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Kais Tatorttagebuch – „Als gestohlen gemeldet“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Als gestohlen gemeldet“ (BRD, 1975)

Es ist mal wieder Tatort-Time, and Tatort-Time is better time (kleine Strunk-Referenz). Und nicht nur irgendein Tatort, sondern einer aus dem München der 70er-Jahre (1975 um genau zu sein), also einer Zeit, in der manches viel besser war, und manches viel schlimmer, und manches war so wie eh und je. Das heißt, Kommissar Veigl (Pumuckl-Eder Gustl Bayrhammer) und sein Gefolgsmann Lenz sind am Ermitteln.

Doch zunächst sehen wir ein Bauernpaar, das mit seinem Trecker durch die Pampa fährt. Die fröhliche Spazierfahrt wird jäh unterbrochen, als sie einen Mann am Wegesrand liegen sehen. Dieser sieht nicht mehr so frisch aus, aber scheint doch noch am Leben zu sein. Allerdings erfordert es Überzeugungsarbeit des weiblichen Parts des Paares, bevor ihr Schatzerl sich bereit erklärt Polizei, und vielleicht auch Notarzt zu rufen. Nix von erster Hilfe, sie lassen den armen Kerl einfach im Busch liegen, während sie durch die Gegend tuckern, um ein Telefon zu finden.

Eine etwas lang abgefilmte Notarztuntersuchung später (aber man muss dem Publikum ja auch zeigen, wie so etwas geht, zwecks Bildungsauftrags) befinden wir uns auch schon im Polizeipräsidium. Kommissar Veigl hat den Tascheninhalt des Opfers (übrigens Schädel-Hirn-Trauma, falls das jemand interessiert) vor sich liegen, im speziellen ein Tüterl, dessen Aufdruck ihn zu einer Autowerkstatt/Autohaus führt (es steht aber auch eine handgeschriebene Telefonnummer darauf, da hätte ich ja zuerst angerufen). Die Firma gehört Frau Stumm und erkennt in dem beinah Toten ihren KFZ-Meister Otto Jirisch. Offenbar hat Otto in einer Betriebswohnung gehaust, die Veigl von Frau Stumms Tochter Gigga gezeigt wird. Jetzt mal ehrlich, wie kommt man denn von Gisela auf Gigga? Ich meine Joseph und Sepp, oder Elisabeth und Liserl geht ja noch, aber Gigga? Das klingt schon arg bescheuert.

Als nächstes folgt die weitere Erfüllung des Bildungsauftrags öffentlich-rechtlicher Sender. Der Arzt erklärt Veigl die Auswirkungen eines Schädel-Hirn-Traumas (oder Schädelbasisbruchs). Veigl hätte nämlich gerne mit Otto Jirisch gesprochen, aber der ist im Koma. Dafür beobachtet der Kommissar aber, wie Frau Stumm mit Blumen im Krankenhaus auftaucht und auch gerne den Otto besuchen wollen würde.

Unterdessen sind auch die normalen Streifenpolizisten nicht untätig und finden Jirischs Wagen im Halteverbot. Der Wagen gibt einiges her. Blutspuren von zwei Personen und verschiedene Telefonnummern. Das wird gleich Veigl berichtet, der sich gerade ein leckeres Bayernfrühstück gönnt, nämlich Leberkäse und Kaffee. Bei den Telefonnummern melden sich aber nur Frauen, die aber gleich wieder auflegen. Immerhin liegen die Telefonanschlüsse im gleichen Wohnhaus. Als man dieses beobachtet, fällt eine betrunken Auto fahrende Dame auf, die dort ansässig ist. Und auch aufsässig gegenüber Lenz, der sie erst mal mit auf das Revier nimmt. Obwohl sie verdächtige Verletzungen aufweist und eine Männerjacke im Auto hat (was für Verdachtsmomente), wird sich im weiteren Verlauf noch herausstellen, dass sie mit dem Fall nichts zu tun hat, da sie in der Tatnacht bei einem Professor war, mit dem sie sich vergnügt hat (gegen Bezahlung versteht sich). Am schlimmsten an dem ganzen Storystrang, ist die supercoole Attitüde, die die Dame an den Tag legt. Wenn alle Nutten in den 70ern so geredet haben (noch dazu badisch), frage ich mich, wie die über die Runden gekommen sind.

Es stellt sich heraus, dass Otto Jirisch schon in Hamburg im Knast war. Veigl hat natürlich nichts Besseres zu tun, als das erst mal der Chefin unter die Nase zu reiben und fährt dafür sogar zu ihr nach Hause. Sehr schön übrigens, wie während der Befragung eine Schwarzweiß-Rückblende gezeigt wird. Die verdeutlicht, was wir natürlich schon längst wussten, nämlich dass zwischen Jirisch und Frau Stumm mehr herrschte, als ein geschäftliches Verhältnis. Gleichzeitig wird auch noch die Tochter Gigga befragt, die sich im schicken roten Bikini im Garten räkelt und auch so nicht schlecht aussieht. Allerdings benimmt sie sich wie eine beleidigte 13 Jährige (und soll doch schon 18 sein) und gibt nur kurze Halbsätze als Antworten. Ihr halbseidenes Alibi für die Tatnacht fliegt auch gleich auf (angeblich war sie im Kino, nennt aber einen Film, der gar nicht mehr lief). Also muss sie zugeben, dass sie bei einem Mann war, will aber nicht mit dem Namen rausrücken (na, wer das wohl sein könnte). Nachdem sich der Polizeibeamte verabschiedet hat, klettert sie gleich aus dem Fenster, rennt zur Jirischs Wohnung und holt sich dort eine verdächtige Kassette (ein Gegenstand, in dem man etwas aufbewahrt, nicht das veraltete Musikmedium) aus dem Kleiderschrank.

Es folgt ein netter Zusammenschnitt von Befragungen diverser Nachbarn und Mitarbeiter, in welchem Otto Jirischs Ruf als Frauenheld, dem viel Neid entgegengebracht wird, gefestigt wird. Dann endlich kann die Polizei die Jirisch-Wohnung durchsuchen und fördert dabei einen BH der Tochter zu Tage. Währenddessen bekommt Veigl ein Gespräch zwischen einem Versicherungsvertreter und Frau Stumm mit. Offensichtlich werden überdurchschnittlich viele Autos, die über die Stumm-Firma versichert sind, als gestohlen gemeldet (na, weiß jemand schon Bescheid?).

