, oder zumindest versucht sich Morris das einzureden. Ohne Kenntnis des ersten Romans kann ich das schwer beurteilen, da, wie später noch deutlich wird, auf Morris als Charakter, durch dessen Augen man die Welt sind, ein eher unzuverlässiger Erzähler ist). Morris könnte also mehr als zufrieden sein, aber er ist es nicht. Nicht nur, dass die Verleihung so gar nicht seinen Vorstellungen entspricht und er sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass der Bürgermeister ihn nicht ernst nimmt, sein Sohn ist auch nicht anwesend, sondern, wie sich noch zeigt, wegen fussball-bedingter Fanausschreitung in Haft. Sei es also, dass er aufgrund dieser Unzufriedenheit, einer allgemeinen Geltungssucht oder einfach aus einem Impuls heraus handelt, doch Morris Duckworth kündigt eine Gemäldeausstellung zum Thema Mord und Tod im örtlichen (sprich Veroneser) Kunstmuseum an, gebildet aus seiner Privatsammlung und Leihgaben anderer Museen.

Wenig überraschend ist Museumsdirektor Volpi alles andere als begeistert von Morris´ spontanem Einfall, und es braucht einiges an Überzeugungsarbeit, um das direkte Einstampfen der Ausstellung zu verhindern. Dennoch ist eines klar, Volpi und Morris werden keine Freunde mehr, und die Mitarbeit des Anglo-Italieners wird eher zähneknirschend zur Kenntnis genommen denn akzeptiert. Und im Großen und Ganzen beschäftigt sich nun der erste Teil des Buches vor allem mit der Organisation dieser Ausstellung, die Morris immer wieder in Konflikt mit Volpi bringt, und auch an die Grenzen der Legalität (was aber für einen mehrfachen Mörder eigentlich kein Hindernis darstellen sollte). Gleichzeitig bereiten ihm seine zwei Kinder noch Kopfzerbrechen und ebenso ein ungebetener Besucher, der mehr über die Duckworthschen Untaten wissen könnte und damit die latente Paranoia des Protagonisten fördert. Was allerdings fehlt (zumindest für einen Krimi von Rang und Namen) ist ein Mord (wobei ich nicht sagen will, dass es immer zu Toten kommen muss, um einen spannenden Krimi zu schreiben).

Der zweite Teil beginnt mysteriös. Es gab einen kleinen Zeitsprung und Morris sitzt wegen einer Mordanklage im Gefängnis. Er weiß zwar mehr als der Leser, aber nicht besonders viel, da er sich an die betreffende Nacht nicht mehr erinnern kann. Er könnte nach seiner eigenen Meinung schuldig sein, er kann es nicht sagen. Und so versucht er sich (und somit dem Leser) nach und nach die Geschehnisse zu erklären, gleichzeitig aber auch eine einigermaßen vernünftige Position für die Verteidigung einzunehmen. Es folgt der beste Teil des Buches, in dem er Briefe aus dem Gefängnis an verschiedene Leute schreibt, und er in jedem versucht, einen anderen schlecht dastehen, bzw. schuldig aussehen zu lassen. Das ist so wunderschön manipulierend dass es eine Freude ist, es zu lesen. Was ich so gekonnt daran finde, ist, dass der Leser nur diese Briefe hat, und da Morris Duckworth alles andere als ein objektiver Berichterstatter ist, kann man sich absolut nicht sicher sein, was nun stimmt, oder ob irgendetwas stimmt, von dem, was er von sich gibt.

