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Kais Buchtagebuch – Elizabeth George – „Wer Strafe verdient“ (USA, 2018)

Kais Buchtagebuch – Elizabeth George – „Wer Strafe verdient“ (USA, 2018)

Meine ersten Begegnungen mit Inspector Linley hatte ich damals, als die Filme Sonntagabends im ZDF liefen. Ich schaute die zusammen mit meiner Mutter an, wobei es sich später mit den Barnaby-Filmen abwechselte. Irgendwann gab es dann keine neuen mehr, aber da waren die gemeinsamen Fernsehabende ohnehin schon fast passé. Jedenfalls habe ich dann irgendwann angefangen, die Bücher zu lesen, und fand diese auch ganz gut. Dennoch werde ich immer den TV-Linley vor meinem inneren Auge haben, und nicht den blonden Schönling, der im Buch beschrieben wird.

In der Kleinstadt Ludlow, nahe der englisch-walisischen Grenze stirbt ein Diakon. Aber nicht einfach so, sondern durch Selbstmord. Und auch das ist noch nicht alles, denn der Diakon befand sich in Polizeigewahrsam. Dennoch braucht es noch die Intervenierung des Vaters des Toten, der mit seinem Geld und seinen Kontakten genügend Einfluss ausüben kann, dass New Scotland Yard in den Fall eingeschaltet wird.

Jetzt ermitteln aber nicht wie gewohnt Linley und Havers. Stattdessen wird deren Vorgesetzte Ardery mit dem Fall betraut. Diese nimmt sich zwar Barbara Havers mit, aber weniger zur Unterstützung, sondern mehr zur Kontrolle. Insgeheim würden die oberen Etagen (Ardery eingeschlossen) Havers gerne loswerden, wegen persönlicher Animositäten, und weil sie zu oft Regeln und Gepflogenheiten gekonnt ignoriert.

Die Ermittlungen gestalten sich also zäh. Zu der angespannten Arbeitsatmosphäre (Havers versucht krampfhaft, jeden Fehler zu vermeiden) gesellen sich Arderys regelmäßiger Griff zur Flasche (unter anderem wegen Scheidungs-/Sorgerechtsproblemen), sowie der Unwille der örtlichen Polizei, die sich auf den Schlips getreten fühlt, weil die eigenen Ermittlungsergebnisse in Frage gestellt werden.

Nebenbei werden einige mehr oder weniger Verdächtige Figuren eingeführt und deren mehr oder weniger dunklen Familiengeheimnisse.

Und dann endlich darf das Dreamteam persönlich ran, was aber leider bis zur zweiten Buchhälfte dauert.

Ich hatte mich gefreut, zur Abwechslung mal einen aktuellen Elizabeth George-Roman beschafft zu haben. Bislang hatte ich immer ältere Modelle vor mir liegen. Darum bin ich natürlich nicht ganz auf dem Laufenden, was die serieninterne Geschichte betrifft. Was mir aber bei aller liebe einfach nicht in den Kopf will, ist, warum die Vorgesetzten von Barbara Havers sie immer noch als Dorn im Auge empfinden. Seit vielen Jahren ist sie an erfolgreichen Ermittlungen beteiligt und wird ständig nur wegen ihres Aussehens und ihrer Umgangsformen angefeindet. Dass Havers dann noch irgendwelche Regeln übertreten hatte scheint nur die Kirsche auf dem Eisbecher der Vorwürfe zu sein. Klar, die Engländer sollen hier als die steifen Traditionalisten dastehen, wie man sie sich gerne vorstellt, aber so langsam wirkt das übertrieben. Dass sich die Autorin aber die Engländer wirklich so vorstellt, kann ich nicht glauben. Sie ist zwar gebürtige Amerikanerin, hat mittlerweile jedoch genügend Zeit dort verbracht. Die Engländer, die ich so kenne, geben sich jedenfalls anders.

Wie bereits erwähnt zieht sich das Geschehen ziemlich, was nicht nur an der ungewohnten und unfruchtbaren Konstellation liegt, sondern auch daran, dass sich Havers antrieb, immer weiter zu forschen, lange nur auf allerkleinste Verdachtsmomente stützt, bzw. ungute Gefühle, die sie bei der einen oder anderen Person empfindet. Erst recht spät stößt sie auf eine Lücke von 10 Tagen, die zwischen Meldung eines Verbrechens und der Festsetzung des Dekans liegen. Und von da an kommen dann endlich ein paar vernünftige Ergebnisse zu Stande. Nur leider müssen die beiden Ermittlerinnen zunächst wieder nach London. Aufgrund der alkoholischen Ergüsse Arderys wird Havers wieder hingeschickt, diesmal mit Inspector Linley im Gepäck. Und so klappern sie einige schon bekannte Stationen nochmals ab.