Gleichzeitig durchsuchen Lenz und sein Partner die Wohnung der betrunkenen Nutte (da die ja noch nicht wissen, dass die mit dem Fall an sich nichts zu tun hat). Dabei überraschen sie einen Mann (mit verdächtigen Gesichtsverletzungen), wie er sich auf rabiate Weise Zutritt zu einer Wohnung verschaffen will. Als sie ihn nach seinen Personalien fragen, zückt dieser eine Waffe (die er allerdings gleich fallen lässt) und flieht. Es schließt sich die erste Treppenhausverfolgungsszene dieses Tatorts an. Natürlich kann er den fitten Polizisten nicht entkommen. Auf dem Revier stellt sich dann raus, dass dieser Typ (er behauptet, er heiße Leu) keine Fingerabdrücke besitzt (er hat sie sich mit Salzsäure weggeätzt). Außerdem saß er in Hamburg im selben Knast wie Otto Jirisch.

Veigl, mal wieder bei Stumms zu Hause, möchte gern den Namen des Gspusis von Gigga erfahren, doch die sagt nichts. Dafür entdeckt er die auffällig unauffällig rumstehende Kassette, in welcher er dann Fotos findet. Gigga schreit „Gemein!“ und strampelt beleidigt auf dem Bett herum. (Na gut, ich sag´s gleich jetzt, auch wenn das erst später gezeigt wird, die Fotos zeigen die nackte Gigga und den wenig bekleideten Otto Jirisch, die ganz offensichtlich was miteinander hatten, ohne dass es die Mutter wusste).

Veigl stattet nun dem Versicherungsheini einen Besuch ab, und erfährt zwei Dinge. Erstens, die Autoklauerei fing erst nach der Einstellung Otto Jirischs bei Firma Stumm an. Und zweitens kann die Firma immer sehr schnell für Ersatz sorgen, immer gleiches Modell, nur andere Lackfarbe.

Jirisch ist im Krankenhaus verstorben, und Frau Stumm ruft reumütig bei Veigl dahoam an. Sie wolle ihm was in der Werkstatt zeigen. Veigl lässt also seinen getreuen Dackel zurück und begibt sich zur Firm Stumm, wo ihm Frau Stumm nicht nur die Lackiererei mit den Ersatzschlüsseln, Nummernschildern der gestohlenen Wagen und Fahrgestellnummerkärtchen zeigt, sondern ihm auch noch alles erzählt, was uns dann gleichzeitig mit einer SW-Rückblende gezeigt wird. So war sie überfordert und in Geldnot nach dem Tod ihres Mannes. Da kam der Jirisch, den sie sogleich einstellte. Mit seinem Charme (Komplimente und Kleidergeschenke), schlich er sich in ihr Herz. Von ihm kam dann auch die Idee, mit Hilfe der Ersatzschlüssel, die Autos zu klauen, sie umzulackieren und nochmals zu verkaufen, sprich Versicherungsbetrug im großen Stil. Als die Schulden abbezahlt waren, wollte Frau Stumm damit aufhören, aber Jirisch musste da erst noch seinen Partner Leu überzeugen, der ihm die extra Schlüssel gemacht hatte. Veigl ist auf Grund des Geständnisses (und der Tatsache, dass Frau Stumm Jirisch immer noch verteidigt), sehr schockiert. Und zwar so sehr, dass er gerne den Fall abgeben würde.
Bevor er das allerdings mit seinem Chef ausdiskutieren kann, wird Alarm geschlagen. Leu, der gerade vom Vernehmungsraum, wo er die Tat an Jirisch gestanden hatte (es sei allerdings ein Unfall, Streit ums Geld und Notwehr gewesen) abgeführt wurde, konnte mit dem ältesten Trick der Welt („ich muss auf´s Klo“) entkommen, hat sich eine Polizeiuniform geschnappt und läuft jetzt durch das Gebäude. Natürlich fällt seine Verbrechervisage dennoch auf, und er sieht sich genötigt die Treppe nach oben zu fliehen (zweite Treppenhausverfolgungsszene). Die Flucht endet auf dem Dachboden. Dort gibt es noch ein kurzes Katz und Maus-Spiel, bevor Leu zu blöd zum Laufen ist, stolpert, und über irgendeine ominöse Treppenbrüstung in den Tod stürzt. Ende, Verbrecher bestraft, Fall gelöst.

Der Tatort an sich war nicht einmal so ein schlechter. Sehr gefallen haben mir vor allem die immer wieder eingeblendeten schwarz-weiß-Rückblenden. Am besten wirken diese, wenn sie gänzlich andere Bilder zeigen, als von Frau Stumm eigentlich beschrieben. Später dienen sie noch der visuellen Unterstützung. Das bringt schön Abwechslung in den drögen Tatort-Alltag.

Etwas seltsam dagegen muten die Treppenhausverfolgungsszenen an. Da passiert nicht viel, außer, dass Leute Treppen hoch, bzw. runter laufen. Da hätte man sich auch etwas Spannenderes einfallen lassen können. Ebenso seltsam ist der tödliche Sturz von Leu. Im einen Augenblick sprintet er noch, im nächsten stolpert er unmotiviert über seine eigenen Füße in den Tod. Man hätte ihn, wenn man schon auf dem Dachboden herumstrolcht, irgendwie auch vom Dach fallen lassen können. Das sähe nicht nur tödlicher, sondern auch spektakulärer aus.
Ein weiteres Kuriosum ist der Arzt, der immer alles genau erklärt, damit der Zuschauer vorm Bildschirm auch etwas lernt. Man kommt sich beinahe wie in einem Erste-Hilfe-Kurs vor.

Story-technisch bleibt am Ende noch einiges im Dunkeln. Es wird zum Beispiel nicht ganz klar, ob Jirisch den Versicherungsbetrug von Anfang an geplant hatte. Möglich wäre es, da er die gefälschten Fahrgestellnummern schon vorbereitet hatte. Vielleicht hätte er das illegale Geschäft auch ohne Wissen der Chefin angefangen. Auch seine Beziehung zur Chefinstochter führt im Prinzip nirgends hin. Sie hätte auch genauso gut irgendeine Frau sein können (gut man wollte vermutlich zeigen, was für ein unguter Mensch Jirisch ist. Und die Nacktbilder waren natürlich auch wichtig).
Die ominösen Telefonnummern der Prostituierten, die in Jirischs Auto gefunden wurden, machen ebenso wenig Sinn. Es wird nie wirklich erklärt, warum die da rumliegen. Es könnte natürlich sein, dass er so Kontakt mit ihnen aufnahm um ein Treffen zu vereinbaren…aber das wäre ja…an den Haaren herbeigezogen…oder?

Etwas, was auch sehr halbseiden wirkt, ist die Geschichte um die betrunkene Nutte Mathilde. Die gibt es eigentlich nur, damit Lenz in ihrer Wohnung herumstöbern, Sexspielzeuge bestaunen und dann Leu überraschen kann. So was nennt man dann gute Polizeiarbeit.

Veigl wirkt in diesem Tatort, vor allem am Ende, äußerst schockiert. Gustl Bayrhammer erweckt den Eindruck, dass Kommissar Veigl sein Verfallsdatum überschritten hat. Dennoch löste er noch 10 weitere Fälle (mal sehen, ob er dann immer noch an der Menschheit zweifelt).