Leider folgt darauf eine Auflösung, die nicht so recht zu überzeugen weiß. So ist den Kirchenmännern in Neapel schon lange Morris´mörderisches Treiben bekannt. Da er aber zum einen Leute umbrachte, die diesen ein Dorn im Auge waren, und Morris gleichzeitig so viel finanzielles für die Gemeinschaft (und eben die Kirche) springen ließ, ließen sie ihn gewähren und schalteten nicht die Polizei ein. Irgendwie möchte das nicht zünden. Klar, bei ein bisschen Kirchenbashing kann man so viel nicht falsch machen, aber es wirkt häufig auch recht platt. Vielleicht, weil es etwas unvermittelt kommt. Es gibt zwar Anzeichen dafür, dass der Haus- und Hoftheologe der Trevisan-Duckworth-Familie irgendetwas zu verbergen hat, aber dass es solche Ausmaße annimmt, konnte man nicht ahnen. Ich hätte es wohl auch besser gefunden, wenn Morris´ Paranoia sich letztendlich als Hirngespinst raus gestellt hätten. Es kann aber natürlich auch sein, dass in den vorherigen Büchern dazu noch etwas mehr stand und es weniger aus dem Nichts zu kommen scheint. Allgemein scheint mir, der Autor wollte am Ende noch einmal alles geben und aus dem Vollen schöpfen, immerhin gibt es ne Verschwörung, seltsame Clubs zur Selbstgeißelung, ne wilde, drogengeschwängerte Orgie. Wobei man das vor allem erzählt bekommt. Es wäre dich etwas interessanter gewesen, das Live mitzuerleben, und nicht alles in Morris Gedächtnislücke versinken zu lassen. Man muss als Leser aber aufmerksam mitlesen, denn es werden nicht alle Zusammenhänge breit erklärt. Mir ist zum Beispiel immer noch nicht klar, was es mit dem Schwäche-/ bzw. Ohnmachtsanfall auf sich hatte, der einen Mord verhinderte.

„Mr. Duckworth sammelt den Tod“ ist kein Buch für Leute, die eine positive Identifikationsfigur brauchen. Morris Duckworth ist überheblich, selbstverliebt, arrogant, absolut kein Sympathieträger, und so wundert man sich, warum man dem Kerl nicht wünschen sollte, dass seine Machenschaften auffliegen. Immerhin sind die meisten anderen Figuren, über die man etwas mehr erfährt, auch rechte Unsympathen. Das heißt dann aber natürlich auch, dass man sich unter Umständen nur wenig dafür interessiert, was diesen passiert. Vor allem die erste Hälfte ist daher ziemlich zäh, wenn es eigentlich wirklich nur um diese Gemäldeausstellung geht. Es wirkt nämlich nie wirklich so, als würden die Morde kurz vor der Aufdeckung stehen (die polizeilichen Ermittlungen sind ja alle längst eingestellt). Man kann hier eher die Paranoia eines Mörders bei der Arbeit sehen. Erst nach dem Gefängnisaufenthalt zieht die Interessenkurve etwas mehr an, weil dann ja wirklich etwas passiert ist, auch, wenn man nicht weiß, was.

Zwischen Morris Duckworth und dem Autoren Tim Parks gibt es einige Parallelen. Beides sind zum Beispiel Engländer, die in Italien versuchten, ihr Glück zu machen. Morris Duckworth entstand dabei zu einer Zeit, als Tim Parks einige Ablehnungen von Manuskripten verkraften musste, und er schrieb sich mit den Morden etwas den Frust von der Seele. Scheinbar hat es gewirkt, denn bald nach der Vollendung des Buches starteten die Veröffentlichungen seiner Werke (u.a. „Stille“ , das von der ARD verfilmt wurde und scheinbar in filmischer Form nicht so gut funktionierte, oder „In Extremis“). Ansonsten ist Tim Parks noch als Übersetzer oder Verfasser von Sachbüchern tätig, die sich auch oft mit Italien und/oder Verona befassen.

Man merkt dem Buch an, dass der Autor Spaß mit der Figur des Morris Duckworth hatte. Wohl ein Grund, weswegen er ihn immer wieder entkommen ließ, und vermutlich spielt das auch in den übertriebenen Schluss rein. Vielleicht überträgt sich die Begeisterung eher auf den Leser, wenn er die ersten beiden Bücher gelesen hat. Ich jedenfalls, der ich nur den dritten Band kenne, habe nicht so einen Zugang zu diesem Charakter gefunden.