Mir ist klar, dass echte Polizeiarbeit auch meistens sehr zäh ist (und sowieso anders läuft als hier) und mir ist auch klar, dass hier Havers Spürnase und Verbissenheit unter Beweis gestellt werden soll, aber es ist eben schon etwas anstrengend, sich mit ihr durch diese Querelen zu kämpfen. Von dem her kommt es wahrscheinlich wie gedacht herüber, aber irgendwie macht das Lesen dann nicht so viel Spaß.

Vor allem, wenn sich dazu dann noch ein Schreibstil gesellt, der oft indirekte Rede verwendet. Das ist wohl eher ein persönliches Problem meinerseits, dass mir das nicht gefällt. Anders sieht es mit der zum Teil ziemlich gestelzten Redensweise der Personen aus. Das wirkt (wie die englische Steifigkeit) übertrieben und beinahe lächerlich.

Etwas lächerlich ist auch die küchenpsychologische Art, wie sich Ding, eine der wichtigeren Nebenfiguren, ihre Beziehungsunfähigkeit, bzw. eingebildete Beziehungsunfähigkeit erklärt. Aber gut, die Figur ist eben keine Psychiaterin. Noch lächerlicher ist allerdings die Art, wie ihr Vater gestorben ist. Die ganze Zeit denkt man, die unterdrückten Kindheitserinnerungen wären irgendwas furchtbar düsteres, und dann war es ’nur‘ der Tod des Vaters…durch autoerotische Asphyxiationsspielchen. Tut mir leid, das kann ich einfach nicht ernst nehmen, und ich möchte nicht in ihrer Haut stecken…aber das ist so doof und wirkt, als hätte Elizabeth George irgendwas aus den mehr oder weniger jüngeren Schlagzeilen genommen. Eher weniger jung. Aus derselben Quelle stammt sicher auch das Komasaufen unter Jugendlichen, wobei die Jugendlichen hier schon an der Uni sind. Sicher, das gibt es noch, und womöglich ein edler Versuch, da noch etwas Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, aber es wirkt, vor allem angesichts der Themen, die heute die Öffentlichkeit beschäftigen, wie aus der Zeit gefallen und relativ harmlos.

Die zentralen Themen sind da zum Glück eher zeitloserer Natur, als da der Konflikt zwischen Eltern und Kind, und im speziellen zwischen übervorsichtigen und kontrollierenden Müttern, schwachen Ehemännern und Vätern, und Kind. Dieser führt dann auch zu Missverständnissen, Behinderungen bei den Ermittlungen und zur großen Katastrophe. Naja, das, und ein Riesenarschloch, dessen Täterschaft eher schwach motiviert ist. Nebenbei wird auch noch Drogen- und Alkoholmissbrauch thematisiert, aber auch hier schwingt wieder einiges an vereinfachender Psychologie mit. Leider lässt sich nicht immer alles erklären, und vor allem nicht schnell überwinden.

Elizabeth Georges Lynley-Romane zeichnen sich nicht durch ein hohes Tempo aus, sondern durch eine gute Figurenzeichnung und ein Interesse an den Hintergründen der Täter. Für „Wer Strafe verdient“ braucht man aber nochmal eine Extraportion Sitzfleisch. Ein Fall für Komplettisten, aber der gelegentliche Krimileser sollte eher mit einem anderen ihrer Romane vorlieb nehmen.

Gelesen habe ich die Ausgabe des Goldmann Verlags, für die Umschlaggestaltung zeichnet die UNO Werbeagentur München verantwortlich, unter Verwendung eines Entwurfs von Darren Haggar. Das Motiv der Wolken stammt von Getty Images/ Stijn Dijkstra/ EyeEm, das der Stadt von Andrew Compton/ Alamy Stock Foto. Übertragung ins Deutsche erfolgte durch Charlotte Breuer, Norbert Möllemann und Marion Matheis.

 
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Verfasst von - Oktober 8, 2019 in Buchtagebuch

 

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