Frau Stumm und ihre Tochter Gigga sind auch im richtigen Leben Mutter und Tochter. Gisela Uhlen (Mutter) bringt die gutgläubige Chefin recht glaubhaft rüber. Dagegen wirkt Susanne Uhlen wirklich nicht wie 18, sondern tatsächlich wie eine leberwurstige 13 Jährige. Aber wer weiß, vielleicht waren die Abiturienten früher so? Beide können auf eine reichhaltige Beschäftigung im deutschen TV-Schmonzens zurückblicken, und sind bis heute da auch noch tätig, in den Rosamunde Pilchers und Landärzten der öffentlich rechtlichen.

Interessant ist auch der Werdegang von Ralf Wolter (Leu). Der hat nämlich schon in zahlreichen Karl May-Verfilmungen sein Bestes gegeben („Durchs wilde Kurdistan“, „Old Surehand“, zwei der Winnetous). Im heutigen Tatort hat er nur eine relativ kleine Rolle inne gehabt (und das als Täter).

Der Tatort ist kein schlechter, es gibt aber auch weit bessere als „Als gestohlen gemeldet“. Allerdings bietet dieser einige seltsame Ideen (und über „Gigga“ werde ich mich noch ein wenig amüsieren, heutzutage sollte auch wieder mehr Dialekt im Tatort gesprochen werden). Die Story an sich war relativ dünn, aber das Drumherum hat mich doch schon unterhalten. Kann man also mal anschauen.

 
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Verfasst von - März 18, 2019 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Mordgedanken“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Mordgedanken“ (BRD, 1975)

Heute gibt es schon wieder einen Tatort, und schon wieder einen mit Kommissar Brammer, der ja erst kürzlich seinen Einstand feierte. Gut, in der Tatort-Reihenfolge trennen die beiden 7 Episoden, aber hier wird ja etwas durcheinander veröffentlicht.

Die Eröffnungsszene zeigt einige Bahnbedienstete, die sich einen Güterzug anschauen, dabei findet einer ein verdächtiges Paket, jedoch nicht, bevor es von einem Schnitt auf den anderen düsterste Nacht geworden ist. Das Paket wird im Pausenraum vom Bahnpersonal geöffnet. Was müssen das noch für Zeiten gewesen sein, als man bei so etwas nicht gleich an Bomben dachte. Der Inhalt ist aber nichts für schwache Nerven, es ist nämlich ein Frauenunterarm (tricktechnisch dadurch gelöst, dass jemand seinen Arm reinlegte und man nur die Hand und Teile des Unterarms sieht, mit ein paar Holzspänen und roter Sauce). Darauf folgt die Titeleinblendung, mit der Anmerkung, dass diese Geschichte ganz echt und ziemlich genau so passiert ist und man nur Namen verändert habe.

Auf dem Revier erfahren wir, dass nun schon zwei Kartons mit Extremitäten gefunden wurden (dieser hier bei Hannover und einer Richtung Bayern). Während ein Kollege gerne mehr von seinem Urlaub erzählen würde, beschäftigt sich Brammer mehr mit den gefundenen Extremitäten. So hat er sich vom örtlichen Obduzenten sagen lassen, dass der Arm halbwegs geübt abgetrennt wurde und es ein französischer Nagellack ist.

Wie gut, dass nun zu einer französischsprachigen Familie geblendet wird. Natürlich kann man am Dialekt erkennen, dass es Belgier sind. Es wird aber auch einiges später darauf hingewiesen, dass wir gerade in Brüssel sind. Töchterchen Daniele erzählt von dem geplanten Gebirgsurlaub mit einer Bekannten. Am Flughafen kauft sie sich jedoch direkt Ansichtskarten und schreibt diese während des Hinflugs. Hoffen wir mal, dass es dort Postkarten mit Bildern des Ziels zu kaufen gab, sonst könnte das etwas seltsam wirken, wenn man statt eines tollen Alpenpanoramas nur die Stadtansicht Brüssels bekommt. Auf dem Flug lernt Daniele einen Kirschlikör schlabbernden Bahnfuzzi kennen, ich meine, sie lernt Bundesbahnoberrat Sperling kennen. Sie erzählt im zwar, weiter nach Genf fliegen zu wollen, aber als er sie ein Bahnticket nach Rhüden kaufen sieht, statt umzusteigen, fährt er ihr natürlich hinterher. Er wird doch nicht…

Nun werden ein paar Figuren mehr vorgestellt. Zum einen wäre da Edmund Freese, der jemanden, offenbar Daniele, vom Bahnhof abholen möchte. Dummerweise ist er aber einen Zug zu früh da und so geht er nochmal los, um Dinge zu erledigen. Dann gibt es da noch den Rechtsanwalt Kenzie, der seine Liebste (und Freeses Nichte) Ricki vom reiten abholt. Scheinbar heißt Rickis Vater Alfred (also Freeses Schwager, nur dass Alfred mit Nachnamen Georgie heißt) die Verbindung nicht so wirklich gut, jedenfalls sollen er und die Familie davon nichts wissen.

Unterdessen wurde scheinbar ein dritter Karton mit einem Frauenfuß gefunden (übrigens ist der erste Karton der einzige, den wir geöffnet bewundern durften, bei den anderen wird nicht mal gezeigt, wie sie gefunden wurden, es wird uns nur erzählt, das ist wohl günstiger gewesen). Die altgedienten Ermittler in Baden-Baden wundern sich, dass Brammer in dieser scheinbar aussichtslosen Sache freiwillig ermittelt, und ich wundere mich über Zuständigkeiten in Deutschland. In verschiedenen Bundesländern tauchen Leichenteile auf Güterzügen auf, wer ist denn nun verantwortlich? In diesem Fall eben die in Hannover, weil sie sich darum reißen.

Kenzie unterhält sich mit Freese, scheinbar ist er nicht nur Anwalt, sondern auch Freund der Familie (und eben Nichten-Stecher, wobei es wohl auch irgendwas zwischen Rickis kürzlich verstorbener Mutter und Kenzie gab, so richtig wird das aber nie gesagt, nur als Gerüchte und Getuschel erzählt). Freeses im Ausland (Brasilien, um genau zu sein) lebende Ehefrau scheint sich endlich scheiden lassen zu wollen. Das kommt diesem aber gar nicht recht, nicht wegen der Gefühle natürlich, es geht ihm um ihr Geld, das in seiner Fleischkonservenfabrik steckt. Jetzt hat Freese aber erst mal einen vollen Terminkalender. Er muss nicht nur zur Beerdigung seiner Schwägerin (wo sein Schwager Alfred sehr angespannt ist), sondern auch zum Bahnhof, um diesmal Daniele wirklich abzuholen, was jetzt auch klappt. Übrigens bekommt man hier eine schöne Dampflok zu sehen, immerhin durften diese noch zwei Jahre lang im Bahnverkehr verkehren. Erst 1977 wurde die letzte Dampflok aus der Personenbeförderung entlassen. Äh…weiter im Krimi. Der seltsam-neugierige Sperling steigt auch mit aus, nachdem er aber ein von Daniele weggeworfenes Stück Papier aus dem Müll fischt, wird er von der Bahnpolizei abgefangen. Das folgende Gespräch wird leider nicht gezeigt, dürfte aber wohl irgendwas von „ich bin ihr Chef“ und „ich gehe hier nur meinen seltsamen Hobbies nach“ beinhaltet haben.