Ach ja, es gibt natürlich noch einen anderen Charakter in der Literaturgeschichte, der sich durch Morde einen sozialen Aufstieg verschaffte. Aber im Gegensatz zu Mr. Ripley hat Morris nicht wirklich die Identität seiner Opfer angenommen.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - April 18, 2019 in Buchtagebuch

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Kais Filmtagebuch – „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ aka „L´Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ aka „The Bird with the Crystal Plumage“ aka „Bird with the Glass Feathers“ aka „The Gallery Murders“ aka „Phantom Of Terror“ (Italien, 1970)

Dario Argento ist ein Regisseur mit einem ganz eigenen Stil. Meist steht bei ihm die visuelle Darstellung und die Atmosphäre im Vordergrund, und weniger eine schlüssige Handlung. Nun habe ich kürzlich seinen ersten Film (bei dem er auf dem Regiestuhl saß, als Drehbuchautor war er schon eine ganze Zeit lang davor tätig, so hatte er zum Beispiel bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ mitgewirkt) gesehen. Nicht mein erster Argento, aber so war es doch umso interessanter zu sehen, wie einige seiner Trademarks schon von Anfang an vorhanden waren.

Der Film beginnt damit, dass eine junge Frau ohne ihre Einwilligung oder ihr Wissen von einem Fremden fotografiert wird. Wie sich schnell herausstellt, ist der Unbekannte nicht auf der Suche nach Italiens next Topmodel, sondern ist der Serienmörder, der in Rom umgeht, und das Mädel ist sein neuestes (drittes) Opfer.

Nun lernen wir den Helden des Films kennen, Sam Dalmas sein Name, und er erklärt seinem Kumpel (und damit auch dem unbedarften Zuschauer) in aller Ausführlichkeit, wer er ist, und was er in Rom macht (Kurzfassung: Amerikaner mit Schreibblockade, im Italienurlaub ging nun das Geld aus und er übernahm eine Auftragsarbeit, scheinbar eine Vogelabhandlung). Nun ist er eigentlich nur gekommen, um seinen Scheck abzuholen.

Auf dem Heimweg kommt er an einer Kunstgalerie vorbei und erblickt dort durch das Schaufenster eine Rangelei zwischen einer schwarzgekleideten Person, einer jungen Frau und einem Messer. Sam versucht einzugreifen, bleibt aber im Zwischenraum von äußerer und innerer Tür stecken (weil sich keine von beiden mehr öffnen lässt). Dennoch reicht das aus, um den Messerschwinger zu vertreiben und einen Passanten die Polizei rufen zu lassen, die Herrin der Galerie hat sich allerdings dennoch eine (nicht-tödliche) Stichwunde zugezogen.

Inspektor Morosini begutachtet mit Sam den Tatort und nimmt diesen dann mit aufs Revier. Augenscheinlich ist er sich noch nicht sicher, was er von dem Amerikaner halten soll, und so zieht er erst mal dessen Pass ein. So wird das natürlich nichts mit der geplanten Heimreise (und ich frage mich, warum er sich nicht an die Botschaft wendet. Ganz egal, was die Argumente des Inspektor sind, das ist doch das einzig vernünftige in der Situation).

Immerhin muss Sam nicht auf dem Polizeirevier nächtigen, er darf nach Hause gehen. Bevor er jedoch in die Arme seiner holden Julia sinken kann, wird in den nebligen Gassen Roms erfolglos ein Anschlag auf ihn ausgeführt.

Am nächsten Morgen wird er vom Inspektor zu einer Gegenüberstellung eingeladen. Da er den Täter gesehen hat, soll er sich mal eine Hand voll Perverse anschauen, um zu sehen, ob da nicht der Täter dabei sein könnte. Interessanterweise gehört der Transvestit nicht in diese Gruppe (wohl aber Exhibitionisten, Sodomiten, Päderasten und Sadomaso-Fans. Die späten 60er/frühen 70er eben). Die Gegenüberstellung war aber offenbar nur ein kleiner Zeitvertreib, denn kurzerhand und ohne, dass sich Sam näher mit den potentiell Verdächtigen beschäftigt, gehen wir in die Hightech-Abteilung der Polizei. Dort berechnet ein Computer anhand der Daten über die verschiedenen Morde eine Täterbeschreibung. Ich weiß natürlich, dass das große Computerzeitalter damals noch in den Kinderschuhen steckte, aber die Täterbeschreibung (durchschnittlich groß, irgendwie braunes Haar, usw.) und die Ausgabe eines Bildes durch ein Nadeldruckverfahren ist schon ziemlich herzig. Sam jedenfalls betont immer wieder, dass ihm an dem beobachteten Mordversuch in der Galerie irgendetwas seltsam vorkam, aber er kann einfach nicht sagen was.

Das ganze Prozedere war jetzt also ziemlich fruchtlos, und Sam beschließt, eigene Ermittlungen aufzunehmen. Julia findet das zwar seltsam (da sind wir schon zwei), aber der Inspektor unterstützt Sam, alldieweil er ja hofft, dass dieser ihm irgendwann noch eine nähere Täterbeschreibung liefern könne.

Und so beschäftigt sich Sam mit den ersten drei Opfern etwas näher. Die Erste (die, glaube ich, die Tote aus dem Vorspann ist), arbeitete bei einem leicht aufdringlichem und offensichtlich auf Sam stehenden Antiquitätenhändler. Kurz vor ihrem Tod verkaufte sie ein sehr seltsames Gemälde (naive Kunst, die einen Mord an einer Frau auf dem Feld zeigt, also etwas, was jeder gerne über den Kamin hängen würde). Sam bekommt freundlicherweise eine Kopie davon.

Und noch etwas weiteres bekommt er, nämlich seinen Pass wieder. Inspektor Morosini ist der Meinung, Sam als Täter ausschließen zu können. Da dieser aber nicht gleich abreisen, sondern noch ein wenig weiter ermitteln möchte, bekommt er Polizeischutz. Zudem ruft der Killer Morosini an, um etwas anzugeben.

Sams weitere Nachforschungen führen ihn zum eingeknasteten Zuhälter des zweiten Opfers, welcher durch einen stotternden und lispelnden Sprachfehler glänzt und ausgesprochen hübsch ist. Zunächst kann der allerdings keine wirklichen Hinweise liefern.

Abends gibt es wieder einen Anschlag auf Sams Leib und Leben, nun, zunächst auf das Leben des armen Polizeibeamten, der zu Sams Schutz abgestellt war. Dieser wird einfach überfahren. Nun könnte man mit Sam und Julia natürlich das gleiche machen, aber stattdessen setzt der Killer seine Verfolgung zu Fuß fort. Der Anschlag missglückt, doch der Killer entkommt (der übrigens nicht der Galeriemörder ist, da wir ihn in vollem unmaskierten Antlitz bewundern können).

Sam möchte immer noch nicht in heimische Gefilde fliegen, und bekommt noch einmal verstärkten Polizeischutz.

Da sich Sam gut mit dem Zuhälter gestellt hatte, verschafft ihm dieser Kontakt zu einem Mann, der herausfinden kann, wer der Auftragsmörder war (dieser Kerl nimmt seine ’niemanden-verpfeifen‘-Politik sehr ernst). Während Sam also zu Hause mit Julia kuschelt und auf Ergebnisse wartet, bekommt er einen Anruf des Serienkillers, der ihm nahe legt, Fünfe gerade sein zu lassen und heim zu düsen.

Dadurch nicht eingeschüchtert besucht Sam die Adresse, die ihm der Kontaktmann mittlerweile hat zukommen lassen, und findet dort nicht nur eine ärmliche Behausung/Bruchbude vor, sondern auch die Leiche des glücklosen Auftragsmörders. Klar, die Polizei muss wieder mal her und aufräumen kommen. Außerdem hat der Inspektor noch anderes interessantes zu zeigen. Durch die Analyse der beiden Anrufe (Sam hat nämlich den Killeranruf aufgenommen) konnte festgestellt werden, dass es sich nicht um den gleichen Sprecher handelt. Außerdem ist auf Sams Aufnahme noch ein seltsames Geräusch im Hintergrund zu hören, das aber nicht näher bestimmt werden kann.