Brammer wird von seinem Chef zusammengefalten, weil er sich als Versicherungsmensch ausgegeben hatte. Danach bespricht er mit seinen Mitarbeitern den Fall, wobei hier aus irgendeinem Grund seltsam gelacht wird. Und die Schlüsse, die Brammer zieht, kommen mir auch nicht ganz wasserdicht vor. Naja, man wollte wohl zeigen, dass in dem Fall auch noch ermittelt wird.

Freese ist mit Daniele zu einer Staumauer gefahren, um ein wenig spazieren zu gehen. Dabei macht er sich mit komischen Andeutungen verdächtig („Niemand weiß, wo du bist“) und erschrickt sie verdächtig am Rande der Staumauer. Nach einer Begegnung mit einer ebenso seltsamen Frau (Freeses Sekretärin, wie wir später erfahren werden) bringt er seine Geliebte ins Hotel.

Später am Abend trifft sich der Konservenfabrikchef mit seiner Sekretärin eben dort, in der Fabrik. Diese hat vor 11 Jahren dafür gesorgt, dass die erste Ehe von Freeses noch Ehefrau geschieden werden konnte (sie brachte den damaligen Ehemann in Misskredit), und wäre nun gerne mal mit Freese zusammen, auch wenn sie weiß, dass es nicht aus Liebe sein wird („Liebe, was ist das? Ein ausgetrunkenes Glas Wasser.“). Deshalb ist sie nur wenig von Danieles Anwesenheit begeistert. Er gibt ihr zu verstehen, dass sie erst mal in den Urlaub fahren solle.

Als Freese nach Hause kommt, findet er seinen Hund tot vor. Sofort holt er sein Gewehr aus dem Schrank und ruft dann den Tierarzt an, damit er schauen könne, woran der Hund gestorben ist. Ich kann mich nicht erinnern, ob das je geklärt wird, aber ich fand, die Reaktion, zuerst den Tierarzt anzurufen seltsam genug, sodass ich das hier erwähnen wollte.

Bei Ermittlers wird weiterhin gerätselt. Und Brammer gibt mit seinem Wissen über historische Kriminalfälle an. Es folgen einige Lückenfüller (Daniele zum Beispiel geht nicht gleich ans Telefon, war aber nur im Bad, etc.). Schließlich kommt aber Sperling aufs Revier. Mittlerweile wurden schon 4 Leichenpakete gefunden, und der Kommissar und der Bahnoberrat versuchen herauszufinden, welche Stelle in Deutschland der Schnittpunkt der vier Güterzüge ist. Nach einiger Zeit kommen sie auf Rhüden (also da, wo sich bislang ein Großteil der Handlung abgespielt hatte). Brammer ist aber überraschend zögerlich, wohingegen Sperling sofort dorthin fahren möchte.

Während Freesen-Schwager Alfred sich seltsam benimmt und das mit Ricki und Kenzie rausbekommt, führen Daniele und Freese selbst ein ernstes Gespräch ihrer beider Zukunft betreffend bei ihm zu Hause, durchs Fenster beobachtet von der höchst seltsamen Sekretärin.

Sperling und Brammer kommen in Rhüden an und finden relativ schnell die in Frage kommende Brücke, von welcher aus die Päckchen auf die Güterwaggons geworfen wurden (es war scheinbar ein sehr kurzer Tag, denn es ist wieder ziemlich schnell Nacht geworden). Und ein Glück, dass sie gekommen sind, denn sie können einen Mann sehen, der eben dies tut. Leider kann er entkommen, und leider wird dem Zuschauer auch nicht gezeigt, wer das war. Immerhin scheint man auf der richtigen Spur zu sein, und so wird die Brücke observiert und die Kneipen in der Gegend von Polizisten in Zivil aufgesucht, um mögliche Informationen zu beschaffen. Freese, dessen Frau schon lange niemand mehr gesehen hat, da sie ja in Brasilien ist (oder nicht?), und der ja eine Fleischkonservenfabrik besitzt, also fürs Zerkleinern zumindest passendes Equipment besitzt, scheint ein passender Verdächtiger zu sein. Bevor aber weiter ermittelt werden kann, möchte Brammer nun wissen, warum Sperling denn überhaupt Daniele nachgereist ist. Logisch, meint er, er wollte eben mal etwas verrücktes machen.

Freese hat nun ein paar Probleme. Nicht nur, dass seine verrückte Sekretärin seine Geliebte aus dem Hotel abgeholt hat und wer weiß was mit ihr anstellt, nein, es kommt auch noch ein Typ seiner Versicherung in den Betrieb, der seltsamerweise wie Kommissar Brammer aussieht, und sich das Gelände anschauen möchte wegen einer möglichen Police-Erhöhung. Außerdem erwähnt Brammer auch noch grundlos eine Lebensversicherung für Freeses Frau. Brammer, ziemlich nervös, gibt dem vermeintlichen Stromberg einen Angestellten an die Hand, der ihn herumführen soll. Nachdem die zwei an einem verschlossenen Raum vorbeigekommen sind, für welchen nur der Chef persönlich den Schlüssel hat, verabschiedet sich Brammer von seinem Reiseleiter und schleicht sich in des Fabrikleiters Büro. Ich vermute, es ist wieder mal ziemlich plötzlich Nacht geworden, denn es befindet sich niemand anderes mehr im Betrieb, so dass dort er in aller Ruhe den Schreibtisch durchsuchen und den Schlüssel finden kann. Nicht nur das, er erwischt Freese auch dabei, wie dieser Kartons den Flammen übergibt, die genauso bedruckt sind, wie diese, um die es ja eigentlich die ganze Zeit schon geht. In dem Raum selbst aber gibt es nichts zu sehen, dennoch darf Freese die Nacht auf dem Revier verbringen. Sein Anwalt Kenzie hat leider sein Telefon ausgesteckt um ungestört mit Ricki schmusen zu können. Nun, bevor er dieses tat, kam doch noch ein Anruf herein. Freeses Frau kündigt sich an, wieder heim zu kommen.