Jetzt hat der Amerikaner doch genug und beschließt, den Heimflug anzutreten. Julia könnte das nur recht sein, doch im letzten Moment kommt Sam doch noch eine tolle Idee und möchte den Maler des Gemäldes besuchen. Tolle Idee, jedenfalls für uns Zuschauer, weil uns doch so eine herrlich durchgeknallte Darbietung von Mario Adorf als Maler und Katzenliebhaber der besonderen Art äh..dargeboten wird.

Blöde Idee aus Julias Sicht, da diese, während Sam in der italienischen Provinz herumturnt, einen Besuch des Serienkillers bekommt. Julia stellt sich zunächst nicht ganz doof an, verbarrikadiert die Tür, sucht nach einem Fluchtweg, und bewaffnet sich. Schlussendlich verliert sie doch die Hoffnung, lebend aus der Sache herauszukommen, sinkt auf den Boden und wäre sicherlich das nächste Opfer geworden, wäre nicht Sam mit polizeitärem Anhang rechtzeitig erschienen und hätte den Bösewicht verjagt.

Nun stünde der Heimkehr eigentlich nichts mehr im Weg, würde da nicht Sams Kumpel (der vom Anfang, der mittlerweile auch die Aufnahme mit dem seltsamen Geräusch belauschen durfte) auftauchen und kund tun, dass er wüsste, was das Geräusch ist, nämlich der (im italienischen) titelgebende Vogel mit den Kristallfedern. Das einzige Exemplar, das man in Rom finden könne, befindet sich im Zoo.

Dort angekommen, fügen sich die restlichen Puzzleteile zusammen, und Ereignisse finden statt, die den Serienkiller enthüllen. Aber, haha, ich verrate nichts weiteres.

Das war also die erste Regiearbeit Dario Argentos. Vieles, was seine späteren Filme und Giallos (Krimis mit einem grafischeren Gewalt- und Nacktheitsanteil, fast ausschließlich aus Italien) ausmacht, ist hier schon zu finden.

Optisch fängt das mit dem schwarzgekleideten und schwarzbehandschuhten Täter an, den man anhand seines Aussehens nicht identifizieren kann. Kein Wunder, schließlich steckte Argento selbst mehr als einmal in dieser Kluft, und nicht der Schauspieler in Täterrolle. Hat natürlich nicht nur damit zu tun, dass der Regisseur das Publikum auf eine falsche Fährte locken wollte, sondern auch damit, dass er seine Vorstellungen direkt umsetzen konnte.

Die Morde glänzen aber nicht nur durch die Darstellung des Täters, und seine Fixierung auf Schneidewerkzeuge, sondern auch durch eine besonders intensive Farbgebung. Das Blut ist unnatürlich rot gefärbt. Das mag man den technischen Unzulänglichkeiten zu schreiben, aber es würde auch in das Bild Argentos als das eines sehr visuell arbeitenden Regisseurs passen.

Ein weiteres Merkmal des argentschen (argentoischen?) Schaffens sind die ungewöhnlichen Kameraperspektiven und das prominente in Szene setzen interessanter Architektur (hier vor allem ein dreieckiges Treppenhaus). Da dies Argentos erste Regiearbeit war, konnte er von Glück sagen, mit Vittorio Storaro einen Kameramann zu haben, der ebenfalls am Beginn seiner Karriere stand (es sollten noch Filme folgen wie „Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“ oder „Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen“, dem Exorzisten-Prequel), und der daher ebenso experimentierfreudig war. So konnte der Regisseur seine Vorstellungen leichter umsetzen und wusste bei späteren Projekten,was möglich war und wie man Bilder entsprechend komponierte. Zu Storaros Ideen zählten zum Beispiel die starken Spielereien mit Licht und Dunkelheit, unter anderem zu sehen, wenn Sam im Finale den Täter verfolgt und beinahe der ganze Bildschirm schwarz ist. Das trägt nicht unwesentlich zur Atmosphäre bei. Daneben wird noch auf Nahaufnahmen gesetzt, auf Handkameras (glücklicherweise ohne nerviges Gewackel) und auf Ich-Perspektiven. Dadurch, das Storaro aber immer dem Regisseur das letzte Wort überließ, verstanden sich die beiden sehr gut (und das, obwohl Argento eine Kamera aus dem Fenster warf und diese dann auch, erwartbar, zu Bruch ging). Dennoch blieb „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ die einzige Zusammenarbeit der beiden Italiener.

Eine weitere Eigenheit von Dario Argento ist es, immer wieder blitzlichtartig Erinnerungsfetzen einzublenden. Hier geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Ist das, was man glaubt, gesehen zu haben, das, was wirklich passiert ist, oder spielt die menschliche Eigenschaft, sich Dinge zu erklären, eine viel größere Rolle, als man denkt, nach dem Sinn „es kann nicht sein was nicht sein darf“.

In „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ (und auch in anderen Argento-Filmen) findet sich eine Unmenge skurriler und kurioser Nebenfiguren, deren Eigenheiten maßlos übertrieben werden (siehe den Stotterer). Argento sieht sich allerdings nicht als einer, der diese Leute bloß stellt, sondern als einen, der sich für die Außenseiter der Gesellschaft interessiert und sie darum zeigt.

Zu den visuellen Gesichtspunkten gesellt sich ein Morricone-Soundtrack, der durch eine gegensätzliche Kombination aus improvisiert wirkenden Elementen und Kinderliedern viel zur unwirklichen Atmosphäre beiträgt, da es oft so wirkt, als würde nicht das dargestellte beschrieben werden. Dabei ist es interessant zu wissen, dass Morricone für den Score tatsächlich nur ein Grundgerüst für das Orchester zusammengestellt hat, während des Spielens allerdings viel dirigierte und arrangierte. Wer sich nun wundert, warum ein Anfänger einen Morricone gewinnen konnte, der sich in der Zeit schon mit der Musik für die Dollar-Trilogie einen Namen gemacht hatte, dem sei gesagt, das hier das Vitamin B wie Beziehung geholfen hat. Morricone war ein bekannter der Familie.

Kurzum, das Zusammenspiel der audio-visuellen Darstellung der Geschichte trägt viel zur unwirklichen, traumhaften Atmosphäre bei. Dazu kommt, dass die Mordszenen wie aus dem Nichts gezeigt werden. Auch der manchmal sprunghafte Szenenwechsel trägt dazu bei. Dieser kommt allerdings dadurch zu Stande, dass Argento Setpiece für Setpiece inszeniert und sich weniger um ein sinnvolles ineinandergreifen kümmert. Besonders auffällig ist das bei der Gegenüberstellungsszene, die ins Nichts führt, und man danach lieber ins Labor geht. Das kann man als künstlerische Absicht sehen, oder als das Unvermögen eines unerfahrenen Regisseurs. Dabei sollte man jedoch im Hinterkopf behalten, dass sich Dario Argento vor der Regiearbeit als Filmkritiker und Drehbuchautor mit dem Thema Film auseinandergesetzt hatte, und er somit schon

ein wenig gewusst haben dürfte, was er tat.

Das Rom, das einem hier gezeigt wird, ist keines, das man von Postkarten her kennt. Ja, nicht einmal wird das Kolosseum gezeigt, stattdessen erwarten einen menschenleere Nebenstraßen und Bauplätze. Das gibt dem Film ein ungewöhnliches Aussehen. Und dann kommt hinzu, dass „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ nun beinahe 50 Jahre alt ist (junge, wen man sich das mal vorstellt…), und uns heute diese Zeit an sich schon sehr fremd vorkommt. Die modernen Techniken zur Fahndung wirken schon sehr drollig heutzutage.