Und so kommt es, dass sich alle Personen bei Freese zu Hause treffen, der Verdächtige selbst, der Kommissar samt Polizeischutz, Ricki und Kenzie, die Sekretärin, Alfred und endlich auch Freeses Frau Tina. Das ist irgendwie dumm gelaufen für den Kommissar, weil er diese eben als zerstückelte Leiche vermutete, und nun nichts mehr in der Hand hat. Gut, aber Daniele ist immer noch verschwunden, ein gewisser Verdacht besteht noch, doch da klingelt schon das Telefon. Und Sperling sagt, er habe Daniele am Flughafen wohl auf gesehen. Immerhin, während des Telefonats kann Brammer beobachten, dass Alfred sich die Schuhe mit genau demselben ungewöhnlichen Knoten bindet, der auch an der Paketschnur der Leichenpäckchen vorzufinden war. Außerdem wird er dauernd so nervös, dass er sich immer wieder von Ricki ein Zäpfchen geben lassen musste (also, ich hoffe nur in die Hand geben und nicht verabreichen…). Freese bohrt also ein wenig nach und fragt, was wohl im Sarg der toten Freese-Schwester vorzufinden sei, sollte dieser exhumiert werden. Das ist zu viel für den guten Alfred und er gesteht einen Giftmord an seiner Frau. Da aber nun in den Leichenteilen kein Gift nachgewiesen werden konnte, kann das schlecht sein. Überrascht fragt Alfred Ricki ob das wahr sei. Und warum? Nun, weil er und Freese dachten, Ricki hätte ihre Mutter vergiftet, schließlich fehlte ja auch etwas Arsen aus dem Väterlichen Apothekervorrat. Ihr Motiv hätte sein sollen, dass die Mutter nie zur Hochzeit zwischen Ricki und Kenzie zugestimmt hätte. Und darum haben Freese und Alfred die Tote zersägt und zu entsorgen versucht (übrigens gestorben an einer natürlichen Ursache, ich glaube an den Folgen eines schweren Magengeschwürs). Es gibt nun keinen Mord, aber die beiden Zersäger wurden zu 8 Monaten und zu einem Jahr verurteilt, wie uns eine Einblendung am Ende verrät. Schließlich ist das alles ja echt passiert und so.

Der zweite Tatort mit Kommissar Brammer ist vor allem zu Beginn etwas konfus. Das hält so lange an, bis man die verschiedenen verwandtschaftlichen Verhältnisse und Techtelmechtel zugeordnet hat. Der Hauptteil des Films beschäftigt sich auch damit, erst am Ende werden wirkliche Ermittlungen gezeigt. Nicht unbedingt ein schlechter Ansatz, zu versuchen, dem Umkreis der toten mehr Hintergrund zu geben. Und dadurch, dass sich so viele seltsam benehmen (und am Ende schließlich niemand der Mörder war), bekommt das beinahe einen ironischen Charakter. Etwas ungeschickt ist aber, das manche Sachen nicht so richtig gezeigt werden. So zum Beispiel, warum Kenzie immer ein schlechtes Verhältnis zu Rickis Mutter gehabt haben soll, zudem wirkt es von seiner Seite aus nicht so, als wäre er an einer Heirat interessiert, weshalb ich das größtenteils ignorierte. Ebenso, dass Arsen in Alfreds Apotheke fehlt. Es werden also unter anderem durch weglassen von Dingen (zum Beispiel auch die Todesursache des Hundes) falsche Fährten kreiert, was ich etwas unfair gegenüber dem Zuschauer finde. Man will ja schließlich selber mitraten. Manche werden aber auch durch seltsames Verhalten geschaffen (die Sekretärin zum Beispiel), was meiner Meinung nach sehr gut funktioniert. Und manches (wie zum Beispiel der Anruf bei Daniele, den sie erst nicht annimmt, weil sie im Badezimmer ist) dienen nur dazu, Zeit totzuschlagen, und nicht dem Spannungsaufbau.

Andererseits ist es ganz gut, dass Brammer nicht zu häufig vorkommt, er ist und bleibt nämlich ein alter Klugscheißer ohne große sympathische Werte. Ich jedenfalls hätte ihn nicht öfter sehen wollen. Da hat sich im Vergleich zum ersten Fall nichts geändert.

Bahnoberrat Sperlings Motivation, dem Mädel hinterher zu reisen kann ich immer noch nicht ganz nachvollziehen, aber klar, er war der erste falsche Verdächtige. Dargestellt wird er von Ulrich Matschoss, der bei Schimanski 10 Jahre lang als Kriminaloberrat Karl Königsberg beschäftigt war.

Gunnar Möller (Freese) war auch immer wieder beim Tatort beschäftigt, gab zweimal den Hitler und erschlug 1979 seine Frau im Affekt. Nach einiger Zeit war aber dann auch wieder für Film und Fernsehen tätig. Gut, ich kenne die näheren Umstände des Falles nicht, finde es aber doch mal erwähnenswert.

Jutta Speidel ist die junge Ricki. Wie gesagt, so ganz kann ich die Beziehung zum Rechtsanwalt nicht nachvollziehen, da dieser nicht so wirklich an was festem interessiert scheint. Jutta Speidel selber ist ja bis heute relativ bekannt im deutschen Film und Fernsehen, durfte aber auch schon international tätig werden (z.B. im „Illuminati“). Damals lagen ihr die Schulmädchenreport-Jahre aber noch etwas näher.

Kleines, ganz kleines Kuriosum noch am Rande, statt am echten Rhüdener Bahnhof zu drehen wurde scheinbar einer in Goslar gewählt. Heutzutage sehen die aber sicher alle etwas anders aus.

Stefan Murr, der die Vorlage „Mord im September“ schrieb (übrigens ein Pseudonym von Bernhard Horstmann, was selber wie ein Pseudonym klingt), verwendete scheinbar wirklich echte Kriminalfälle als Grundlage. Wie viel davon aber schlussendlich übrig blieb, das kann ich nicht sagen.

Es bleibt mir also nur noch zu sagen, dass „Mordgedanken“ wieder mal eher durchschnittliche Krimikost bietet. Wirklich langweilig wird es durch das Auslegen der vielen falschen Spuren nicht, aber die Handlung ist doch etwas verworren. Das Ende finde ich zwar ganz witzig, aber den Kommissar leider daneben. Meh.

 
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Verfasst von - März 13, 2018 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Die Abrechnung“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Die Abrechnung“ (BRD, 1975)

Die Tatort-Reihe ist aus der Sommerpause zurückgekehrt, wie man so hört, mit einer Folge mit einer Portion Science-Fiction. Viele haben ihn gesehen, ich jedoch nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass die öffentlich-rechtlichen Schreiberlinge da etwas logisches zusammengebastelt haben. Ich habe eine Reise in die Vergangenheit unternommen zu Kommissar Haferkamp aus Essen.

Heinz Haferkamp stellt einen jungen Kommissar dar. Er ist zwar geschieden, doch versteht sich ziemlich gut mit seiner Exfrau, so gut sogar, dass er sie in bis jetzt jedem Fall einmal zu Rate zog. Außerdem hat er eine Vorliebe für Alt und kalte Frikadellen, scheinbar ein angesagter Snack in Essener Kneipen. Letzterer Charakterzug ist übrigens auf dem Mist des Schauspielers Hansjörg Felmy ganz alleine gewachsen.

Es beginnt der Tatort damit, dass Evelyn Stürznickel ihre Stieftochter Angela mit Tabletten versorgt und ins Bett steckt um die angebliche Grippe auszukurieren. Später in der Nacht schleicht Evelyn mit gezückter Waffe die Treppe herunter, offenkundig weil sie den Einbrecher im Wohnzimmer gehört hat. Dieser begutachtet die Leiche von Frau Stürznickels Schwiegervater, der erschlagen wurde, und nur wenige Augenblicke später macht er die Bekanntschaft mit drei Pistolenkugeln.

Die Polizei wird also angerufen, und kommt unter anderem in Form von Kommissar Haferkamp angerückt. Haferkamp stutzt schon ein wenig, dass Angela überhaupt nichts von den Schüssen gehört hat, bzw. so starke Tabletten bekommen hatte, dass sie nicht aufwachte.

An dieser Stelle befürchtete ich schon, dass die nächsten 75 Minuten damit verbracht werden, diesen eigentlich offensichtlichen Mord (zumal für einen Zuschauer aus heutiger Zeit, der im Schnitt schon eine Menge Krimis gesehen hat) aufzuklären. Glücklicherweise ist dem nicht so. Nach ein paar Gesprächen im Umfeld des Einbrechers, in denen sich herauskristallisiert, dass dieser ein Verhältnis mit Frau Stürznickel hatte, glaubt Haferkamp genügend Indizien gegen die Schwiegerwitwe in der Hand zu haben. Offenbar auch die Staatsanwaltschaft, und so kommt es zur Verhandlung. Frau Stürznickel jedoch hat mit Dr. Alexander einen der besten Strafverteidiger zur Hand, der zwar der beste Freund des Verstorbenen war, und auch selber schon die ein oder andere Verdächtigung hat, was dessen Todesumstände betreffen, aber er erklärt sich bereit, den Fall zu übernehmen, unter der Voraussetzung, dass er sein Mandat sofort niederlege, wenn er Beweise dafür bekäme, dass Evelyn etwas mit dem Mord zu tun hat.

Vor Gericht nimmt Dr. Alexander die Anklage auseinander. Er beschuldigt Kommissar Haferkamp, die Angeklagte nur deswegen festgenommen zu haben, weil ihre sexuellen Aktivitäten (neben dem Einbrecher hat sie noch eine Affäre mit einem Tierarzt) nicht in sein spießiges Weltbild passen würden. Die Folge ist der Freispruch. Haferkamp ist geknickt, auch weil seine Meinung von ihm selbst etwas erschüttert wurde. Glücklicherweise kann ihn seine Exfrau etwas aufbauen.

Nach dem Prozess hat der Strafverteidiger Alexander noch eine kurze Unterhaltung mit Angela. Angela möchte ihr Erbe nicht, sondern es wäre ihr lieber, wenn ihre Mutter das Geld bekäme. Zeitgleich flashbackt sie immer wieder zur Mordszene. Offensichtlich war sie gar nicht so betäubt, wie sie allem und jedem weismachen wollte, sondern hat mit angesehen, wie ihre Stiefmutter ihren Großvater umgebracht hatte. Dennoch erzählt sie dem Anwalt nichts davon, sondern verdrückt sich lieber nach Hause. Dort schreibt sie irgendwas und entlässt ihren Vogel aus dem Käfig in die Freiheit.

Eines Tages im Präsidium gönnt sich Haferkamp gerade eine kleine Mahlzeit, als ein Anruf kommt. Angela ist verschwunden, während Evelyn Stürznickel mit dem Tierarzt Kürschner das Wochenende in ihrem Haus am See verbrachten. Noch bevor die Suche wirklich in Gang kommt wird Angelas Leiche aus dem See gefischt. Von da an geht es schnell, Schlag auf Schlag werden immer mehr Hinweise gefunden, die alle auf Evelyn Stürznickel als Täterin deuten und Dr. Kürschner mindestens las Mitwisser. Beide werden also verhaftet, was zu einigen wirklich gelungenen Tiraden Kürschners führt, in denen er sich über das ungerechte Rechtssystem beschwert.

Haferkamp geht der Fall nicht mehr aus dem Kopf, vor allem die Amsel. Zudem die Tatsache, dass Evelyn ihre Stieftochter sehr zugetan war und ihr eigentlich nie etwas angetan hätte, jedenfalls interpretiert er das aus dem Briefverkehr. Letztendlich fällt der Groschen erst, als der Prozess schon im vollen Gange ist. Haferkamp holt sich einen Durchsuchungsbefehl für Dr. Alexander, der wieder die olle Stürznickel verteidigt. Er gibt sich aber verdächtig wenig Mühe. So ist es dann auch kein Wunder, das die beiden Angeklagten verurteilt werden.

Nach Prozessende sitzt der Anwalt ganz alleine im Saal und sammelt seine Unterlagen zusammen, als Haferkamp eintritt, nicht nur mit der Anschuldigung, Dr. Alexander hätte Angelas selbstgemordete Leiche gefunden und sie benutzt, um ihrer Stiefmutter einen Mord anzuhängen, sondern auch mit dem Abschiedsbrief Angelas, der in der Kanzlei des Anwalts versteckt war, und ebenso mit einem Zeugen, der gesehen hat, wer die Tote im See versenkte.

Und am Ende holt Haferkamp den unschuldig verurteilten Kürschner noch höchstpersönlich vom Gefängnis ab. Was genau jetzt mit Evelyn Stürznickel passiert, das bleibt dem Zuschauer vorenthalten.

„Die Abrechnung“ hat mir anfangs wirklich Sorgen gemacht, weil ich dachte, das wird so ein Larifari-Fall, bei dem der Zuschauer nach 10 Minuten schon den Fall durchschaut. Zumal ja schon mit „Wodka Bitter-Lemon“ ein Haferkamp-Tatort einer war, der dieser Kategorie entsprach. Glücklicherweise hat sich das als unbegründet erwiesen. So wird man als Zuschauer durch den ersten Prozess selbst in seinem Urteil verunsichert. Das mag 1975 sogar noch viel besser auf die Menschen vor dem Bildschirm gewirkt haben, vor allem, wenn man sich selber auch den Anschuldigungen an sexuelles Spießertum stellen muss (die Verteidigung Dr. Alexanders). Es ist allerdings sehr schade, dass sich der Film nicht zutraut, diese Unsicherheit noch eine Weile aufrechtzuerhalten und stattdessen Angelas Erinnerungen zeigt. Die zweite Hälfte macht ein größeres Geheimnis um den Täter, bzw. den Tathergang. Am unterhaltsamsten sind dann aber die Auseinandersetzungen zwischen Haferkamp und Dr. Kürschner, besser gesagt, Kürschners Monologe, wie er gegen das Justizsystem wettert und gegen die Ermittlungsart ist herrlich anzusehen.