Die Geschichte stammt übrigens nicht von Wallace-Sohn Bryan, wie es im Vorspann behauptet wird (damals wollte man nur auf den Zug der erfolgreichen Wallace-Verfilmungen dieser Zeit aufspringen), sondern von Fredric Brown, einem amerikanischen Science-Fiction- und Krimiautor (als „Die schwarze Statue“). Da Dario Argento aber nicht die Rechte erhielt, veränderte er ein Paar Dinge (so ist der Schauplatz nun Rom und nicht mehr Chicago), aber wenn man sich die Zusammenfassung durchliest, erkennt man den deutlich Film wieder.

Tony Musante gibt hier den Helden, auch wenn er optisch nicht so wirkt, sondern beinahe schon unsympathisch (das kann aber auch an mir liegen). Es passt allerdings hervorragend zu dem Film. Am Set ist er wohl des öfteren mit dem Regisseur aneinander gerate, weil er sich diesem nicht unterordnen wollte. Musante selbst hat es nie zum größten Ruhm gebracht, war aber doch gut (und oft fürs Fernsehen) beschäftigt (z. B. „Oz – Hölle hinter Gittern“).

Enrico Maria Salerno stellt einen Inspektor dar, der, Giallo untypisch, nicht völlig unfähig ist, sondern gleichberechtigt zur Hauptfigur gezeigt wird. Auf der italienischen Bühne ist er bekannt, vor allem aber als dortige Synchronstimme von Clint Eastwood.

Nun wird einen Absatz lang gespoilert.

Eva Renzi war eigentlich schon für einen anderen Film geplant. Da ihr damaliger Ehemann diesen aber nicht so toll fand, und sie auf ihn hörte, brauchte sie schnell eine andere Rolle, um Geld zu verdienen, und da kam ihr „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ gerade recht. Schlussendlich bereute sie aber, bei dem Film mitgewirkt zu haben, denn sie sah ihn als ihren Karierrekiller an (auch wenn sie ihn sich erst 20 Jahre nach Fertigstellung anschaute), das sie als Frau einen Mörder verkörperte. Zumal einen, für den sie keine Motivation sah.

Außerdem gefiel ihr die Zusammenarbeit mit Tony Musante überhaupt nicht, der ihr viel zu egozentrisch war. Zudem empfand sie die Frauen in dem Film nur als Opfer und/oder Werkzeuge der Männer (im Gegensatz zu Argento, der gerne auf seine starken Frauenrollen verwies). Und zu guter Letzt hätte sich sich wohl gerne mehr Führung durch den Regisseur gewünscht.

Trotz allem liefert sie hier eine gute Show ab und man merkt ihr den Unmut nicht an. Schade, dass sie es nie so empfand, als das sie als Schauspielerin respektiert wurde, und schade auch, dass ihr der ganz große Durchbruch verwehrt blieb.

Zu erwähnen wäre hier noch Mario Adorf, der als sehr exzentrischer Maler etwas Humor in den Film bringt (scheinbar war er in Italien bis dahin für Komödien bekannt), und Werner Peters („Das Herz von St. Pauli“, „Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, „Das Mädchen Rosemarie“) in einer seiner letzten Rollen.

„Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ ist ein Film, der eine unwirkliche Atmosphäre verbreitet, und dem das so gut gelingt, weil alles passt und darauf zugeschnitten ist. Darum wundert es mich nicht, dass er beim damaligen Testpublikum zunächst nicht gut ankam. Man muss sich etwas darauf einstellen. Ich kann ihn aber nur empfehlen, vor allem, wenn man ihn in der Fassung sehen kann, in der die vier Minuten zusätzlich mit dabei sind, die aus dem Original ursprünglich rausgeschnitten wurden. Im deutschen entstehen so einige verwirrende Szenen.

Übrigens gibt es den titelgebenden Vogel nicht wirklich. Der Vogel, der gezeigt wird, ist irgendein Kranich.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - September 25, 2017 in Filmtagebuch

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,