Als optische Besonderheit bietet „Die Abrechnung“ einige hübsche Überblendungen (also von einer Szene zur nächsten), etwas, das man nicht unbedingt erwartet und die ansonsten konventionelle Arbeitsweise erfreulich auflockert.

Einige Kuriositäten gibt es auch noch zu bestaunen. So erscheint mir eine Amsel als Haustier doch recht ungewöhnlich, oder, dass der Kommissar mit Frau Stürznickel gemeinsam in deren Auto zur Identifizierung der Stieftochter fährt. Weniger kurios als viel mehr tragisch ist die Geschichte der Mutter des erschossenen Einbrechers, die im und nach dem Krieg einen Sohn nach dem anderen verloren hatte.

Hansjörg Felmy spielt seinen Kommissar routiniert. Das ist durchaus nicht negativ gemeint. Kein Wunder, dass er zu den beliebtesten Ermittlern gehört.

Maria Schell wirkt sehr gekünstelt. Zunächst hielt ich es für Absicht, da ihre Rolle ja eine falsche Aussage vorzutragen hatte. Aber das gibt sich auch im weiteren Verlauf leider nicht. Ich würde ihr eher zutrauen, ihre Stieftochter tatsächlich umgebracht zu haben, als nicht in der Lage dazu gewesen zu sein. Mit ihren vielen Rollen (unter anderem eine kleinere Rolle im Superman von 1978) und Auszeichnungen vermute ich, dass sie überzeugender sein konnte, wenn sie mochte.

Romuald Pekny ist ein überzeugender Rechtsverdreher und verliert sein beherrschtes Äußeres auch erst, als Haferkamp ihn enttarnt. Er war abseits der Theaterbühne in einer Vielzahl von Fernsehfilmen zu sehen, unter Anderem auch in „Das Biest im Bodensee“, den ich damals tatsächlich im Fernsehen gesehen habe. Ich glaube der Film war eher albern.

Zu Rolf Becker habe ich ja schon viel Positives von mir gegeben. Sein Tierarzt ist sehr sehenswert. Man kann ihn in unzähligen TV-Filmen bewundern. Wenn man ihn hier so sieht, weiß man, woher Ben Becker seine Begabung hat. Wie der Vater so der Sohn.

Irina Wanka, die junge Angela, tritt nicht nur bis heute in Filmen auf, sondern synchronisierte schon so einige Größen, zum Beispiel Sophie Marceau in „LOL“ oder Charlotte Gainsbourg u.A. in „Antichrist“. Hier wirkt sie sehr teilnahmslos, aber dafür ist sie ja auch nicht die ganze Zeit dabei. Kleine Anmerkung für Leute mit seltsamen Geschmack, ihre Leiche zieht blank, öhm…

Der Tatort „Die Abrechnung“ hat womöglich einen etwas schleppenden Anfang, aber schon mit dem Prozessbeginn nach 15 Minuten zieht der Unterhaltungsgrad an. Ein Vertreter der Reihe, der sicherlich auch heute noch sein Publikum finden würde. Manchmal jedoch wirkt es, als würden die Figuren ihren Einsatz vermasseln. Das ist aber ein Eindruck, den viele der alten Tatorts erwecken, wenn jemand mitten im Satz von jemand anderem unterbrochen wird. Vielleicht ist das aber auch Absicht, das lässt sich kaum klären.

 
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Verfasst von - September 4, 2016 in Filmtagebuch, Tatorttagebuch

 

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Kais Tatorttagebuch – „Das zweite Geständnis“ (BRD, 1975)

Kais Tatorttagebuch – „Das zweite Geständnis“ (BRD, 1975)

Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass ein Tatort aus den 70ern nicht ganz der klassischen Form entspricht. So gab es mit „Frankfurter Gold“ eine Episode, die beinahe vollständig die Sicht des Täters zeigt (es ging um Fälschungen von Goldbarren). Die heutige alte Folge wird zur Hälfte in Rückblicken erzählt.

Der Tatort beginnt mit dem Gefängnisalltag Leo Koczyks, der als Tatverdächtiger im heutigen Mordfall gilt und am nächsten Tag seinen Prozessbeginn erleben soll. Abends geht ihm sein Zellengenossen so sehr auf die Nerven, dass er ihn mit dem Mord an seiner Schwägerin einzuschüchtern versucht und Sachen erzählt, die der Polizei bislang unbekannt waren. Doch entspricht das der Wahrheit oder hat er sich alles nur ausgedacht?
Kommissar Veigl und seine Kollegen Rückblicken immer wieder auf die Geschehnisse, die mit einem einfachen Scheunenbrand begannen, während sie in der Gegenwart die Ermittlungen wieder aufnehmen.
Schlussendlich wird die Sache aufgeklärt und der Mörder durch die Verletzung des Briefgeheimnisses enttarnt. Oder darf man im Mordfall Briefe öffnen, die ein Tatverdächtiger versendet (an sich selbst adressiert?). Ich denke nicht, aber kenne mich in der Gesetzeslage, vor allem der von 1975, nicht gut genug aus, um da ein fundiertes Urteil abgeben zu können.

Wie gesagt, der Fall wird in Rückblenden gezeigt und gleichzeitig in der Gegenwart weiter erzählt. Dabei bleibt tatsächlich eine sehr lange Zeit offen, ob denn der Verdächtige Koczyk der Täter ist oder nicht.

Ansonsten gibt es die typischen Eigenheiten eines 70er-TV-Krimis. Der Gastkommissar aus einer anderen Stadt muss unbedingt vorkommen, manche Schauspieler spielen eher so, als stünden sie auf einer Theaterbühne, die Tapeten sind bizarr und die Musik…nun, die ist sogar ziemlich gut und smooth. Klar, sie wiederholt sich häufig, doch geht gut ins Ohr. Etwas, das man nicht erwarten kann. Da geht ein großes Lob an Arpad Bondy. Ein Beispiel seines Schaffens ist die Titelmelodie zu Skechtup. Einfach den Gesang wegdenken.

Wilmut Borell spielt hier einen furchtbar unsympathischen Leo Koczyk, und zwar auf die schon genannte theaterliche Art und Weise. Die hübsche Lisa Fitz, auch in einem Schulmädchenreport zu sehen, spielt das Mordopfer, ihre Tante Veronika Fitz stellt ihre Schwester dar. Beide stammen aus der großen und bekannten Familie Fitz (duh), deren zur Zeit vielleicht bekanntester Spross der Regisseur und Schauspieler Florian David Fitz ist.
Ein weiterer Tatverdächtiger wird dargestellt von Peter Schiff, der in der deutschen Synchronisation dem berüchtigten HAL 9000, dem Computer aus „2001: Odyssee im Weltraum“, seine Stimme lieh.

Inszeniert wurde der Tatort von Wilm ten Haaf, der nicht nur für 7 Folgen der Reihe verantwortlich war, sondern auch sonst eine Fülle von TV-Produktionen und Hörspielen erschuf.

Abschließend sage ich, dass dieser Tatort mal einen Blick wert ist, immer natürlich unter der Voraussetzung, man hat nichts gegen wunderhübsche Tapeten.

Hm…ist eigentlich Veigls Dackel gestorben? Der kam gar nicht vor, es stand nur ein Schwarzweiß-Foto auf seinem Schreibtisch. Stimmt ja, da war ja was…traurig traurig.

 
 

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Kais Tatorttagebuch, „Tatort: Die Rechnung wird nachgereicht!“ (Deutschland, 1975)

Kais Tatorttagebuch, „Tatort: Die Rechnung wird nachgereicht!“ (Deutschland, 1975)

Die Tatorts sind, was das Filmtagebuch betrifft, jetzt immerhin schon im Jahre 75 angekommen. Mittlerweile wirken sie nicht mehr ganz so unausgegoren, und ich habe auch schon ein paar Lieblingskommissare. Kommissar Konrad, der im heutigen Fall ermittelt, gehört dazu.

Der Tatort beginnt wo andere aufhören, nämlich im Gefängnis. Dort sitzt Felix Wuntsch ein, einziger Überlebender eines Gangsterduos. Als einziger Überlebender sollte er wohl auch wissen, wo die 1,2 Millionen Mark Beute aus dem letzten Coup sind, allerdings hat er bislang immer den Dummen gespielt und allen gekonnt glauben machen können, er sei völlig unwissend. Und es gibt genügend Leute, die hinter der Millionen her sind. Nicht nur Kommissar Konrad würde die Diebesbeute gerne konfiszieren, auch die Mitgefangenen von Wuntsch, ganz besonders Schuckert lecken sich gierig die Finger. Dieser hat nämlich Kontakte nach draußen und lässt über diesen Umweg Wuntschs Tochter Elke bedrohen. Diese soll dann nämlich ihrem Vater ausrichten, dass, falls Schuckert nicht erfährt, wo die Beute steckt, Elke etwas Schlimmes zu stoßen könnte. Wuntsch allerdings erzählt lieber Theo Kein, einem Mitinsassen, der in Kürze entlassen wird, wo das Geld ist. Ihm vertraut er nämlich genügend, und er glaubt ihm auch, dass dieser das Geld mit seiner Tochter teilen wird.

Theo Klein macht sich gleich nach seiner Freilassung auf die Suche, und stellt fest, dass er ein Problem hat. Denn an dem Ort, an dem das Geld vergraben ist, stehen mittlerweile Ferienhäuser. Nach kurzer Recherche hat er herausgefunden, wo der Erbauer wohnt und nimmt Kontakt zu ihm auf. Theo Klein möchte den ungewöhnlich korpulenten Bauherrn mit Namen Nicklisch nämlich erpressen, da er vermutet, dieser habe die 1,2 Millionen Mark ausgegraben. Nicklisch hat das Geld aber beim Bau gar nicht gefunden, allerdings ist er auch nicht auf den Kopf gefallen.  Durch die Informationen von Theo kann er sich ausrechnen, wo das Geld liegen soll und macht sich auf den Weg in die Hütte, um dort Grabungsarbeiten durchzuführen. Theo Klein  legt sich in die Büsche und beobachtet das Ganze. Doch nicht nur er, auch die bösen Bekannten von Schuckert liegen dort. Diese haben nämlich den Theo schon geraume Zeit im Auge. Und auch Kommissar Konrad hat sich gedacht, dass dieser Theo Klein mehr weiß und hat ihn beobachtet. Und so kommt es zum großen Showdown, an deren Ende natürlich der Kommissar als glücklicher Gewinner feststeht, und die bösen Buben ihre gerechte Strafe bekommen. Naja, Nicklisch nicht, der hat ja nicht viel getan, außer zu graben.

Dieser Tatort bietet am Anfang einen interessanten Einblick in das Alltagsleben deutscher Gefängnisse der 70er Jahre. Sehr überraschend fand ich, dass die Zellen wirklich wirklich klein sind. Die beiden Bewohner können beinahe nicht aneinander vorbeilaufen, so eng ist es da. Ebenso überraschend ist auch, dass im Gefängnishof Basketball gespielt wird (eine recht unprofessionelle Version mit seltsamen Regeln, aber immerhin…). In einem deutschen Gefängnis hätte ich ja eher Fußball erwartet.

Der Kommissar hat eigentlich nicht so viel zu tun, im Prinzip muß ihm nur irgendwann einfallen, den richtigen Mann beschatten zu lassen, dann muß er ihm nur noch folgen. So kommt es, dass man einen Großteil des Krimis Theo Klein bei der Arbeit beobachtet. Das ist allerdings gar nicht so schlimm. Theo Klein wird gut und sympathisch dargestellt. Udo Vioff ist zwar früher stark im deutschen TV-Geschäft unterwegs gewesen, seit 1996 machte er aber nichts mehr. Und da er auch nie eine wirklich große Rolle bekam, ist er heutzutage ein Unbekannter einer.

Bekannt hingegen ist Nicklisch, den der wird von Gunter Strack dargestellt, und er kommt auch richtig unsympathisch und geldgeil rüber. Mit einer ziemlichen Körperfülle scheucht er gerne mal seinen ihm an Körperfülle in nichts nachstehenden Sohn durch die Gegend.

Einen weiteren bekannten Namen trifft man noch an, nämlich Sky du Mont, den meisten geläufig als Santa Maria aus „Der Schuh des Manitu“. Er spielt den Bösen, wie er sie immer spielt, zwischen schleimig-charismatisch bis hin zu gefährlich. Eine gute Leistung für einen einfachen Tatort.

Sieht man einmal von dem plötzlichen Einfall ab, einfach die richtige Person beschatten zu lassen und ansonsten nichts wirklich Ermittelndes zu zeigen, ist das Ganze ein sehr sehenswerter Krimi, nicht zuletzt deswegen, weil Kommissar Konrad eine nicht verborgene Sympathie für Wuntsch und später auch für Theo Klein hegt und sich so einige interessante Dialoge ergeben.

 
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Verfasst von - Juni 6, 2013 in Tatorttagebuch

 

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